„... ja wenn man aus den Massen lauter einzelne machen und dann den einzelnen vor Gott stellen würde ...“

Sören Kierkegaard

In Schweden standen jetzt drei Jünglinge vor Gericht, die an sechs aufeinanderfolgenden Sonnabenden im Herzen von Stockholm Dynamitladungen – bis zu neun Kilo – zur Explosion gebracht hatten. Nur durch ein Wunder kamen keine Menschen ums Leben. Alle Vermutungen, es handele sich um die Tat politischer Extremisten der einen oder der anderen Richtung, erwiesen sich als falsch. Die Wahrheit war ebenso einfach wie banal. Drei Jugendliche ohne das geringste Interesse für Politik hatten sich einen „Spaß“ gemacht. Vor ihrer Laufbahn als „Samstagssaboteure“ hatten sie sich weder im Guten noch im Bösen irgendwie hervorgetan. Was veranlaßt nun drei völlig normale Menschen in einem völlig normalen Land zu so sinnlosen und gefährlichen Handlungen? Nach allem, was das Verhör ergab, Langeweile und Geltungsbedürfnis.

Der Vorfall sollte zu denken geben. Schweden ist ein Musterland sowohl hinsichtlich seiner demokratischen Staatsform als auch seiner sozialen Einrichtungen. Eins der wichtigsten Merkmale sozialen Fortschritts ist anerkanntermaßen Verkürzung der Arbeitsstunden und Verlängerung der Freizeit. Schon Richard Dehmel dichtete: „Was fehlt uns noch, um so frei zu sein, wie die Vögel sind? – Nur Zeit, nur Zeit!“ Für die meisten Schweden und für die Bewohner anderer sozialer und demokratischer Musterländer ist diese Ziel erreicht.

Nun besteht aber ein wesentlicher Unterschied zwischen den Vögeln und den Menschen. Vögel langweilen sich nie, sie sind nie in Verlegenheit, was sie mit ihrer Freizeit anfangen sollen. Sie sind vollkommen und lückenlos in den Kreislauf der Natur eingepaßt. Bei dem Menschen dagegen hat die Natur aus irgendwelchen Gründen (oder vielleicht auch ohne Grund aus reiner Vergeßlichkeit) eine Lücke gelassen, einen Spielraum seines Willens. Im Gegensatz zu dem äußeren Spielraum, wie er durch Verkürzung der Arbeitszeit entsteht, wollen wir diesen Spielraum den inneren nennen. Das oben a|ngeführte Beispiel zeigt, daß äußeren Spielraum in Gestalt von Freizeit ohne Spielregel, das heißt ohne Anweisung zur Ausfüllung des inneren Spielraums, nicht nur nicht genügt, den Menschen glücklich zu machen, sondern sogar bedenklichste Folgen für ihn und für andere heraufbeschwören kann.