Wollte man versuchen, sich den Unterschied der mittelalterlichen zur modernen Universitätsbildung, insoweit sie auf hohe Ziele wirklicher Bildung ausgeht, an menschlichen Repräsentanten klarzumachen, so täte man gut, etwa auf den Meister Eckhart zu blicken und ihn vielleicht mit einem heutigen. Professor der Philosophie oder auch der Theologie zu vergleichen. Dann springt in die Augen, daß Eckhart, von allem inhaltlichen Unterschiede einmal abgesehen, zweierlei vermochte, sozusagen doppelspurig im Geiste war genüber der modernen bewußten und geradezu beabsichtigten Einspurigkeit: da ist der gewaltige Theologe und Scholastiker, den heute allerdings „niemand mehr kennt“, und da ist der Autor der „Schriften und Predigten“, an den allein sich der heute gültige und etwa im Bekenntnis Rosenbergs zu ihm fast fragwürdig gewordene Ruhm dieses Namens anknüpft. Man hat sich bemüht, aus diesem zweiten Eckhart und den dunklen Zusammenhängen seines Kirchenprozesses einen präsumptiven Protestanten zu machen. Wie dem auch sei, sein Typus, wenn man ihn im Ganzen betrachtet, ist mittelalterlich, ist „katholisch“ in so ausschließlichem Sinne, daß er, wenn schon eine Art Wiederkehr, sie bis heute nur im katholischen Umkreise zu finden vermag. Nur dort ist jene seltene und wundersame Personalunion von Priester und Denker, von Prediger und Schriftsteller möglich und existent, die uns eben den genannten besonderen Begriff von Universitätsbildung, ja von Wissenschaft in Gemeinschaft mit humanitas, Bildung und Universität zu vermitteln vermag. Wir wollen hier von dem katholischen Denker und Priester Philipp Dessauer sprechen, von dem jetzt zwei Schriften im Verlag Herder in Freiburg i. Br. erschienen sind. Der Inhalt beider Bücher besteht aus Reden, Vorträgen und Meditationen, die alle in denJahren der verflossenen nationalsozialistischen Ära entstanden sind. Es ist also kein Reden post eventum, sondern eines, das in die Diskussion und in die Realitäten jener Epoche hineingehört, vielleicht aber auch gerade deswegen wirklich über sie hinauszuführen vermag Um unseren eingeschlagenen Gedankengang weiterzuführen, ergibt sich nun bei diesenbeiden Schritten der eigentümliche Eindruck, den wir vorhin als Doppelspurigkeit bezeichneten. Würde nicht derselbe Verfassername über den beiden Schriften stehen, so könnte man von den uns sonst geläufigen Kategorien her den Verfasser der Schrift „Das bionome Geschichtsbild“ für einen „anderen“ als den der „Ansprachen und Meditationen“ unter dem Gesamttitel „Erwartung der Ewigkeit“ ansprechen, so weit klaffen Form und Inhalt beider Werke scheinbar auseinander. Es ist ein Unterschied, etwa so groß wie der zwischen den lateinischen und den deutschen Schriften des Magister Eckehart. In der ersten; inhaltlich gedrängteren und auf einen einzigen Vortragzurückgehenden Schrift, die bezeichnenderweise im Rahmen der „Dokumente für das christliche Deutschland 1933–1945“ erschienen ist, wird eine strenge, von ausgesprochen philosophischem Geist und weitreichender Fachbildung erfüllte, Widerlegung jenes „Geschichtsbildes“ gegeben, das den Menschen und seine geschichtliche Zukunft unter das Gesetz des Lebens in Gestalt der modernen, auf einige Nietzsche-Aperçus, einige Elemente des Darwinismus, vor allem aber eine absolutistisch verstandene „Eugenik“ sich gründende Rassen- und Züchtungslehre zu stellen unternahm. Dessauers Gedankengang läuft, in Kürze referiert; darauf hinaus, daß in dieser Lehre das Denken dem dämonischen Zirkel verfällt, den Menschen in einen Zweck einzugliedern, den er sich doch selbst setzt, daß er zu diesem Zweck eine „Auslese“ vornehmen, schlicht gesagt töten muß, während er doch das Leben in seinem eigensten Bereich und Sinne zu „steigern“ vorgibt, daß er eine Form der „Selbstdomestikation“ vornimmt, der die notwendige Anlehnung und Eingliederung in eine höhere Sphäre (die bei der Domestizierung der Tiere, von wo die Analogie der Eugeniker genommen ist, im Menschen beruht) mangelt. Das Ergebnis ist der Auseinanderfall des Begriffes der Menschheit in eine Anzahl sich auf Tod und Leben befeindender Menschen-„Arten“ und im Endergebnis die Bestialisierung des Menschen, wobei die Dämonen den Triumph einer Apokalypse des Menschen genießen. Hier scheiden sich Welten, nicht nur wissenschaftliche Theorien, und die Gegenwelt hierzu ist nur die des Christentums mit seiner Grundthese, daß der Zweck des Menschen und seiner Geschichte in Gott beruht, daß das Leben von Gott ist und sein erstes Gebot „Du sollst nicht töten“ lautete, woraus das weitere, nämlich der überbiologische Begriff des Menschen, der Menschheit und des Geistes resultiert. Soweit, diese kleine Schrift, die in jede philosophische, geschichtsphilosophische und auch biologische Diskussion dieses großen, nur scheinbar durch den Untergang des Nationalsozialismus völlig überwundenen Fragenkreises hineingehört.

In den Meditationen „Erwartung der Ewigkeit“ spricht demgegenüber keine „Philosoph“, kein Scholastiker im wissenschaftlich schulmäßgen Sinne des Wortes, sondern ein wortgewaltiger und gemütstiefer Prediger und Paränetiker. Das Grundthema dieses bedeutsamen und umfangreichen Buches ist das Leid, Es ist mit seltener Berechtigung „den Trauernden, den Verlassenen, den Heimatlosen“ gewidmet. Und doch ist der verborgene Zusammenhang mit der erstgenannten Schrift inder beiden gemeinsamen christlichen „Substanz“ gegeben, die im ersten Falle gleichsam kristallisiert und verkieselt im Gedanken, hier dagegen im vollen warmen Strom des gebildeten und erweckten Gemütes durchbricht. Keine. „Philosophie“ und ihre „Tröstungen“, sondern die einzigen wirklichen Tröstungen aus dem Glauben und seinem christlichen Elementen. Dieses Buch liegt in der Ebene von Schriften, wie denen des Meister Eckhart, der NachfolgeChristi des Thomasa Kompis und umin die Gegenwart überzugehen, des Besten, was Guardini Josef Pieper und andere über christliche Existenz und Ethik gesagt haben.

Joachim Günther