Englands Palästina-Mandat

Die Araber haben jede weitere Diskussion über das Problem einer Teilung Palästinas und die Festsetzung einer laufenden jüdischen Einwanderung rundweg abgelehnt mit der Begründung, Palästina gehöre zu der großen homogenen Einheit des arabischen Raums und mit dem Hinweis darauf, daß MacMahon dem Scherif von Mekka Hussein im Jahr 1915 "die Unabhängigkeit der arabischen Länder und ihrer Bevölkerung" zugesagt habe. Die Juden dagegen verlangen die Erfüllung der sogenannten Balfour-Erklärung von 1917, die ihnen die "Errichtung einer nationalen Heimstätte in Palästina" zusichert. Zu diesen beiden berechtigten, aber unvereinbaren Ansprüchen treten heute deutlicher denn je die Interessen, die England und Amerika an eben demselben Gebiet haben, wodurch die Lösung des Problems noch komplizierter wird.

Es ist kein Zweifel, daß die Konsequenzen und Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges England zwingen, seine Positionen im Mittelmeerraum zu verstärken. Es hat daher im Hinblick auf die Entwicklung in Ägypten im Nedjeb, dem Südteil Palästinas, der sich bis zum Golf von Akaba erstreckt, starke militärische Stützpunkte ausgebaut. Nachdem das Gebiet während eines Jahres vollständig gesperrt war, sind jetzt zum erstenmal Truppen aus Ägypten dorthin verlagert worden. Aber selbst wenn die Verhandlungen über den Sudan zu einem für die englischen Interessen positiven Ausgang gelangen sollten und damit die Sicherheit des Suez-Kanals von dorther gewährleistet erscheint, bleibt Palästina mit Rücksicht auf das Öl ein lebenswichtiges anglo-amerikanisches Interessengebiet Die große Pipeline die das irakische Öl von Kirkuk nach Haifa leitet, endet auf palästinensischem Boden, und auch das riesige Projekt einer neuen Ölleitung die das saudi-arabische Öl aus dem östlichen Raum des Persischen Golfs in den gesicherteren Bereich des Mittelmeeres führen soll, sieht Haifa als Endstation vor.

Der Verlauf der Londoner Konferenz hat gezeigt, daß es ein unlösbares Problem ist, zwei verschiedene Partner, denen das gleiche Objekt versprochen worden ist, zu befriedigen. England hat seit Übernahme des Mandats nach dem Ersten Weltkrieg vergeblich versucht, mit dieser unseligen Vorbelastung fertig zu werden und den beiden Parteien Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Bis 1939, waren die Araber die Aufrührer und Anstifter immer wieder neuer Unruhen, Als die englische Regierung sich 1939 entschloß, im sogenannten "White Paper" eine Beschränkung der jüdischen Einwanderung und des Landverkaufs an Juden vorzunehmen, wandte sich das Blatt und die jüdische Opposition nahm zu, bis sie schließlich heute ein solches Ausmaß erreicht hat, daß, wie Churchill in der Unterhausdebatte sagte, eine Handvoll Terroristen eine Armee von 100 000 Mann, die England jährlich 30 Mill. Pfund kostet, in Schach hält.

Die Zustände in Palästina, deren Entwicklung der gesamte Vordere Orient mit äußerster Spannung und einer wachsenden Kritik an der "Laschheit" der englischen Politik verfolgt, legt den Gedanken nahe, sich endlich für eine der beiden Parteien zu entscheiden und die andere fallen zu lassen. Aber eben diese Entscheidung ist die Schwierigkeit: Das zunehmende Gewicht der Arabischen Union und die traditionelle Verbundenheit dieser Völker mit England läßt sie als den wichtigeren Partner erscheinen. Auf der anderen Seite finden die jüdischen Interessen einen so starken Rückhalt an den Vereinigten Staaten, daß es bei der derzeitigen Konstellation nicht ratsam erscheint, sie zu übergehen.

So ist, nachdem soeben in London der von Bevin ausgearbeitete Kompromißvorschlag wiederum sowohl von Arabern wie Juden abgelehnt worden ist, vorderhand noch kein Ausweg zu sehen. Auch die Übergabe des Mandats an die UNO – ein Vorschlag, der als letzte Rettung immer wieder von verschiedenen Seiten gemacht wird – würde ja nur einen Bühnenwechsel bedeuten und keine Lösung bringen. Ganz abgesehen davon, daß, wenn das Problem Palästina vor die UNO gebracht wird, dadurch auch die anderen Großmächte Einfluß im Arabischen Raum gewinnen würden, wodurch vermutlich neue Komplikationen entstehen würden. Dff.