Von Erwin Sylvanus

Folgende Zeilen gelten der Erinnerungen den – 1943 verstorbenen Mitbegründer der Worpsweder Künstlerkolonie, den GattenPaula Modersohn-Beckers, in dem man noch nicht genug den großen deutschen Maler schätzt, der er war.

Das Bild ist bei Modersohn, ausschließlich dem Atelier vorbehalten. Er malt vornehmlich in den Morgenstunden. Er sitzt in seiner Glasveranda und hat das Land um sich.-Die Arbeiten der letzten Zeit sind an die Wände gelehnt und blicken ihn aufmerksam an. Er nimmt seine Feldstaffelei, stellt sie auf, holt einen sorgfältig aufgezogenen Spannrahmen, seine Malutensilien und lebt in den folgenden Stunden ausschließlich und allein seinem Werk, das keine störenden Gedanken undkeine Ablenkungen zuläßt. Aus seiner Mappe hat er sich ein oder auch zwei Skizzenblätter hervorgesucht, die ihm gerade besönders eindringlich erscheinen. Manchmal hat er Sich auch nachts unablässig mit dem Plan des neuen Bildes beschäftigt und weiß am andern Morgen im emsigen Suchen ganz genau, welches Skizzenblatt er heute vornehmen will und wie jene Einzelheit aussah, die ihm in der Nacht so bedeutsam erschien.

Mit großen, sicheren Strichen legt er nun in Kohle das Bild an, so sparsam wie möglich. und nur er allein weiß, Was die bizarren Linien bedeuten. Schon aber hat der ursprüngliche Entwurf wie die Skizze ihn zeigte, leichte Veränderungen erfahren. Abermalige Veränderungen ereignen sich, wenn Modersohn nun an die farbliche Ausführung geht.

Er ist voller Gesichte und voller Empfindungen, ja, eine Unruhe ist über ihn gekommen, da er nun beginnt, und der Pinsel kann nicht schnell genug eilen, damit möglichst bald etwas Festes im Bild ist, gleichzeitig über die ganze Leinwand verteilt, daß schon der Himmel Weiße hat und das Moor violette Bräune und das Wasser einiges Blau, und sei es auch nur ein Tupfen. Von dieser ersten Verteilung, so ungeregelt und farblich ungebrochen sie auch scheinen mag – man möchte fast von einer Improvisation sprechen –, ist sehr viel, oft alles abhängig. Ist das werdende Bild so farblich aufgeteilt, dann wird der Maler ruhiger. Er betrachtet es, vergleicht es mit der Skizze und besitzt bedenkenlos die Kühnheit, weitere. Veränderungen vorzunehmen. Er malt ja sein Bild. Nun beginnt Modersohn die Ausarbeitung, jetzt entfesselt er seine ganze Seele, und der Pinsel wird von keinen körperlichen Händen mehr geführt. Der Pinsel ist nun in kleiner, aber intensivster Unruhe, jeden Gedanken blitzschnell auszuführen. Das Geheimnis der Modersohnschen Farben beginnt zu glühen. Unablässig ist der Pinsel auf der Leinwand, und er kann von einem Moorkatendach zu einer Wolke und einer Birke übergehen, als male er überall gleichzeitig. Und er malt überall gleichzeitig, auch die augenblicklich unbeschäftigt erscheinende Bildstelle wird beobachtet, muß eine Beziehung finden, zu dem, was auf der andern Bildstelle vorgeht, und vermag es nicht, wird-sie ebenso schnell verändert.

Inzwischen ist die Mittagsstunde nähergerückt. In Stimmung, Ausdruck und der wesentlichen Ausführung ist das Bild nun fertig. Modersohns Bilder sind alle aus einem ungeteilten, unkomplizierten Stimmungsanlaß entstanden. Das also fertige Bild wird am andern Tag und auch wohl noch am übernächsten Tag wieder vorgenommen oder“ bleibt nun Tage, ja Wochen stehen, bis es genügend geprüft ist und der Maler weiß, wo die Stimmungsconturen noch vertieft werden müssen.

Mit sicheren, noblen Strichen setzt der Künstler sein lateinisches Signum: Otto Modersohn.