Von Karl N. Nicolaus

Wie seltsam ist es mit den Erinnerungen! Manchmal überfallen sie den Menschen wie Horrissenschwärme, die aus dem dunklen Hinterland des Daseins hervorbrechen. Man kann sie nicht abschütteln, und wegzulaufen hat auch keinen Sinn. Denn kann man seine Assoziationen steuern? Man hat sie oder man hat sie nicht! Steuern kann man sie auf keine Weise.

Als ich bei einem Bekannten, der seit zehn Wochen schon im Krankenhaus liegt, zu Besuch war, da schleierte sich gerade dort der Hornissenschwarm der Erinnerungen heran, der Hornissenschwarm der Masken. Eine Hilfsschwester brachte dem Genesenden das obligate Kohlrübenpüree. Sie servierte es mit einem Lächeln, als ob es eine Delikatesse von hohen Graden sei. Dann ging sie hinaus. Eine halbe Stunde später, als ich von dem Genesenden hinausgeschickt wurde, eine Tasse zu holen, sah ich diese selbe Hilfsschwester inmitten ihrer Gefährtinnen stehen. Sie war mit Bändern bunt behangen und erkärte es mir. Sie sei zu einem Faschingsfest eingeladen. Und wie entschuldigend fügte sie hinzu: "Ich bin zwar Flüchtling, aber immer kann man ja auch nicht dahocken und km Vergangenen nachtrauern."

Ich begriff, woher das Lächeln stammte, mit dem sie das Kohlrübenmus verklärt hatte. Es war das Lächeln der Erwartung einer Freude, die sie sich gönnen würde. Ja, und dann, als ich wieder bei dem Bekannten am Krankenbett war, fielen jene ersten Erinnerungen über mich her. Wir redeten von vielen ernsthaften Dingen. Zwischendurch aber summte immer wieder eine impertinente Melodie: Irgendwo ist Fasching. Es war ein Abglanz jener größeren Melodie: Irgendwo ist Frühling, irgendwo ist Freude, irgendwo ist Frieden ...

Auf dem Heimweg vom Krankenhaus begann dann der Begriff "Narrenfreiheit" wahllos Assoziationen auszulösen. Und ich dachte an meinen toten Lehrer, der immer sagte: "Narrenfreiheit! Da betreiben sie fünf oder sechs Wochen im Jahr die Narrenfreiheit unter der Maske des Faschings und tun so, als wären die übrige Zeit keine Narren unterwegs. Wo die Welt schon ganz anders aussehen würde, wenn sie nur sechs Wochen jedes Jahr ‚Vernünftigenfreiheit‘ machen würden und diese Vernünftigen wirklich frei schalten und walten ließen..."

So sprach dieser Mann. Und ich grüßte auf meinem Heimweg in Gedanken jenen Lehrer als erstes, der die Masken so haßte, nicht die Masken des Faschings, aber die Masken, die das Leben regieren... Doch die Melodie sang weiter in mir: Irgendwo ist Fasching, irgendwo ..."

Und da sitze ich nun zu Haus und starre ins Leere, und die Bilder ziehen herauf und versinken. Und mit ihnen Mädchen und Frauen, die wohl von Fleisch und Blut waren – sehr von Fleisch und Blut sogar – und die doch nur als Masken in mir geblieben sind, das heißt: im bürgerlichen Sinne namenlos und in fremdartigen Gewändern und durch sie herausgelöst aus der Welt ihres Alltags und les Alltags überhaupt. Und es irrlichtert das Abenteuer herauf wie das Wetterleuchten von glückseligen Inseln, die seit langem unter dem Horizont versunken sind.