Eine interzonale Gewerkschaftskonferenz in Berlinfaßte zwei bedeutsame Entschlüsse: Bildung eines Ausschusses, der die vorbereitenden Arbeiten zu einer alle Zonen umfassenden Gewerkschaftsbewegung leisten soll, und die Eingabe an den Kontrollrat, ein deutsches Sozialversicherungsgesetz zu erlassen.

Die erste Maßnahme bedeutet den Versuch, die organisatorische Entwicklung der deutschen Gewerkschaften abzuschließen. In den Westzonen war der Aufbau stufenweise aus dem Einzelbetrieb über Ortsgewerkschaften und Industrieverbändezum zonalen Zusammenschluß erfolgt, wobei bisher 30 v. H. aller Arbeitnehmer erfaßt wurden. Noch sind nicht alle Fragen hinsichtlich der Organisationsform geklärt, aberdie Gliederung in autonome Industriegewerkschaften, unterteilt in Berufsgruppen und, den regionalen Bedürfnissen entsprechend, in Ortsverbände, scheint sich endgültig durchzusetzen. Über die Einordnung der Angestellenverbände ist die Entscheidung noch nicht gefallen. Den Dachorganisationen in den westlichen Zonen gestehen die Industriegewerkschaften zur Wahrung der Interessen aller Arbeitnehmer verschiedene Befugnisse zu, aber die Gefahr autoritärer Politik wird durch demokratische Bundessatzungen gebannt.

Die Entwicklung im Osten hat andere Bahnen eingeschlagen. Hier bildete sich der Freie Deutsche Gewerkschaftsbund, der heute in18 Industrieverbanden vier Millionen Mitglieder umfaßt. Diese sind unter einer autoritär handelnden Spitze vereinigt, deren Machtbefugnisse wesentlich größer sindals die der Dachorganisationen in den Westzonen. Die Lösung der finanziellen Frage beleuchtet die Führungsmethoden des FDGB am eindeutigsten: Sämtliche Beitragsgelder fließen in die zonale Hauptkasse, so daß alle gewerkschaftlichen Kampfmittel einschließlich des Streiks praktisch nur von der Zentrale angewandt werden können.

Sämtliche Gewerkschaften vertreten die konfessionelle, rassische und politische Neutralität, aber führende Gewerkschaftler der britischen Zone bezeichnen die politische Neutralität des FDGB als Farce, da durch das Übergewicht der SED in der Ostzone der politische Kurs eindeutig festgelegt sei.

Berlin nimmt im Gewerkschaftsleben eine Sonderstellung ein. Die Berliner Arbeitnehmer wollen von der Bevormundung durch die SED freikommen. Der Kampf um das Wahlverfahren, nach dem im kommenden Frühjahr die Vorstandswahl der Berliner Gewerkschaften stattfinden soll, beschäftigt auch die Alliierte Kommandantur. Den gegensätzlichen Auffassungen, von „demokratischer Wahlordnung“ bei SED und SPD entsprechen die Meinungsverschiedenheiten bei den Besatzungsmächten. Das russische Mitglied der AlliiertenKommandantur nahm sogar die Hilfe der russisch lizenzierten Presse in Anspruch, um seine Einstellung zu diesem Problem zu veröffentlichen. Solange innerhalb der Berliner Kommandantur keineEinigkeit erzielt ist, werden die Wahlen ausgesetzt.

Mit dem Antragderinterzonalen Konferenz, ein deutsches Sozialversicherungsgesetz zu schaffen, übernimmt die Gewerkschaftsbewegung ihre eigentliche Funktion. In ihrem Ziel, maßgeblich am Neubau einer deutschen Wirtschaftsverfassung mitzuarbeiten, ist sie noch beschränkt durch einen alliierten Befehl, der die Lohn- und Preisstopverordnungen als„vorläufig außerhalb des Arbeitsbereichs der Gewerkschaften stehend“ bezeichnet. Die wirtschaftspolitische Schulung der führenden Männer läßt erwarten, daß die Gewerkschaften die heutigen wirtschaftlichen Notwendigkeiten nicht verkennen werden.

Die Verbindung zu den internationalen Gewerkschaftsbewegungen wurden wiederaufgenommen. Deutsche Funktionäre sitzen bereits wieder in internationalen Ausschüssen, und jede Tagung von Bedeutung in Deutschland wird von Abgesandten oder Beobachtern des Weltgewerkschaftsbundes besucht, dessen Vizepräsident Kuypers (Holland) in BerlinVereinbarungen über eine engere Zusammenarbeit der deutschen Arbeitnehmerverbände mit dem Weltgewerkschaftsbund ankündigte. Allerdings könne die Hilfe nur eine „moralische“ sein.

Die deutschen Gewerkschaften werden in Zukunft zunehmend in die internationale gewerkschaftliche Verflechtung einbezogen werden. -n.