Schwarze Klänge

Von Hanns Braun

In München gab es unlängst einen Menschenauflauf. Vor den Ruinen der Michaelskirche und Alten Akademie, vor diesem kolossalischen Hintergrund etablierten sich fünf Männern: viere spielten auf und der fünfte, ein Kriegsinvalide, sammelte. Diese Wiedererweckung einer Spitzweg-Idylle mitten in unserm makabren winterlichen Alltag fand unter den Münchnern (obwohl ja nur jeder fünfte ein "richtiger" ist) ungeteilte Zustimmung. Denn: als ein Schutzmann, pflichtgetreu und gegen die Verlockung der Tone gefeit, sich anschickte, die Musikanten auf ihren Wandergewerbeschein hin zu prüfen, beschimpften ihn die Freiluftkonzertteilnehmer m, daß, wie berichtet wird, die Insassen eines amerikanischen Fahrzeugs das Überfallkommando alarmierten, das denn auch bald zur Stelle war und die fünf Neuhauserstraßen-Harmonists nebst zwei besonders randalierenden Musikfreundinnen aufs Polizeipräsidium brachte. Nun, man kennt das "goldene Münchner Herz". Es hat oft lange keine Gelegenheit sich sehen zu lassen. Hier war es mal ganz mit sich d’accord. Ein bissel Musik inmitten der Trostlosigkeit, hergeweht über die mühseligen Pfade der Ämtergänger und Nahrungssucherinnen – welch ein Schluck ans dem Born des verschütteten Lebens! Und überdies: wäre jetzt nicht eigentlich Karneval? Zum Tanzen und Kostümieren reicht’s nicht Alkohol gibt’s nur für Apothekerzwecke. Aber Musik?

Je nun, wir kommen aus Zeitläuften, wo das Recht in Versuchung gebracht wurde, sich auf den schlüpfrigen Wegen des Volksempfindens zu verlauten, und es scheint daß wir es jetzt wieder eine Weile andersherum versuchen müssen. Wie könnten auch Ordnung und Imponderabilie sich befreunden, dort wo "die Vorschrift" Hausgöttin ist, geehrt mit allem, dessen Menschen sich entäußern können. Alles, was recht ist! dachte sich der Schutzmann, beunruhigt wahrscheinlich durch den Menschenauflauf. Und: wenn sie den Wandergewerbeschein hatten, dann konnte ja ihm gar nichts geschehn. Aber ach, sie hatten ihn nicht. Denn die Delinquenten wurden vom Schnellrichter zu drei Wochen Haft verurteilt – "wegen Bettelei". Und da, zum andernmal, muß wohl das Volksempfinden von der Jurisprudenz zur Räson gerufen werden, ehe es die naive Frage über die Lippen läßt, wieso denn fünfe, die etwas dafür geboten haben (nämlich Töne), Bettler sind? Musik ist schließlich Kunst Der Ausweis erst macht sie zum Gewerbe. Aber Geld scheffeln ohne das gestempelte Erlaubnispapierchen, was ist das? Keinesfalls wird ein Kind unsrer Tage antworten: Bettelei. "Schwarzhandel!" wird es sagen. Also hätten jene fünf an der Michaelskirche vor aller Ohren dennoch gleichsam hintenherum gespielt? Ja, lohnte denn das überhaupt? werden die echten, die gewappelten Schwarzbörsianer fragen.

Doch siehe da. zivil gedacht, lohnte es wirklich. Denn dar Polizeibericht sagt, gleichsam zur Rechtfertigung der drei Wochen Haft, daß die Musikanten binnen zwei Tagen nicht weniger als 3650 Mark eingenommen hätten. O goldenes Münchner Herz, treulich geführt vom goldlosen Geldüberhang: wie zeigst du dich da erst in deiner ganzen Glorie! Wegen amtlichen Hintertreibens von ein bißchen Vergnügen hättest du zwar auch geraunzt und gegrantelt. Aber daß es dich, auf männlich und weiblich, zum Randalieren trieb, kam von dem Invaliden und daher, daß wahrscheinlich alle fünfe so aussahen, als wären sie Kriegsheimkehrer. die halt mit dem, was sie gelernt haben, frisch und von unten anfangen – übrigens zur allgemeinen Belustigung.

"Bettler"? Wenn sie nun nach drei Wochen ans dem Kittchen kommen, werden sie dann den Gewerbeschein kriegen oder ihn sich verscherzt haben? Oder werden sie, ohne noch lange danach zu fahnden, sich still in das dunkle Heer derer einordnen. die, weil sie nicht tun dürfen, was sie gelernt haben, und ohne viel Lust zu dem, was man sie ließe, jenes andre tun, was sich – o sonderbarer Widersprach! – am leichtesten erlernt und am schwersten zinst!? Ob sie wohl dann auch noch, wie zur Zeit der "schwarzen" Töne, mir das hinnehmen, was die goldnen Herzen in die Mütze zu legen für gut befinden? Daß einmal ein enthusiastischer Preis freiwillig für etwas erlegt wurde, was weder Bedarfs- noch Mangelware gewesen, wird ihnen dann am Ende gewiß selber komisch vorkommen.

Männerträume mit Klavier