Are you happy? Auf englisch läßt sich diese Frage stellen. Man kann sie auch ins Deutsche übertragen, aber stellen läßt sie sich den Deutschen nicht. Sind Sie glücklich? So hat der berühmte amerikanische Meinungsforscher Gallup die Kanadier gefragt. In Deutschland fragt man so etwas nicht. Man kann fragen: Haben Sie noch Kartoffeln? Haben Sie noch Kohlen? Sind Sie noch gesund? Haben Sie Nachricht aus dem Gefangenenlager? Zwar sind die Deutschen an viele Fragen gewöhnt, und da sie, wie der amerikanische Schriftstellerarzt Heiser sagte, das geduldigste Volk der Erde sind, beantworten sie auch alle, aber ob sie glücklich sind fragt sie kein Institut zur Erforschung der öffentlichen Meinung. Es wäre eine Frage aus einer anderen Welt.

In jener anderen Welt, in Kanada, haben 13 Prozent die Frage mit Nein beantwortet, alle anderen sagten Ja. Von den zwölf Millionen Einwohnern Kanadas sind also mehr als zehn glücklich. Fürwahr, ein glückliches Land! Die freieste Volksbefragung, die sich denken läßt, brächte in Deutschland kein anderes Ergebnis als Hitlers frisiertester Volksentscheid, nur mit dem Unterschied, daß neunundneunzig Komma soundsoviel Prozent Nein statt Ja auf die kanadische Frage antworten würden. Dabei ist es gar nicht so viel, was zu unserem bescheidenen Glück gehörte. Ein paar Kochtöpfe, ein festes Dach, ein warmer Ofen, Arbeit, dann noch das vom alten Völkerbund ermittelte Minimum von Kalorien: und ein ganz beträchtlicher Teil der Stimmen würde vom Neinblock schon abbröckeln. Wie verschieden sind doch die Vorstellungen der Menschen vom Glücklichsein! Die Kanadier, in solche verbesserten deutschen Verhältnisse versetzt, stimmten ohne Frage zu neunundneunzig und mehr Prozent mit Nein. Was uns glücklich machte, würde sie unglücklich machen. Was kann es denn sein, das jene dreizehn Prozent dortzulande unglücklich macht? Krankheit, Tod, unglückliche Liebe, Arbeitslosigkeit, Familienzwist, unerfüllte Ehrgeize. Ein Prozentsatz von Unglück, den auch das glücklichste Volk verdaut und der wesentlich nicht mehr herabgesetzt werden kann.

Dennoch haben auch die Kanadier ihre Sorgen. Eine der wichtigsten: Die Leere des Landes, dessen Oberfläche größer ist als die der USA und das trotzdem weniger Einwohner hat als der Staat New York allein. Erfüllte der Einwanderungslustige aus Europa unglücklichstem und dichtestgedrängtem Volk auch die nötigen Voraussetzungen: aufs Land und nicht in die Stadt gehen zu wollen, einen Beruf erlernt zu haben, einiges Geld zu besitzen, weder Faschist noch Kommunist zu sein, so scheiterte er vielleicht, nach allem, was er erlebte, an der wichtigen Forderung, gesund zu sein. Und wäre er auch gesund geblieben, so spränge er doch nicht über das wichtigste Hindernis: er ist ein Deutscher.

H. H.