Von Ulrich Mohr

Am 4. Februar zogen 17 000 Metallarbeiter der Firma Krupp in einem Streikmarsch durch die Stadt Essen. Als diese Arbeiter auf dem Platz vor dem Glückauf-Haus, dem Hauptquartier der Militärregierung, angekommen waren, hatte sich ihre Zahl auf etwa 4000 vermindert, denn der größte Teil der streikenden Arbeiter war frierend und hungrig abgezogen und nach Hause gegangen. Die vier deutschen Polizisten, die vor dem Amtsgebäude der Militärregierung standen, hoben, als die ersten Reihen des Zuges ankamen, abwehrend ihre Hände, und der Zug schwenkte gehorsam ab. Die Menge marschierte schweigend an dem Gebäude vorbei, und ballte sich schließlich vor der Ruine einer Kirche, etwa hundert Meter entfernt. Auf die Stufen der Kirche traten nacheinander mehrere Redner, von deren Ausführungen die Menge, vom schneidenden Ostwind umbraust, nichts vernahm. Nur die Nächststehenden verstanden, dieWorte, die den Protest der Metallarbeiter zum Ausdruck brachten, daßallein die Bergarbeiter erhöhte Rationen beziehen sollten. Zuvor hatte es geheißen, der Streik werde einen Protest darstellen gegen die Tatsache, daß dieFrauen der Metallarbeiter seit Wochen in der Kälte vergeblich vor den Bäckerläden anstehen mußten.

Ungefähr zur selben Zeit streikten die Arbeiter auf Schacht 3/10 Zeche Zollverein, weil eine Zeitung gemeldet hatte, daß vor der Bäckerei Petersen in Katernberg in einer Schlange ein Kind erfroren und tot umgefallen sei. Dies brachte die Bergarbeiter, die schon aus vielerlei Gründen verbittert waren, hauptsächlich über die Leiden ihrer Familien infolge der mangelhaften Lebensmittelversorgung, zu dieser Handlung der Empörung. Als es sich aber nun herausstellte, daß nirgendwo, auch nicht vor der Bäckerei Petersen, ein Kind in einer Schlange erfroren war, trug die Zechendirektion den Streik als willkürliche Feierschicht in die Papiere der Bergarbeiter ein. Da die Bergarbeiter also feststellen mußten, daß der Streik sie pro Kopf zwei Flaschen Schnaps und hundertZigaretten, die Sonderzuteilung "A" nach dem neuen Punktsystem, kosten würde, wuchs ihre Empörung ins Grenzenlose.

Das Bedauern der Einsichtigen galt den Gewerkschaftsführern, die außer den Problemen ihrer Arbeiter über Tage, den unlösbar erscheinenden Problemen jedes Deutschen von heute, nun auch noch die besonderen Probleme der eigentlichen Arbeit unter Tage zu lösen haben.

350 Arbeiter gehören zu einer Schicht, die auf der Zeche Holland einführt. 350 Mann also erscheinen aus Dunkelheit und Kälte, aus benachharten. Ruinen, aus weiter entfernt liegenden Nissenhütten und aus entlegenen Ortschaften, aus beengenden, unwirklichen, kalten Löchern, in denen sie die Nacht verbracht haben. Sie treffen sich in der "Waschkaue", dem Umkleideraum der Zeche.

In 950 Meter Tiefe quellen aus den drei Etagen des Förderkorbes die Arbeiter. Sie besteigen auf einem hell erleuchtetenPlatz die elektrisch gezogenen Kohlenkarren. Immer enger, niedriger und dunkler werden die Stollen, durch die der Zug poltert. Wenn der Zug nun aber hält, danngeschieht etwas Verblüffendes: In wilder Hast springen die Arbeiter von den Karren. Mit vorgestreckter Grubenlampe, mit nach vorne geworfenem Oberkörper, mit stolpernden Füßen, jagen sie im Wettlauf zumArbeitsplatz, in einem wirklichen Wettlauf, denn jeder will der erste sein.

Die Jagd geht durch einen Stollen, der kaummannshoch. und vielleicht eineinhalb Meter breitist. Endlose Förderbänder gleiten in diesem Weg über hell blitzende Rollen, Im matten Licht der elektrischen Lampen leuchtet helles Gestein zwischen den eisernen und hölzernen Verschalungen. Die lautlose Jagd der Männer mit ihren wie Irrlichter leuchtenden Grubenlampen, die Jagd der Männer, die sich verbissen voreinander, hintereinander und nebeneinander drängen, geht in diesem Gang einen Abhang hinunter eine steile Treppe hinauf, geht vorbei an Wettertüren, durch die ein kalter Wind pfeift, geht in eine Welt hinein, die mit der realen Welt unserer Vorstellungen nichts mehr gemein hat. Inmitten einer Finsternis aus Kohlenstaub leuchtet hier und dort ein gelblicher Schimmer auf. Und in der lähmenden Hitze der Tiefe erkennt man jetzt Grund und Ursache der wilden Hetze: Das System des Bergarbeiters ist ein Akkordsystem. Sein Arbeitslohn richtet sich nach der von ihm geschlagenen Kohlenmenge. Um Kohle schlagen zu können, braucht er Handwerkszeug, Preßlufthämmer, Preßluftschläuche. Es gibt gutes Handwerkszeug und es gibt schlechtes, bei dem er seine Zeit durch ständiges Versagen und ständiges Flicken verliert...