DIE ZEIT

Von Alfried Gymnich

Nektar war bei den Griechen der Göttertrank, der Unsterblichkeit verlieh, Lethe der Fluß in der Unterwelt, aus dem die Seelen, die genug vom Leben hatten, den Trank der Vergessenheit schöpften, und weg war alle Erinnerung ans Erdenwallen.

Man kann im Zweifel darüber sein, welches dieser beiden Elixiere am besten schmeckt. Soll man sich Unsterblichkeit wünschen und dazu verurteilt sein, über die Jahrtausende hinweg Zeuge zu werden, wie die Menschheit von Generation zu Generation immer die gleichen Fehler wiederholt, dieselben Hoffnungen spinnt und dieselben Enttäuschungen sammelt? Oder tut man besser daran, Vergessenheit von der Misere des Daseins zu suchen?

Ach nein, Unsterblichkeit ist etwas für Götter, die mit ihrem weltweiten Abstand von den irdischen Dingen die Möglichkeit haben, sich aus allen menschlichen Plackereien herauszuhalten und sicher viel Grund haben, homerisch zu lachen beim Anblick des Treibens dort drunten. Und die Vergessenheit? Ich fürchte, daß wir auch ohne Lethe viel zu vergeßlich sind – leider.

Vergeßlichkeit war früher ein Privileg alter Leute; heute aber ist sie eine Zeiterscheinung, teils bedingt durch eine unzureichende Ernährung, teils eine Folge der politischen Fragebogen. Dennoch: wir dürfen nicht vergessen, wenn wir endlich aus unseren Fehlern lernen wollen! Wir können gewiß manches mit dem Mantel der Nächstenliebe zudecken und vergeben, obwohl dieser Mantel recht fadenscheinig geworden ist, aber vergessen –? Nein!

Neiden wir also weder den olympischen Göttern den Nektar, noch den Seelen im Schattenreich Lethe, denn für uns Menschen im Diesseits sind Flüssigkeiten bereitet worden, die sich beiden Elixieren würdig an die Seite stellen lassen, uns für Augenblicke den Zauber göttergleichen Erhobenseins und zugleich Vergessenheit schenken und außerdem dem persönlichen Geschmack weitgehend Rechnung tragen. Aber ach, auch diese irdischen Göttergetränke sind heute unerreichbar für gewöhnliche Sterbliche. Uns geht es wie Tantalus, Sohn des Zeus, Genosse der Götter, der zur Büßung seiner Frevel in die Unterwelt verbannt wurde. Nach Homer steht er dort dürstend bis zu den Knien im Wasser, über seinem Haupt leuchten die schönsten Früchte, doch will er essen oder trinken, sich aufrichten oder sich bücken, so weichen Früchte und Wasser zurück. Er muß in der mittleren Stellung bleiben, alles andere hat keinen Zweck.