Der kürzlich auf der Londoner Konferenz der Außenminister-Stellvertreter vorgelegte holländische Vorschlag zur Regelung der deutschen Wirtschaftsverhältnisse kann als konstruktiv gelten. Die holländischen Delegierten fordern: eine Hebung des allgemeinen Lebensstandards in Deutschland, eine Revision des Industrieplans und die Eingliederung der deutschen Wirtschaft in das allgemeine westeuropäische Wirtschaftssystem.

Man weiß in Holland sehr genau, daß die deutsche Wirtschaftsstagnation eine ansteckende Krankheit ist, die auch auf die Nachbarländer überzugreifen droht Holland war einmal sehr eng mit der Wirtschaft Westdeutschlands verbunden. Im letzten Vorkriegsjahr spielte sich etwa ein Fünftel des holländischen Außenhandels mit Deutschland ab – ganz abgesehen vom Transitverkehr, der Rotterdam zum größten Hafen des europäischen Kontinents gemacht und Amsterdams Stellung als westeuropäisches Finanzzentrum begründet hat. Es steckt also ein recht gesunder wirtschaftlicher Egoismus dahinter, wenn Deutschland im holländischen Lager nicht bloß als Konkurrent, sondern als erwünschter Partner betrachtet wird.

Die Ziele der holländischen Vorschläge sind offensichtlich. So erklärte eines der holländischen Delegationsmitglieder, daß Holland gegen eine einseitige Entwicklung der deutschen Landwirtschaft sei. Der Grund ist klar: Das Gartenland Holland fürchtet, den guten Dauerkunden Deutschland bei dessen Reagrarisierung zu verlieren. Die Holländer befürworten außerdem die Aufrechterhaltung der chemischen Produktion und der Metallindustrie in Deutschland. Auch das ist verständlich. Diese Industrien waren der wichtigste Lieferant der Niederlande.

Dagegen fordert Holland ausdrücklich die Dezentralisierung der deutschen Wirtschaft und die Auflösung der Kartelle und Monopole. Die Dumping-Politik der deutschen Kartelle hat den Holländern früher viel zu schaffen gemacht. Kein Wunder, daß sie diese Machtgebilde zerschlagen wissen wollen.

Holland ist interessiert an einem nicht zu niedrigen deutschen Lebensstandard. Wir kennen auch hier den Grund: Ein zuverlässiges Barometer für den Wohlstand eines Volkes ist der Konsum an Kaffee, Tee und Tabak. Und der Transithandel für die deutschen Einfuhren an diesen Gütern ging früher zum größten Teil über Holland.

Die holländischen Vorschläge können auch von uns größtenteils unterschrieben werden – mit Ausnahme der geforderten Einfuhrlenkung über Rotterdam und Antwerpen, statt über Hamburg und Bremen.

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