Fünfzehn Millionen Tonnen Kohle haben die Vereinigten Staaten im verflossenen Jahr nach Europa geliefert – in diesem Jahr sollen es 25 Millionen Tonnen werden –, und sehnsüchtig wartet das trotz seiner reichen Kohlenvorkommen hungernde und frierende Europa auf diese Kohle. Hier zeigt sich, was Europa, das einst die Welt mit Kohle versorgte, eingebüßt hat, wie sehr sich der Schwerpunkt der Wirtschaft nach Amerika hin verlagert hat. Es zeigt sich hier besonders kraß, weil Kohlentransporte von Amerika nach Europa unsinnig erscheinen, weil es nicht gerade billig ist, diese Kohle zu befördern, da allein die Frachtkosten im abgelaufenen Jahr 400 Millionen Dollar betragen haben sollen.

Die europäische Kohle ist vorläufig entthront. Wird es für immer so sein? Wird die europäische Kohle nach diesem Kriege für immer ähnliche Einbußen erleiden wie die britische nach dem vorigen? Ganz so scharf wird vielleicht der Einschnitt nicht sein. Speziell wegen des weiten Transportweges und der "Gewichtsschwere" der Kohle dürfte das jetzige amerikanische Kohlengeschäft etwas Einmaliges bleiben, wenn auch die amerikanischen Kohlengruben sicherlich alles tun werden, um diese Chance auszunutzen und dauerhafte Beziehungen anzuknüpfen. Die Lage nach dem vorigen Krieg war übrigens ähnlich, wenn auch der Umfang der Kohlennot hinter der jetzigen zurückblieb. Damals stieg die amerikanische Kohlenausfuhr von 10 Millionen Tonnen auf das Dreifache, doch bis zu diesem Krieg trat ein Rückschlag auf 12 Millionen Tonnen ein, so daßalso die Ausfuhr nur wenig über der vor dem ersten Weltkrieg lag.

Die amerikanische Kohlenwirtschaft könnte noch weit größere Geschäfte in Europa machen, wenn die Fracht nicht zu teuer wäre und den Abnehmern nicht die Dollars fehlten. Von der, europäischen Vorkriegskohleneinfuhr blieben (1946) 44 v. H. oder 32 Millionen Tonnen ungedeckt, wobei von der Kohlennot Deutschlands noch abgesehen ist. Von den erfolgten Lieferungen von 56 v. H. entfielen im vorigen Jahr 27 v. H. auf die USA, 15 v. H. auf Deutschland sowie je 7 v. H. auf Polen und andere Länder. Fast völlig ausgefallen ist vorläufig Großbritannien, das einst 32 V. H. der europäischen Kohleneinfuhr deckte, aber im verflossenen Jahr nur 189,3Millionen Tonnen gegen 244 Millionen Tonnen vor dem Kriege förderte. Es fehlen am Weltmarkt 30 Millionen Tonnen englische Kohle. Die deutsche Kohlenausfuhr ist etwas Künstliches; sie geschieht ausschließlich zu Lasten des deutschen Verbrauchers, während Deutschland vor dem Kriege ohne Schwierigkeiten 40 v. H. der europäischen Kohleneinfuhr deckte. An dritter Stelle stand vor dem Kriege Polen mit einem Anteil von 10 v. H. Polen ist jetzt der große Gewinner, brachte es aber im abgelaufenen Jahr nur auf eine Ausfuhr von 7,5 Millionen Tonnen. Wenn die Vereinigten Staaten jetzt ihre Kohlenausfuhr um etwa 10 Millionen Tonnen erhöhen, wird das Kohlenproblem immer hin die Länder die in Dollars zahlen können, etwas an Bedeutung verlieren– das sind aber nur Schweden und die Schweiz. Produktionsmäßig könnten die USA die Ausfuhr noch weit höher treiben, denn die amerikanische Kohlenförderung kann dank dem Reichtum der Vorkommen leicht über den Vorkriegsstand von etwa 450 Millionen Tonnen gebracht werden. Auch scheint es ja so, als ob John L. Lewis nach dem Ausgang des letzten Streiks zu neuen Streiks wenig geneigt ist.

Die Vereinigten Staaten denken nicht nur an den europäischen Markt, sondern auch an die anderen Absatzmöglichkeiten am Weltmarkt, obgleich auch diese verkehrsmäßig wenig lockend sind. Insgesamt soll die amerikanische Kohlenausfuhr auf etwa 30 Millionen Tonnen gebrachtwerden, so daß 5 Millionen Tonnen für andere Märkte bleiben, wie vor allem die, südamerikanischen. Dieses Geschäft hat in der Presse ein gewisses Echo gefunden. Die südamerikanischen Kohlenbezieher behaupten, daß Amerika nicht gerade die besten Qualitäten liefere, und haben dabei deutlich zu verstehen gegeben, daß sie die europäische Kohle der amerikanischen wieder vorziehen würden, wenn nur Europa liefern könnte. Die Bedeutung solcher Klagen darf man zwar nicht überschätzen; sie sind eine typische Begleitmusik, aber sie lassen immerhin gewisse Grenzen erkennen. drgr.