Das hessische Kultusministeriumplant eine staatliche Fachprüfung für Künstler: so wird aus Wiesbaden gemeldet. Und heißa!Das ist doch einmal eine Meldung, die geeignet ist, die Künster zu ermuntern und das deutsche Publikum über alles zu beruhigen, was Kulturaufbau heißt Die hessischen Künstler werden es bald sehr fein haben: sie kriegen einen Titel, Wenn sie die Prüfung bestanden haben, und dürfen sich "Staatlich anerkannte Künstler" nennen. Aber leider ist die Meldung, so hoffnungsfroh wir sie quittieren, unvollständig. Wie zum Beispiel, wenn ein Künstler durchs Examen fällt? Darf er sich ein zweites Mal melden, wenn er einen neuen PostenKunst aufLager hat, der bessere Aussichten verheißt, staatlich anerkannt zu werden? Und gibt es im hessischen Kultusministerium begabte Referenten, die solchen Künstlern inzwischen ein wenig Nachhilfeunterricht erteilen! Und wie lauten die Prüfungsbestimmungen? Kann man sich da Unterlagen kommen lassen, wenn man ein Künstler von außerhalb, ist? Und weiter: geht es um den Stil oder um den Inhalt eines Kunstwerkes? Das müßte man doch wissen, wenn einen der Ehrgeiz plagt, sich in Hessen staatlich-künstlerisch anerkennen zu lassen! Wenn es um den Inhalt geht – was soll denn jetzt gemalt werden statt der Reichsautobahnen? Und wenn es um die Form geht – was ist statt der Imitation griechisch-heroischer Säulen angenehm? Darf es etwas Byzantinisches sein? Anderseits müßten die Musiker wissen (falls eine staatliche Anerkennung auch für sie vorgesehen ist),ob Hessen etwa so fortschrittlich ist, Quint- und Oktavparallelen zu erlauben, die sonst laut Harmonielehre verboten sind. Und was, wenn ein Darsteller, der als Entschädigung für einen verlorengegangenen Staatsschauspieler-Titel – nun Wenigstens die hessische staatliche Anerkennung erstrebt, dort zum Examen die "Götz-vpn-Berlichingen"-Rolle vorsprechen würde samt jenem populären Zitat – würde das nun anerkannt in Wiesbaden oder nicht?

Durchaus Wir möchten dem hessischen Künster-Examens-Plan auch von seifen des Publikums aus ein urdeutsches "Wachse und gedeihe!" zurufen. Denn für das Publikum wird der Umgang mit Künstlern ja enorm erleichtert. Früher mußte man extra nach München fahren, um zu erfahren, Welche staatlich anerkannten Maler und Bildhauer Ehrfurcht. verdienten. Dies, bekanntlich, brach zusammen, und es begann wieder die zensurlose schreckliche Zeit, da man sich in den Ausstellungen nimmer aus kennt; zwei Jahre dauert diese Epoche nun schon an und noch sind wir mitten darin. Zukünftig aber, wenn man bei hessischer Kunst in Zweifel gerät, dann schaut man einfach nach dem Schild: "Anerkannter Künster und weiß doch gleich, wer die bewundernden "Ahs" und "Ohs" verdient, und kann sie? nicht mehr irren. Auch ist es seit den Zeiten, da Zola, seinen Roman "Nana" schrieb, vorgekommen, daß gewisse Damen sich Künstlerinnen nennen; man findet diese Bezeichnung sogar im Telefonbuch Und seht: wenn da zukünftig Anerkannte Künstlerin" stehen wird, dann kann über den Ruf der Dame gar kein Zweifel nicht-sein.

Aber auch von anderen, tieferen Einsichten her verdient der hessische Künster-Plan unsere Bewunderung. Haben wir uns nicht immer das "Volk der Dichter und Denker" genannt? Und dies eben verpflichtet! Nur fernstehende, fremde Beobachter der heutigen deutschen Lage könnten vermuten, dies-, mal würden sich auf politischem und wirtschaftlichem Gebiet zuerst die positiven. Pläne entfalten. Aber wäre dies etwa eines "Dichter- und Denker-Volkes" würdig? O nein, zuerst haben wir den Plan entwickelt, für eine neue Rechtschreibung zu sorgen – wohlverstanden: für die Schreibung, nicht für das Recht! –, und hier ist nun der zweite, Plan, der Plan, die Künstler Examen machen zu lassen, weil – Deutschlands Kunst. auf. andere – Weise wohl. am Ende wäre.

Wie? Der Staat – so meinen Einfältige – solle sich nicht erdreisten, mit Hilfe von Beamten die Kunst und die Künstler examinieren und bevormunden zu wollen? Wie? Das sei schon einmal schiefgegangen? Nur getrost: Man muß es bloß oft genug probieren. Und wenn einmal tausend Jahre, komprimiert in zwölfen, nichts Gutes für eine staatlich kontrollierte Kunst erbrachten, nun, so legen wir halt ein neues Jahrtausend, auf. Unverzagt, ihr tapferen Hessen! Wir werden’s schon schaffen!