Von Margret Boveri

Die zwei Parteien sind praktisch unzerstörbar, weil sie niedere Organismen sind, ohne Hirn oder Herz, das zum Stilltand gebracht werden kann; und deshalb könnte man sie entzweischneiden, und die zwei Hälften würden sich weiter bewegen und irgendeinmal wieder zusammenwachsen.“ Solche Gedanken pflegte Herbert Croly auszusprechen; der Begründer der radikal-liberalen amerikanischen Zeitschrift „The New Republik“; deren Leitung Henry Wallace übernahm, nachdem er letzten Herbst von Truman zum Rücktritt gezwungen worden war. Das Bild des zerhackten Regenwurmes und der starke Einfluß naturwissenschaftlichen Denkens, auf die Intellektuellen um die Jahrhundertwende springt aus Crolys Ausspruch hervor. Sein später Nachfolger Wallace dagegen gibt sich Mühe, einem abgelösten Teil der Demokratischen Partei Herz und Hirn einzupflanzen. Doch wie stark in Amerika auch heute noch die Forderung, nach herz- und hirnlosen Parteiorganismen ist, geht aus dem Vorwurf hervor, den Walter Lippmann unmittelbar nach der November-Wahl dem Expräsidenten Hoover machte. Hoover hätte gesagt: „Die Wahl hat gezeigt, daß die Republikanische Partei, die Partei der Rechten ist.“ Lippmann erwiderte: „Mister Hoover hätte seiner Partei keinen schlechteren Rat geben können... Nichts könnte, politisch gesehen, unamerikanischer sein, als die Idee, daß eine der beiden Parteien die Trägerin einer bestimmten Ideologie sei. Es gehört zur Essenz unseres Parteisystems – und ist sein wertvollster Wesenszug – ,daß eine Partei, um regieren zu können, in ihren eigenen Reihen die scharfen Meinungsverschiedenheiten ausgleichen muß, welche die Menschen scheiden...Wenn eine Partei die Neigung hat, ideologisch; einfach zu werden, dann ist sie nur noch eine Fraktion und kann nie über den Rückhalt der Nation verfügen.“ Hier liegt die Erklärung für die so vielfach verfehlten europäischen Kommentare zum Ergebnis der amerikanischen Wahl. Gewiß haben die Republikaner einen starken konservativen Kern, und die aggressive Feindschaft des New Deal hat darüber hinaus noch große freiwirtschaftliche Unternehmergruppen in das republikanische Lager getrieben. Aber es wäre falsch zu behaupten, daß deshalb die Arbeiterschaft unabänderlich zur Gefolgschaft der Demokraten gehöre. Gerade das politisch so aktive PAC (Political Action Commitee) der Gewerkschaft CIO hat mit der Parole „Wählt demokratisch!“ eine entscheidende Niederlage erlitten. 1944 gelang es ihm noch, 180 Abgeordnete und Senatoren in den Kongreß zu bringen, wogegen 1946 nur noch 6 Senatoren und 16 Abgeordnete ihren Wahlsieg der Unterstützung von PAC verdankten.

12 Millionen „Treulose“

Von den zenh bis zwölf Millionen sogenannter „Treuloser“, den Wahlberechtigten, die zwischen leiden Parteien hin- und herfluktuieren, untersteht zwar ein großer Teil einer nichtparteilichen Bindung. Sie sind gewerkschaftlich organisiert. Aber im Gegensatz zu manchen Ländern Europas bestehen keine engen Bindungen zwischen bestimmten Gewerkschaften und bestimmten Parteien. John Lewis hat sich 1936 für 1940 gegen Roosevelt und die Demokraten eingesetzt, und seine Entscheidungen waren das Ergebnis politischer Taktik und persönlicher Rachsucht. So gehorsam die Gewerkschaftsmitglieder ihren Führern in Fragen der Streiks, der internen Kontrolle, der Monopolbestrebungen sind, so wenig kümmern sie sich in den Wahlen um deren Parolen. Das galt 1940, als viele Bergarbeiter trotz Lewis demokratisch wählten, und 1946, als viele CIO-Angehörige trotz Philip Murray und PAC für die Republikaner stimmten. Der Pendelschwung ist eben in Jahren parteipolitischer Bergrutsche unwiderstehlich und ergreift die Wählerschaft von rechts bis links. Der tiefste Grund ist daher in der zugkräftigsten republikanischen Wahlparole zu finden: „Had enough? –Vote Republican.“

Ja, das Land hatte genug gehabt. Aber die Republikaner, die nun in Senat und Repräsentantenhaus über verlängerte Dienstpflicht, Wohnungsnot, Steuern, Arbeitsgesetze, Handelsverträge beschließen werden, sind nicht notwendigerweise die Männer; die ab 1949 bestimmen werden. 1947 und 1948 werden Jahre der Zwischenlösungen sein. Alle Gedanken sind schon heute auf die nächste Präsidentschaftswahl gerichtet, in der den Bundesstaaten ein höherer Einfluß zukommt. „Aus dem Rang der Gouverneure“, erklärt Lippmann, „wird ein guter Präsident viel wahrscheinlicher hervorgehen als aus dem Kreise der Männer, die sich durch den Kongreß emporgearbeitet haben... Die wirkungsvollen Präsidenten dieses Jahrhunderts, Theodore Roosevelt, Woodrow Wilson, Coolidge, F. D. Roosevelt waren Gouverneure von Staaten gewesen. Taft, Harding, Hoover und Truman dagegen nicht... Deshalb ist die nationale Republikanische Partei von 1948 noch nicht sichtbar.“

Noch weniger sichtbar sind aber Führer, Formen, und Inhalt der Demokratischen Partei des Jahres 1948. Wenn wir zum Bild des zerhackten Regenwurms zurückkehren, so scheint es, als hatten im Augenblick nicht zwei, sondern drei Einzelstücke eigene Bewegungen angenommen. Die Frage wird sein, ob sie wieder mit dem Hauptstück zusammenwachsen, oder ob eigene neue Parteiindividuen entstehen. Eine neue dritte Partei wird in Amerika nach fast jeder größeren Wahlenttäuschung angekündigt. Aber selbst der lebensfähigste dieser Splitter, die progressiv-liberale Partei der Familie La Follette in Wisconsin, ist nie über eine Handvoll Kongreßmitglieder hinausgekommen und hat immer in der Wiedervereinigung mit der Republikanischen Partei geendet.

Primadonna Nummer eins