Die Bemühungen der Weltpresse, aus den einzelnen Akten der Kreml-Politik ein Programm, eine Marschroute oder wenigstens eine Generallinie herauszulesen, sind-seit Jahren der Kernpunkt der internationalen Diskussion. Jetzt scheinen sie wieder einem Höhepunkt zuzustreben. Anlässe dafür sind genug vorhanden. Abgesehen von der bevorstehenden Moskauer Konferenz, die natürlich das Bedürfnis nach Klarheit hervorruft, braucht man nur an die wenig herzliche Resonanz zu denken, die der Besuch Montgomerys in Moskau hatte, an die Kommentare der russischen Presse zu dem Briefwechsel zwischen Bevin und Stalin über die Bedeutung des englisch-russischen Bündnisses, an das Memorandum Gusews über die Errichtung einer deutschen Zentralregierung, an die Haltung der Sowjet-Vertreter im Kontrollrat in bezug auf den Bericht über Deutschland für die Moskauer Konferenz und schließlich an die Kritik der Sowjetpresse an dem Besuch des ehemaligen amerikanischen Präsidenten Hoover in Deutschland.

In London waren die zwischen Bevin und Stalin ausgetauschten Argumente in der Presse zunächst vorbehaltlos gutgeheißen worden. Als jedoch die "Tass" die Auseinandersetzung mit dem Hinweis erweiterte, daß der erste Teil des englisch-russischen Bündnisses ohne praktische Bedeutng sei, weil sein Zweck mit der Niederwerfung Deutschlands und seiner Verbündeten erfüllt sei, setzte die englische Kritik ein. Sie entzündete sich anscheinend besonders an der weiteren Feststellung der Sowjetagentur, wonach der zweite Teil des Bündnisses revidiert werden und eine unmißverständliche Beistandsverpflichtung gegen jeden Angriff erhalten müsse, nachdem der Vertrag seinerzeit, mit Rücksicht auf das damalige russisch-japanische Verhältnis, auf Europa beschränkt worden wäre. Radio London sagte mißbilligend, in Moskau sei nichts zur Unterstützung der Erklärung Stalins geschehen, die sowjetische Presse und der Moskauer Rundfunk hätten im Gegensatz dazu eine Haltung eingenommen, die im Hinblick auf die Moskauer Konferenz im März nicht unbedenklich sei. Manche englische Blätter meinen, die Sowjetunion habe ernsthaft geglaubt, England wolle sich von der Allianz mit Rußland absetzen. Der "Economist" hingegen vertritt eine andere Auslegung, die, wie er meint, der Wahrheit wahrscheinlich näher komme. Danach habe der Kreml eine Gelegenheit benutzt, einen Keil zwischen Bevin und den neuen USA-Außenminister Marshall zu treiben. Würde Bevin, so schreibt das Blatt, Verhandlungen über die Revision des Bündnisses aufnehmen, so würde sich zeigen, ob die Russen tatsächlich freundschaftliche Beziehungen anstrebten oder ob es sich nur um einen taktischen Bluff gehandelt habe.

Es ist begreiflich, daß allenthalben nach den Beweggründen der russischen Haltung geforscht wird. Die "New York Times" hatte vor einiger Zeit in einer derartigen Betrachtung gesagt, das Hauptargument der Russen sei der Wunsch nach Sicherheit, aber es frage sich, wo das Streben nach Sicherheit aufhöre und das nach Expansion beginne. Weniger pointiert, aber nicht weniger aufschlußreich ist ein Reuter-Bericht aus Moskau, worin erklärt wird, daß man in Moskau den Sieg des Sozialismus in der Sowjetunion so lange nicht als gesichert ansieht, als diese von kapitalistischen Staaten umgeben sei; denn der Kapitalismus sei nach sowjetischer Ansicht verdächtig, auf eine neue Agression zu sinnen.

Eine ganz andere Farbe zeigt ein Bericht des Sonderkorrespondenten der "Times", der zu demselben Thema Stellung nimmt. Er geht in erster Linie von der inneren Entwicklung der Sowjetunion aus, besonders auch von den Schwierigkeiten der Ernährung infolge der diesjährigen Dürre, des Wiederaufbaues und der Produktionssteigerung. Zwar stehe es fest, daß seit dem Frühjahr und Frühsommer 1946 die russische Politik ihre Aufmerksamkeit wieder militärischen Notwendigkeiten zugewandt habe, aber der Mangel an Arbeitskräften habe eine Verzögerung der Demobilisierung nicht zugelassen. Immerhin sei klar, daß bei der Verteilung von Material, Arbeitskräften und Maschinen ein großer Teil jenen Industrien zufalle, von denen die nationale Stärke abhänge. Die "Times" fährt fort, es handele sich dabei nicht um eine Politik der Kraft, sondern um eine Politik, die auf Befürchtungen beruht. Es sei eine Politik, die überall die Spuren von Mangel an Vertrauen und von Sorgen erkennen lasse; einen Mangel an Vertrauen infolge des tief verwurzelten Glaubens an den Antagonismus der kapitalistischen Welt, und Sorgen, die durch die Schwierigkeiten der Ernährungslage und des industriellen Wiederaufbaus verstärkt werden. Aber man könne mit gutem Gewissen erwarten, daß der Mangel an Vertrauen auf internationalem Gebiet nachlassen werde, sobald die Schwierigkeiten im Innern behoben werden.

Alle diese Fragen, vielleicht auch die nach der amerikanischen Außenpolitik nach dem Außenministerwechsel, werden bis zu einem gewissen Grade im März ihre Antworten finden, wenn die Außenministerkonferenz über Deutschland und Österreich begonnen hat. Antworten, hinter denen wieder neue Fragen stehen. Das ist aber das Wesen der internationalen Beziehungen. A. B.