Frankreich hat seinen Plan für den zukünftigen deutschen Staatsaufbau in einem Memorandum niedergelegt, das der britischen, amerikanischen und sowjetischen Regierung zugestellt worden ist. Dieser Plan sieht eine lockere Konföderation von autonomen deutschen Einzelstaaten vor, also einen Staatenbund und nicht einen Bundesstaat. Die Staatsgewalt in Deutschland geht danach nicht mehr vom deutschen Volke aus, sondern von den einzelnen Landesregierungen und Landesparlamenten. Die Länder erbauen sogar das Recht eigene diplomatische Vertretungen im Ausland zu unterhalten. Alle Bundesinstanzen sind nach dem französischen Plan nur durch Beauftragte der Länderinstanzen, die die wirkliche Souveränität innehaben. Frankreich legt entscheidenden Wert darauf,daß ein deutscher Reichstag, wie er seit 1871 bestanden hat, unter keinen Umständen wieder geduldet werden darf. Die Wirtschaftseinheit, soweit sie in einem Staatenbunde überhaupt möglich ist, wird uns zugebilligt. Das Recht auf politische Einheit wird uns dagegen aberkannt.

Das französische Memorandum weist uns eine Ausnahmestellung unter den Völkern zu und verordnet uns eine staatliche Form, die kein Volk der neueren Geschichte jemals für sich gewählt hat. Der Vorschlag Frankreichs will die Tatsache nicht wahrhaben, daß wir ein Volk sind und also einen Volksstaat und nicht einen Völkerstaat brauchen. Im Oktober 1946 hat der britische Außenminister Bevin vor dem Unterhaus erklärt, die zukünftige deutsche Verfassung müsse auch für das deutsche Volk annehmbar sein und/die beiden Extreme des Staatenbundes und des zentralistischen Einheitsstaats vermeiden. Bevin hat sich klar und deutlich für einen deutschen Bundesstaat ausgesprochen. Die amerikanische Auffassung scheint etwa zwischen der britischen und der französischen zu liegen während Moskau einen deutschen Einheitsstaat vorzieht. Die Meinungen liegen also sehr weit auseinander. Sie sind nicht einmal in Deutschland selbst einheitlich. Vereinzelte Äußerungen in deutschen Zeitungen und Zeitschriften vertreten einen Standpunkt, der sich von dem Frankreichs kaum noch unterscheidet, während besonders die Kommunisten den zentralistischen Einheitsstaat fordern. Aber die Mehrheit der Deutschen ist fraglos für einen Bundesstaat, wie er sich in den Vereinigten Staaten und der Schweiz historisch bewährt hat und auch der deutschen Tradition und den deutschen Erfordernissen entspricht.

Nach dem augenblicklichen Stand der Dinge muß man es für wahrscheinlich halten, daß in Moskau und auf weiteren Konferenzen der vier Großmächte ein "Friedensstatut für Deutschland beschlossen werden wird, und daß diese", zum Teil in einem "Staatsstatut für Deutschland" bestehen wird. Die Zukunft einer deutschen Demokratie hängt davon ab, inwieweit dieser befohlene deutsche Staat mit dem von uns gewollten übereinstimmt. Entspricht er dem Volkswillen, so behält die Demokratie bei uns eine Chance. Wird dagegen nicht nur über uns, sondern auch gegen uns verfügt, so können wir aufhören, von einer deutschen Demokratie zu reden. Es ist daher von überragender Wichtigkeitdaß sich der britische Standpunkt durchsetzt und nicht der französische.

Leider muß man befürchten, daß die These Frankreichs mit größerem Nachdruck, mit stärkerer scheinbarer. Überzeugungskraft vorgetragen und verfochten werden, wird als die irgendeiner anderen Großmacht. Wenn Frankreich über Deutschland spricht, so geschiehtdas immer in eigener, in eigenster Sache. Diesem egozentrische Moment bei allen französischen Deutschlandplänen, mögen sie nun den Staatsaufbau, das Saargebiet oder die Ruhr betreffen, gibt ihnen die unvergleichliche Verve, der sich dann andere Staaten schwer entziehen können. Die eigene Sache Frankreichs bei der Deutschlandfrage ist die immer wieder als das A und O seiner Politik verkündete französische Sicherheit. In ihrem Zeichen steht das britisch-französische Bündnis, mit ihr wird jede Forderung an Deutschland, jeder Plan für Deutschland begründet. Der Glaube an eine ewige deutsche Gefahr sitzt so tief, daß ein zerstörtes, verelendetes, entwaffnetes, auf Jahrzehnte von den Großmächten besetztes und bis in jeden Winkel kontrolliertes Deutschland noch immer nicht schwach genug ist, daß Sicherung auf Sicherung getürmt noch immer nicht hinreichende Sicherheit verbürgt. Der französische Anspruch auf sécurité kennt schlechthin keine Grenze. Die "ewige deutsche Gefahr", auf die er sichgründet, ist zu einem offiziellen französischen Nationaldogma geworden. "Dreimal im Verlauf von siebzig Jahren", so verkündet dieses Dogma, "ist Frankreich von Deutschland überfallen worden: 1870, 1914 und 1939." Nach Frankreichs Urteil befinden wir uns dadurch in der Rolle eines kollektiven politischen Gewohnheitsverbrechers, der seine Freiheit nur zu immer weiteren Untaten mißbrauchen würde und der deshalb jegliches Recht auf Selbstbestimmung verwirkt hat.

Das ist nicht die Überzeugung aller Franzosen, aber es ist die offizielle französische These. Sie wird so oft wiederholt und so emphatisch vorgebracht, daß sie längst nicht mehr auf Frankreich beschränkt ist. In England wird sie besonders von Lord Vansittart vertreten. Zuweilen nimmt sie die Form an, daß Deutschland in 75 Jahren "fünf Angriffskriege gegen Europa" geführt habe, wobei dann die Kriege von 1864 und 1866 in das wobei einbezogen sind. Ehemalige Deutsche, wie Friedrich Wilhelm Foerster und Emil Ludwig, sagen im Ausland dasselbe. Und in Deutschland selbst hört man seit der Kapitulation nicht ganz selten ähnliche Stimmen. Nach einer Epoche geschichtlicher Selbstverherrlichung scheinen wir jetzt in das Stadium geschichtlicher Selbstverdammung zu geraten. Aus Lesebuchhelden sollen plötzlich auf der ganzen Linie Lesebuchverbrecher werden. Wieder einmal sind die "schrecklichen Vereinfacher" – die terribles simplificateurs, von denen Jacob Burckhardt gesprochen hat – am Werke. Sie spinnen einen roten Faden, der Friedrich den Großen, Bismarck, Wilhelm II. und Hitler, eng verknüpfen soll. Rund zwei Jahrhunderte deutscher Geschichte werden damit in Grund und Boden verurteilt, als ununterbrochene Vorbereitung des Nationalsozialismus gebrandmarkt. Es ist an der Zeit, daß dieser Übervereinfachung widersprochen wird.

Nur eine junge Generation, die mit der Wahrheit über die eigene Geschichte aufwächst, kann an ihr lernen, durch sie erzogen werden. Hinter dem Schwarz in Schwarz steckt ebenso viel eifernder Fanatismus wie hinter dem Weiß in Weiß, und Fanatiker sind die schlechtesten Erzieher, jedem Volk hat seine Geschichte Gutes, und Böses zu erzählen, weise Handlungen und Stümpereien, Fortschritte und Fehlschläge. Auch wir machen da keine Ausnahme. Auch wir sind nicht in Permanenz von Bösewichtern "geführt", worden. So war Bismarck in Nikolsburg und auf dem Berliner Kongreß ein weiser und maßvoller Staatsmann, im Kulturkampf und bei Unterdrückung des Sozialismus ein kurzsichtiger und gewaltsamer Politiker. Er war nicht einfach immer im Recht oder immer im Unrecht. Und das gilt fast ausnahmslos. Der Sonderfall Hitlers, an dem nichts, aber auch gar nichts zu retten ist, gibt uns keinen Anlaß, rückwirkend Jahrhunderte unserer Geschichte zu "hitlerisieren". Die unbestreitbare Tatsache, daß der letzte Krieg ein von Hitlers maßloser Machtsucht diktierter Angriffskrieg war, beweist nichts für frühere Kriege.

Die französische These von den "Überfällen" 1870 und 1914hält nicht stand vor der historischen Wahrheit. 1870 war Napoleon III. der Gegenspieler Bismarcks. Und das Frankreich des Zweiten Kaiserreichs war keineswegs ein friedliches demokratisches Land, ein unschuldiges Opfer deutscher Machtsucht. Napoleon III. war ein Abenteurer auf dem Thron, der eigentliche Erfinder der modernen Diktatur, mit Propaganda, fast 100prozentigen Plebisziten und allem sonstigen Zubehör. Seine sprunghafte Politik stand ganz im Zeichen des eigenen Prestiges, der Außenerfolge, die für ihn selbst und für seinen Sohn den Thon sichern sollten. Und die Kaiserin war ein Emporkömmling wie er selbst, nur noch unruhiger, noch dilettantischer, noch ehrgeiziger. Napoleon III. erstrebte, wie so viele französische Staatsmänner seit Richelieu, den Besitz des linken Rheinufers und ein möglichst machtloses, politisches Gebilde östlich des Rheins. Er hielt Frankreichfür stark genug, in einem Krieg mit dem werdenden Deutschland zu siegen. Die Kriegspartei in Paris, mehr noch von der Kaiserin als vom Kaiser geführt, wollte diesen Krieg, der Bismarck nicht Unerwünscht war, da er für ihn nach den Feldzügen von 1864 und 1866 "in der historischen Konsequenz" lag. Nach der Provokation auf der Kurpromenade von Ems und der Gegenprovokation der Emser Depesche entschloß sich Frankreich kurzerhand für die Entscheidung durch Waffengewalt. Der französische Ministerpräsident Ollivier erklärte, er nehme die Verantwortung "leichten Herzens" auf sich. Auf den Straßen von Paris rief man nicht etwa "sauvez la patrie", sondern "à Berlin, à Berlin", in einem Brief vom 2. Mai 1871 schrieb Napoleon III.: "Ich erkenne an, daß wir die Angreifer gewesen sind." .. Ganz im gleichen Sinne äußerte sich Adolphe Thiers vor dem parlamentarischen Untersuchungsausschuß. Und kein anderer Staat Europas griff in den deutsch-französischenKrieg ein, kein allgemeiner Friedenskongreß fand nach seinem Ende statt, was deutlich beweist, daß niemand an ein Hegemoniestreben Deutschlandszum Nachteil des europäischen Gleichgewichts glaubte. Die These eines deutschen "Überfalls" erweist sich als völlig unhaltbar. Auf französischer Seite ist man nachträglich allzu leicht geneigt, ein militärisches Vordringen deutscher Truppen in Frankreich mit einer politischen Aggression zu verwechseln. So ist sogar wiederholt von den "beiden deutschen Invasionen von 1814 und1815" gesprochen worden, obwohl es sich beide Male um europäische Feldzüge gegen einen ganz Europa bedrohenden Eroberer handelte.