Während die Frage, warum es Behagen. Freude und Glück auf der Welt gibt, nur höchst selten aufgeworfen wird, da jedermann dergleichen offenbar als selbstverständlich hinnimmt, kann sich der menschliche Geist nicht genug tun, über den tieferen Sinn von Leid, Schmerz und Elend nachzugrübeln. Dabei dürfte doch eigentlich kein Zweifel obwalten, daß beide Erscheinungsgruppen so untrennbar zueinander gehören wie Geburt und Tod, Berg und Tal, Tag und Nacht. Das eine bedingt das andere, das eine mißt sich am andern, das eine vergeht mit dem anderen. Ohne das Tal gäbe es keinen Berg, ohne den Berg kein Tal. Ohne das Leid kein Glück, ohne das Glück kein Leid. Würde die Welt durch irgendeine Zauberei allen Leides enthoben, so könnte niemand mehr das Glück als Glück empfinden. Mit dem Leid wäre auch das Glück dahin. Es verlohnte sich nicht, über diese Binsenweisheit auch nur ein einziges Wort zu verlieren, wenn die Menschheit sich nur nicht, aller Binsenweisheit zum Trotz; immer wieder der Hoffnung hingeben wollte, sie könnte das Glück mehren, indem, sie das Leid und den Schmerz in jeder Gestalt, also überhaupt das Unangenehme; minderte. Das wesentliche Bestreben der Zivilisation besteht ja gerade darin, auf allen Gebieten möglichst viel Glück und möglichst wenig Leid zu schaffen. Dabei scheint es sich in Wahrheit so zu verhalten, daß, aufs Ganze gesehen, das Verhältnis von Glück und Leid immer das gleiche bleibt, mag die Menschheit auch noch so eifrig um eine Verschiebung zugunsten des Glücks bemüht sein. Es ist gewiß Weniger quälend, lange Wegstrecken im Auto zurückzulegen als zu Fuß zu gehen, aber muß nicht die Annehmlichkeit der Autofahrt mit der harten Arbeit anderer Menschen bezahlt werden, die das Erz und die Kohle fördern, die vor den Hochöfen schwitzen, die unter dem Zwang des Fließbandes ihre Freiheitverlieren? Ganz abgesehen davon, daß dem Wandernden tausend innige Erlebnisse zustoßen, die dem Autofahrer vorenthalten bleiben. Dieselbe Wissenschaft, die dem erkenntnissüchtigen Menschengeist die Hochgefühle immer wunderbarerer Einsichten in die unfaßbare Unendlichkeit des Weltalls und in die nicht weniger unfaßbare Unendlichkeit des Atoms bereitet, bringt; auch das Grauen Gaskriegen und Bombennächten mit sich. Mit einem Wort: selbst wenn es der Zivilisation gelänge, die Summe des Leides zu verringern, was aber noch lange nicht ausgemacht ist, so würde sie dadurch keinesfalls das Glück mehren. Das Gesetz heißt nicht: Je weniger Leid, um so mehr Glück, sondern es heißt: je weniger Leid, – um so weniger Glück. Wo immer Erwägungen über den Sinn des Leides, des Schmerzes, des Elends angestellt werden, gelten sie, Obgleich unausgesprochen und vielleicht auch unbewußt, gleichermaßen dem Sinn des Behagens. der Freude, des Glücks:

Aus welchem Grunde und zu welchem Ende wird also der Mensch gequält? Was haben Krankheiten, Schicksalsschläge, innere Bedrängnisse zu bedeuten? Warum fügt der Mensch. dem Menschen so viel Bitteres zu? Warum hat die Natur so viel Jammer für ihre Geschöpfe in Bereitschaft?

Diese Fragen meinen im Grunde, nicht jedes Leid, sondern nur jenes, dessen Zweck dem Betroffenen nicht einleuchtet, sie meinen nur die „unnötige Quälerei“. Niemand beunruhigt sich darüber, daß ihm der Finger weh tut, wenn er mit ihm dem Feuer zu habe kommt. Hier handelt essich ja um einen richtigen und überaus wichtigen, um einen sinnvollen, um einen warnenden Schmerz, der Schlimmeres verhüten soll. Aber warum wird zum Beispiel der Krebskranke diesen entsetzlichen Martern ausgesetzt, die nichts mehr verhüten können, die anscheinend keinen andern Sinn haben als den, blindlings zu quälen, einen sowieso verlorenen Menschen zu quälen, einer armseligen Kreatur, und denen; die ihr nahestehen, die letzten Stunden zur Hölle zu machen?

Gerade beim Krebs glaubt die Wissenschaft übrigens einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen Zivilisation undKrankheit, eine unmittelbare Wechselwirkung von Glück und Qual feststellen zu können. Seine Häufigkeit steigert sich mit dem Fortschreiten der Zivilisation. Menschen, die sich mit gewissen Einrichtungen und Erzeugnissen der neuzeitlichen Technik zu befassen haben, werden am ehesten von diesen unheimlichen Zellwucherungen heimgesucht. Sollte etwa der Krebskranke die Annehmlichkeiten, die er und andere der Zivilisation verdanken, mit den Schmerzen bezahlen müssen, die derselben Zivilisation verdankt? Müssen etwa die Hunderte und Tausende, die in Bergwerken und Fabriken schwer arbeiten, sich mit einer minderen Glücksmenge zufrieden. geben, damit ein einzelner Flieger den alles Maß übersteigenden Glückstaumel des Emporschießens und Dahinrasens über Wolken. Meere und Kontinente, den Taumel der neuen, Freiheit und des neuen Weltgefühls Wieder und wieder auskosten kann? Müssen hier Tausende leiden, damit einer die seligste Trunkenheit erlebt? Muß dort einer leiden, damit „Tausenden ein angenehmes Leben ermöglicht wird? –

Aber auch diese Art von Leid ist es eigentlich nicht, auf die sich jene Fragen beziehen. Ein für andere erlittenes Leid kann man nicht ohne weiteres sinnlos nennen, wenngleich darin manche Unbegreiflichkeit und manches Geheimnis, zum Beispiel das der Schuld, der Gerechtigkeit, der Stellvertretung und der Erwähltheit, waltete Jene Fragenbeziehen sich vielmehr auf das ganz Und gar sinnlose Leid, in dem keine Spur von Gerechtigkeit mehr, auch nicht von transzendenter Gerechtigkeit, zu erkennen ist. Aus welchem“ Gründe und zu welchem, Ende gibt es solches Leid? –

Jeder hat in seiner Bekanntschaft einen Menschen oder mehrere Menschen, die durch das Leid zu einer merkwürdigen Reife und Geläutertheit, wenn nicht gar zu einer völligen Verklärtheit gediehen sind. Sieht man näher zu, so stellt sich meist heraus, daß es ein sinnloses Leid war, das diese Wandlung bewirkt hat. Wie, wenn das sinnlose Leid – ob körperlicher oder seelischer Natur, bleibt sich gleich – gerade wegen seiner Sinnlosigkeit eine geheimnisvolle Frage aus der anderen Welt wäre? Je sinnloser und furchtbarer ein Leid erscheint, um so größer ist ja die Wahrscheinlichkeit, daß es wirklich eine solche jenseitige Frage darstellt. Wie, wenn es so stünde, daß Gott den Menschen im Leid fragt und daß der leidende, der von Gott geschlagene Mensch gleichzeitig der begnadete Mensch wäre? Dann würde Reifsein so viel bedeuten wie, für Gottes Fragen empfänglich sein.

Im strengen Calvinistischen Bekenntnis bildet die Lehre von der supralapsarischen, doppelten Prädestination, das heißt von dem unewigen Entschluß Gottes, den einen Menschen zur Seligkeit und den anderen nach seinem freien Willen zur Verdamm – nis zu erwählen, das Herzstück. Die frühen Calvinisten grübelten darüber nach, ob es wohl irgendein Zeichen gäbe, an dem man schon auf Erden erkennen könne, wen Gott denn begnadet und wen er verworfen habe. Sie verfielen schließlich darauf, der äußere Erfolg stelle ein solches Zeichen dar. Wem hierauf Erden Glück und Gut beschieden sei, der erfreut sich offenbar der Gnade Gottes. Und wer sich hier der Gnade Gottes erfreue, der werde es gewiß auch im Jenseits tun. Und so setzten sie denn ihre letzten Kräfte ein, um in ihrem Beruf Erfolg zu haben, nicht um des Erfolges, sondern um ihrer Seligkeit willen. Wenn es zutrifft, daß aus diesem verbissenen Streben nach sichtbarem Erfolg die ka- – pitalistische Gesellschaftsordnung entstanden ist, wie eine volkswirtschaftliche Schule der Neuzeit behauptet, so geht schon daraus hervor, daß der ergribelte Schluß, wenigstens in seiner unmittelbaren Bedeutung, falsch war. Denn der moderne Kapitalismus mit seinen seelenverwüstenden Folgen würde von denen, die ihn heraufgeführt haben sollen, zweifellos, wenn sie ihn in seiner heutigen Form sähen, eher als ein Werk des Satans denn als ein Zeichen Gottes verstanden werden. Davon ab-, gesehen, scheint es sich so in verhalten, daß Erfolg und Glück, zumal wenn sie den Menschen dazu verführen, sich der Gnade Gottes versichert zu haben, alles mögliche bekunden können, aber nicht die Erwähltheit. Denn der Fromme, der glaubt, er sei Gottes habhaft geworden, der Beruhigte, der sich in Gottes Gnade geborgen wähnt, der Lebenstüchtige, der Gottes Ratschluß erkennen will, sie alle sind, sofern sie es dabei bewenden lassen, weiter von Gott entfernt als der unselige Atheist. Gott redet in vielem, auch im Glück und im Erfolg. Aber er redet dunkel. Unmißverständlich redet er nur im Leid. Und am allerunmißverständlichsten im sinnlosen Leid.