Wir müssen uns so schwer es uns fallen mag, um jene innere Unbefangenheit bemühen, die bereit ist, sich an allem Guten in der Welt zu freuen, auch wenn nicht ersichtlich ist, daß wir sofort etwas "davon haben" könnten. Nur mit dieser Aufgeschlossenheit tun wir das unsere, um den verlorengegangenen Anschluß an die Welt wiederzugewinnen.

Deshalb sollten wir eine Nachricht nicht unbeachtet lassen, die aus dem umfangreichen Arbeitsbereich der UNO kommt. Innerhalb des Wirtschafts- und Sozialrats der UNO ist ein Ausschuß für Menschenrechte gebildet worden. Er tagt zur Zeit unter dem Vorsitz von Eleanor Roosevelt in Lake Success bei New York. Dieser Ausschuß hat die Aufgabe, ein internationales Grundgesetz für Menschenrechte auszuarbeiten, das der Vollversammlung der UNO auf ihrer nächsten Tagung unterbreitet werden soll.

Ausschuß für Menschenrechte! Internationales Grundgesetz für Menschenrechte! Das mag in einer Epoche der Vorherrschaft der Technik und des Staates zunächst wie eine aufgewärmte Utopie des achtzehnten Jahrhunderts klingen. Erinnerungen werden heraufbeschworen an die Zeit der Französischen Revolution und der Gründung der Vereinigten Staaten, an eine Zeit der unbegrenzten menschlichen Hoffnungen und des strahlendsten geschichtlichen Optimismus. In den anderthalb Jahrhunderten die seitdem vergangen sind, insbesondere in den letzten drei Jahrzehnten, sind wir glaubensloser und hoffnungsärmer geworden. Und wir haben für diese Skepsis einen eigenen Namen: Realpolitik.

Diese sogenannte Realpolitik mag insofern wirklichkeitsnahe sein, als sie den Menschen nicht mehr für so unbedingt gut hält wie die großen Idealisten des achtzehnten Jahrhunderts. Aber keine "Realpolitik" verdient ihren Namen, wenn sie den Menschen vergißt. Und daß der Mensch vergessen wird, das gerade ist die bedrohlichste Gefahr inmitten aller Riesenplanungen und Mammutorganisationen der Gegenwart. Nichts ist wichtiger, als daß man sich wieder auf den Menschen besinnt, daß man die alte Weisheit neu erlernt: Der Mensch ist das Maß aller Dinge.

Und deshalb ist die Nachricht von dem Ausschuß in Lake Success eine gute und beglückende Botschaft. Sie besagt, daß die größte und weltumspannendste aller Organisationen, die UNO, an den Menschen und an seine Rechte denkt.

Der amerikanische Entwurf eines Grundgesetzes für Menschenrechte zeigt sehr deutlich, daß hier nicht einfach utopisch deklamiert werden soll. Mit erfreulicher Klarheit werden vier Gruppen von Menschenrechten unterschieden: 1. Persönliche Freiheitsrechte (Redefreiheit, Religionsfreiheit, Besitzfreiheit und so weiter); 2. Rechte des Menschen gegenüber staatlichen Behörden, zum Beispiel bei Gerichtsverfahren; 3. Soziale Rechte (Recht auf Arbeit, auf Sozialversorgung, auf einen wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Mindeststandard), und 4. Politische Bürgerrechte. Ferner wurde ein Unterausschuß für die Fragen der Informations- und Pressefreiheit eingesetzt. In Lake Success wird also durchaus praktisch und im guten Sinne realpolitisch gearbeitet.

Allerdings hat der sowjetische Vertreter bereits gegen den Entwurf Einspruch eingelegt. Er erklärte einige der vorgesehenen Menschenrechte als "unnötig", andere als zu allgemein definiert oder als der Gesetzgebung verschiedener Länder widersprechend. Seine Kritik bezog sich besonders auf die im Entwurf unter dem Abschnitt "Freiheit" zusammengefaßten Rechte. Daß im Osten unter "Freiheit" etwas anderes verstanden wird als im Westen, ist nur allzu bekannt. Dieser Gegensatz muß sich auch bei der Arbeit des Ausschusses für Menschenrechte auswirken. Das ändert nichts daran, daß dieser Ausschuß der UNO mit seinem großen Ziel einen besonderen Anspruch auf die Sympathien aller Menschen aller Völker hat. E. F.