Die europäische Literatur enthält viele Beispielevon geschichtlichen Stoffen, diejeder neuen Gegenwart Nutzanwendungen bieten. Es sind tiefgehende, das Einzel- und Gemeinschaftsleben der Menschen angehende Erkenntnisse, die allzu häufig ein leider nur museales Dasein führen. In glücklichen Dezennien gelangen solche geschichtlichen Beispiele rechtzeitig und ganz von selbst in eine sie klug benutzendeGegenwart, in unglücklichen zu spät zu einer von grausigen Irrtümern geplagten Menschheit. Oft bedarf es einer in der Geschichte gegebenen Anregung, damit sie von einem Dichter aufgenommen und schöpferisch gestaltet werden. So hat Voltaire, in der Tragödie „Mahomet oder der Fanatismus“ die Gestalt eines Diktators und „Propheten“ geschaffen, die in ihren Wesenszügen vorahnend der Figur gleicht, die zwölf Jahre hindurch über Deutschland herrschte. Er schildert dann einen Despoten, dessen ideomonomane Art sich unheilvollin unserer Erinnerung bewahrt, von einem Vasallen bedient, wie man sie in Deutschland zu Hunderten kennengelernt hat. Auch diesen Tyrannen hatten seine politischen Gegner geschont, als er in Mekka die Massen zum Aufruhr anstiftete und das Vaterland bedrohte...

Kein Geringerer als Goethe hat diese Tragödie einer Übersetzung für wert befunden und sie auf der Hofbühne des Großherzogs Carl August zur Aufführung gebracht. Als Dichtung Voltaires hat„Mahomet“ in Frankreich etwa den Rang wie bei uns Schillers „Räuber“ oder „Don Carlos“. 1741 in Lille dargeboten, wurde das Stück ein Jahr darauf unter den Bourbonen von der Zensur verboten. Der kluge Voltaire widmete es dem Papste, umnachzuweisen, daß eine Tendenz sich weder gegen ein echtes religiöses Bekenntnis noch gegen wirkliche Frömmigkeit richte. Der Papst antwortete mit einer Anerkennung. Dennoch blieb das Verbot derAufführung bestehen. Der Gegenwart bleibt es erstaunlich bedeutsam als Beispiel für die Mittel einer gewissenlosen, selbstsüchtigen Volksbeeinflussung, wie wir sie an uns selbst in ihrer vernichtendenWirkung erlebt haben.

Das Stück für die Gegenwart aufgefunden zu haben, ist unbedingt ein dramaturgisches Verdienst des Intendanten der Lübecker Bühnen, Friedrich Siems. Seine lebendige Wirkung wurde vornehmlich getragen durch die Darstellung Rolf Müllers als Mahomet, der dem bösen Dämon durch die suggestive Kraft von Wort und Geste erschütternd Ausdruck gab. Sein Gegenspieler Reinhold Lütjohann als Sopir,Scherif von Mekka, erlahmte gelegentlich in der Eindringlichkeit, die ihm seine eindeutige Haltung aufgab: Die ohne Stilbruch dargebrachte Inszenierung stammte von Robert Dittmann, das sich sparsame Andeutung mit Geschmack beschränkende Bühnenbild von Alfred Sierke. Die Aufführung wurde mit überraschend warmem Verständnis für den Inhalt und seine Darbietung aufgenommen, mit der die Lübecker Bühnen ihre Aufgeschlossenheit gegenüber dem aktuellen Zeitstück erneut kundtun.

Adolf Nowakowski