Ohne erhebliche Lebensmittelexporte, vor allem an Getreide, kommen wir nicht aus. Falls es aber gelingt, die Erzeugung auf der uns verbliebenen Fläche auf die Höhe der Spitzenbetriebe zu bringen, dann ist eine Steigerung um 50–70 v. H. und damit eine gewaltige Erleichterung unserer Lage möglich. Im deutschen Osten im ahre 1944 durchgeführte vergleichende Leistungsprüfungen ergaben, daß die besten Betriebe auf gleicher Fläche und Bodengüte bis zum Siebenfachen der schlechtesten an Nährwerten ablieferten. Im Westen dürfte, es nicht anders sein.

Einen wesentlichen Einfluß auf die landwirtschaftliche Erzeugung geht von den Preisrelationen aus. In der Zwangswirtschaft wäre ein Preisverhältnis anzustreben, das die Produkte begünstigt die auf gleicher Fläche ein Höchstmaß an Nährwerten liefern: Kartoffeln, Zuckerrüben und Gemüse ständen an erster. Stelle, Öl- und Eiweißfrüchte folgten, den Viehprodukten würde die entsprechende Stelle eingeräumt, während das Getreide, für dessen Eigenerzeugung die Fläche selbst bei intensivster Düngung nicht ausreicht, an die letzte Stelle zu setzen wäre. Deutschland hat nur noch Interesse an niedrigsten Weltgetreidepreisen, um für die Nahrungsmitteleinfuhr mit einem Minimum an Devisen auszukommen.

Einige wenige Beispiele mögen zeigen, wieweit die Preisrelation von diesen Grundsätzen entfernt ist. Es ist für den Landwirt rentabler, 30 Ztr. Frühkartoffeln AnfangJuli sackreif zu ernten, als 85 Ztr. späte. 50 kg Radieschen kosten im Frühjahr 70 RM, also mehr als 1000 kg Kartoffeln, etwa soviel wie 75 kg Schwein oder 100 kg Rind. Ein Ztr. Pflückerbsen mit 80 v. H. Wasser, und totem Schalenanteil ist teurer, als 1 Ztr. gelber Speiseerbsen mit 90 v. H. Trockenmasse, darunter 22 v. H. Eiweiß und 2 v. H. Fett.

Zu welch grotesken Folgen diese falschen Preisrelationen führen, zeigt folgende Tatsache: Unsere Konservenfabriken schließen Anbauverträge über Pflückerbsen, erhalten aber so wenig Büchsen, daß sie die unreife Ware trennen müssen. 50 kg Frühware liefern 5 1/2 bis 6 kg Trockenware. Hätte man die Erbsen ausreifen lassen, dann wäre das Zweieinhalbfache an Trockenmasse, das Vielfache an Nährwerten gewonnen worden, aber der Bauer hätte bestenfalls ein Drittel des Geldertrages erzielt.

Wir brauchen eine sachgemäße Durcharbeitung der Preisrelationen, die unserer Not anzupassen wäre. Diese müßte aber spätestens im Sommer zur Kenntnis der Landwirtschaft gebracht werden, damit Anbauverhältnisse und Fruchtfolge für das kommende Jahr dementsprechend eingerichtet werden können. Im Oktober letzten Jahres wurden die Preise für Weißkraut und Mohrrüben plötzlich um 25 und 40 v. H. erhöht. Diese Erhöhung bedeutete lediglich eine Belastung des Verbrauchers. Erzeugung und Ablieferung wurden nicht mehr beeinflußt.

Wir erleben in diesem Wirtschaftsjahre trotz angeblich erhöhter Anbaufläche eine Kartoffelkatastrophe. Kartoffelnot ist in Deutschland Hungersnot. Das lag weniger am Wetter, auch nicht an der mangelnden Stickstoffzufuhr, da immerhin pro ha Anbaufläche 150 kg Stickstoffdünger geliefert wurden. Infolge dieser Lieferung hatte kein Bauer Interesse daran, in der Flächenangabe zu bescheiden zu sein, zumal von keiner Seite nachgemessen wurde. Ein Teil des Stickstoffes wurde anderen Feldfrüchten zugeführt – vor allem dem Hafer, da kein Bauer seine Pferde hungern läßt. Die Hauptursache der Kartoffelnot liegt in dem schlechten Saatgut. Im Westen baut die Kartoffel bekanntlich schneller ab als im Osten. Es läge nahe, diesem Abbau mit allen Mitteln zu Leibe zu rücken. Im vergangenen Jahr war noch viel anerkanntes kerngesundes Ostsaatgut vorhanden. Der Nachbau wurde zwar teilweise anerkannt, aber nicht selektiert, d. h. von kranken Stauden gereinigt. Die Ernte dieser immerhin recht brauchbaren Saatkartoffel aber wurde, da Hannover angeblich genügend Saatgut zur Verfügung stellen sollte, zu einem großen Teil als Eßkartoffel verwertet. Was nicht kam, waren die hannoverschen Nachzuchten. Also mußte der Bauer, der seine gute Saat dem Konsum zugeführt hatte, auf abgebaute Restbestände zurückgreifen, oder auf englische Kartoffeln, die eine völlige Mißernte ergaben, und hannoversche „zur Saat geeignete Eßkartoffeln“, ein abgebautes Saatengemisch, auspflanzen. Nebenbei sei bemerkt, daß der Preis für eine anerkannte, reif geerntete und überwinterte Frühkartoffel niedriger ist, als für eine halbreif herausgerissene Eßkartoffel. – Die heute unter polnischer Herrschaft stehenden Ostgebiete werden nie Saatkartoffellieferanten werden, zumal die Großbetriebe aufgeteilt werden. Die Saatkartoffelnot, damit die Hungersnot, wird bleiben, wenn wir nicht selbst an ihre Beseitigung gehen.

Wir brauchen eine Zusammenfassung geeigneter Gegenden zu Hochzucht-, anderer zu Nachbaugebietenbei strengster zwangsweiser Selektion durch gewissenhaft ausgebildete Sachbearbeiter: In diesen Gebieten darf es nur Hochzucht oder anerkannten Nachbau geben. Wir brauchen Land, für unsere Züchter, Versuchshöfe für die Wissenschafften. Schließlich muß in weitem Umkreis um die Zuchtgebiete die Axt an Pfirsiche und Aprikosen gelegt werden, da die Hauptüberträgerin der schwersten Abbaukrankheiten die Pfirsichblattlaus ist.