Die Landwirtschaft dominiert in der argentinischenWirtschaft, während die übrigen Wirtschaftszweige an Bedeutung stark zurücktreten. Insbesondere entwickeltesich die Industrie zunächst nur langsam. Ungefähr bis zur Jahrhundertwende beschränkte sie sich auf die Verarbeitung – landwirtschaftlicher Erzeugnisse Erst diedurch die Einwanderung angeregteProduktionssteigerung in Ackerbau und Viehzucht und der Infolge der Bevölkerungszunahme sprunghaft steigende Bedarfbeschleunigten, die Entwicklung dieser Industrien, wie der Mühlen- und Zuckerindustrie, der Weinkellereien und der Gefrierfleischfabriken sowie ferner der Textilindustrie. Immer mußten aber noch die Waren des täglichen Bedarfs überwiegend eingeführt werden.Der erste Weltkrieg leitete eine neue Etappe ein. Diemeisten Lieferländer waren infolge Blockade und Gegenblockade der Kriegführenden außerstande, den argentinischen Markt weiter zu versorgen. Das Fehlen der ausländischen Konkurrent begünstigte die Entstehung zahlreicher Industriezweige, die sogar in kurzer Zeit die Ausfuhr aufnehmen konnten. Freilich zeigte sich nach Kriegsende sehr bald, daß viele Gründungen nicht lebensfähig waren. Das Wiedererscheinen europäischer Erzeugnisse lähmte die heimische Industrie. zumal der Staat aufhörte sie zu unterstützen. Diese Stagnation dauerte etwa bis 1931, als die Weltwirtschaftskrise den Staat veranlaßte. – die nationale Industrie wieder zu fördern. Seither war in allen Industriezweigen eine erhöhte Aktivität festzustellen, so daß die Versorgung des argentinischen Marktes mit Industrieprodukten von der Einfuhr unabhängiger wurde.

Der zweite Weltkrieg gab neue kräftige Impulse. Wieder sank die Einfuhr an Industrieprodukten erheblich, da die europäischen Länder als Lieferanten weitgehend ausfielen. Zwar deckten die Vereinigten Staaten, anfänglich den Ausfall doch gingen ihre Lieferungen nach Dezember 1941 sehr-, Stärk zurück. Die argentinischen. Unternehmer ließen sich diese günstigen Chancen nicht entgehen, zumal die Regierung die Industrialisierungstendenzen in jeder Hinsicht unterstützte, um die Versorgung der Bevölkerung nach Möglichkeit zu verbessern. So konnte die junge Industrie die Anlaufschwierigkeiten überwindet Damit wurde eine Strukturwandlungeingeleitet, die Argentinien von einem reinen Agrarland zu einem modernen Industriestaat umgestalten könnte. Es ist kennzeichnend für die schnelle Entwicklung, daß sich bei einer Verdopplung des gesamten Volkseinkommens (1935 = 7,1 Mrd. Pesos, 1945 = 15 Mrd. Pesos) das Einkommen von Industrie und Gewerbe verdreifachte (von rd. 1,5 Mrd. Pesos auf 4,1 Mrd. Pesos). Aus dieser Veränderung werden sich schwerwiegende Konsequenzenfür einzelne europäischeIndustriestaaten ergeben, die vor. dem Krieg den argentinischen Markt mit Industrieerzeugnissen versorgten. Im Gegensatz zu der Zeit nach demersten Weltkrieg ist diesmal auch keineswegs anzunehmen, daß die Ausfuhomölichkeiten Europas und der USA durch eine neuerliche Rückbildung der argentinischen Industrie verbessert werden könnten. Alles deutet vielmehr darauf hin, daß der Staat den weiteren Ausbau der Industrie noch nachdrücklicher unterstützen und beschleunigen wird. Im Oktober 1946 wurde der "Fünfjahres-Plan des argentinischen Präsidenten Perón bekanntgegeben, der nicht nur das Wirtschaftsleben, sondern auch, alle Gebieteder Verwaltung und des öffentlichen Lebens reformieren soll. Unter anderem soll längs der atlantischen Küste ein großes Industriegebiet geschaffen werden; eine Erdgasleitung von Comodoro Rivadavia in Pategonien nach Buenos Aires und die Errichtung von Wasserkraftwerken entlang der Andenkette ist geplant, wodurch gleichzeitig auch neue Ackerflächen gewonnen und zahlreiche Bahnstrecken elektrifiziert werden kommen. Die Erdölförderung der staatlichen "Yacimientos Petroleos Fiscales" soll schneller als bisher gesteigert werden. Man – plant den Bau eines Stahlwerks mit anfangs 300 000 t, später 1 Mill. t Jahresleistung. Der Gesellschaft ("Sociedad Mixta Siderurgica Argentina") wird auf die Dauer von zwanzig Jahren gegebenenfalls der Unterschied zwischen Herstellungskosten und Verkaufspreisen durch den Staat ersetzt. Im allgemeinen ist aber daran gedacht, daß der Staat nur die Voraussetzungen für die Industrialisierung schafft, aber nicht selbst Unternehmen gründet;

Zur Förderung van Reinvestitionen sieht der Fünfjahresplan vornehmlich die typischen Mittel einer protektionistischen Handelspolitik vor. Neben der Einführung. neue? und der Erhöhung bestehender Zollsätze um 50 v. H., in einzelnen Fällen, "besonderer Dringlichkeit" sogar bis zu 100. v. H., wird hauptsächlich mit Einfuhrbewilligungen und -kontigenten gearbeitet Zum Beispiel Wird die Einfuhr von Sand, Zement, Steinen, Marmor, Hölzern, Draht, verschiedenen Elektroartikeln, Lampen und chemischen Erzeugnissen kontingentiert. Überraschend erscheinen die Genehmigungspflicht und die hohe Zollbelastung für die Einfuhr von Maschinen. Um die Industrialisierung zu unterstützen und zu beschleunigen, wäre es im Gegenteil zweckmäßig gewesen, die Maschinenzölle zu senken. Man kann sich diese Maßnahme nur so erklären, daß den Schöpfern des Fünfjahresplanes auch die Entstehung einer nationalen Maschinenindustrie als wirtschaftspolitisches Ziel vorschwebt. Dadurch dürfte das Tempo der Industrialisierung zwangsläufig gebremst und die Einfuhr von Industrieerzeugnissen vielleicht vorübergehend auf einem höheren Niveau gehalten werden.

Auf jeden Fall Wäre der Schluß verfehlt, daß die alten Industrieländer nun den argentinischen Markt vollständig einbüßen wenden. Selbst wenn Argentinien die Vollindustrialisierung erreicht, was auch nach dem eben angelaufenen ersten Fünfjahresplan noch nicht der Fall sein dürfte, werden sich vielfach neue Austauschmöglichkeiten mit den alten Industrieländern ergeben, da mit dem Wohlstand zugleich die Bedürfnisse zunehmen. In normalen Zeiten pflegt der Güteraustausch zwischen hochentwickelten Industrieländern besonders lebhaft zu sein, und mandarf daher erwarten, daß der argentinische Markt auch in Zukunft für europäische Industrieprodukte sehr aufnahmefähig sein wird. Freilich bestehen nur für diejenigen Länder guts und langfristige Absatzaussichten, die Qualitätserzeugnisse anzubieten haben:

Anton Zottmann