In Hamburg sind Reibungen zwischen dem Landeswirtschaftsamt und dem Einzelhandelsverband der Hansestadt entstanden, deren Ursachen und Auswirkungen auch über den Rahmen der beteiligten Wirtschaftskreise Beachtung verdienen. Es handelt sich um die „roten Bezugsmarken“.

Das Verwaltungsamt für Wirtschaft der britischen Zone verteilt in Höhe der Fertigwarenproduktionen die einzelnen Landeswirtschaftsämter Bezugsberechtigungen, so daß der Einzelhandel, über Großhandel und zentrale Lenkungsstellen, einerseits Ware zum Verkauf zugewiesen erhält und anderseits die Ware wieder dem Verbraucher zuführen kann, der wiederum nur so viele Bezugscheine bekommt, wie Ware produziert worden ist. Der Bezugschein ist also das Blut des Einzelhandels, das pulsieren muß, um den Verteiler am Leben zu erhalten. Ohne Bezugscheinbekommt der Händler keine Ware, ohne Bezugsberechtigung kann er daher kein Hemd und keine Schuhe, oder welche Artikel er sonst führt, abgeben.

Da ist aber das LWA Hamburg bei Durchsicht der monatlichen Bestandsmeldungen der Händler darauf gestoßen, daß der Einzelhandel in verschiedenen Artikeln große Bestände besitzt. Um diese nun aufzulockern, kam man überein, „rote Bezugsmarken“ für diese Lagerware auszugeben,die den Einzelhändler nicht zum Wiederbezug berechtigen. Die beteiligten Stellen veröffentlichten eine gemeinsame Erklärung; daß meist „Ladenhüter“oder Ausverkaufsware (im Sinne der früheren Saisonschlußverkäufe) diese Bestände ausmachten. Die Bevölkerung müsse somit rechnen, nicht immer das Passende in Größe und Qualität zu finden.

Das Wirtschaftsamt stellte nun aber nicht nur die roten Marken für „nichtgängige“ Artikel aus,sondern gab fast alle Warengruppen im Textil- und Schuhhandel zur Belieferung frei und ließ verkünden, daß die ausgegebenen 350 000 Bezugsmarken bald wieder verfielen. Der Verbraucher, froh, endlich einen Bezugschein erhalten zu haben, wollte natürlich unter allen Umständen seinen Schein einlösen. Die Folge war ein Ansturm auf die Geschäfte, in denen der Einzelhändler sein stereotypes „Bedaure“ sprach. Beschwerden hagelten, Polizei wurde aufgeboten: der Verbrauche kam nicht zum Ziel. Und doch nur ihm, ihm, allein hat die Behörde, wie der Geschäftsmannzu dienen...

Verschärft wurde die Lage weiterhin durch eine amtliche Verlautbarung, die dem Einzelhandel vorwarf, daß er seine Pflicht gegenüber der Bevölkerungnicht erfülle. Der in Fachverbänden zusammengeschlossene Handel wehrt sich nun gegen diese Unterstellungenund erwirkte beim LWA, daß es seinen Fehler einsah. Esbesteht aber – mit Einschränkungen – auf der Einlösungspflicht der Sondermarken. Der Verbraucheraber gibtdie Schuld dem Händler, der als ersterdie Verärgerung desBezugscheininhabers ohne Bezugsmöglichkeit zu ertragen hat.

Der Streit läuft hinter den Kulissen weiter; das Kriegsbeil der spitzen Reden ist noch nicht begraben. Ist es denn so schwer, den geringen verbliebenen Rest des Wirtschaftslebens zu verwalten? Könnte dem Verbraucher nicht die Sorge um die Erfüllung seiner wenigen Bezugsrechte abgenommenwerden, indem man sich vorher einigt, was zu geschehen hat?