freitags sind die Verhandlungen vor der Strafe kammer des Landgerichts in dieser thüringischen Stadt. Dann sitzen die Richter und die Schöffen hinter dem langen, schwarzen Tisch, und es gibt einen schwarzen Freitag für die Missetäter ringsum. Dann kommen sie herunter von den Dörfern der Rhön, Angeklagte und Zeugen, und hocken auf den Bänken draußen auf dem engen, dunklen Flut. Sie haben eine Tasche mit, da ist Mundvorrat drin, Brote, die ihnen nicht ganz schmecken trotz hochsten Kaloriengehalts, denn die "Würde des Gerichts" dringt lähmend aus dem Saal des Schicksals bis in diesen Vorhof der Ungewißheit, erstickt Gespräch und – Hunger zu dumpfem Flüstern und unlustigem zähem Mümmeln.

Sie warten.

Die Anwälte in der ersten "Sache" verbeugen sich drinnen vor dem hohen Gericht, setzen sich an ihr Tischchen, holen Gesetzestexte aus ihren Aktentaschen und warten lächelnd und kampfbereit. Der Berichterstatter der Lokalzeitung im blauen Trenchcoat sitzt auf der Zuschauerbank am Fenster und liest anerkennend im Blatt; was er für die heutige Ausgabe geschrieben hat. Als er damit fertig ist, sieht er auf den Karlsplatz hinaus, wo heute wie gestern das Lutherdenkmal steht und eben eine Frau ihren störrischen Dackel an der Leine weiterzuzerren sucht. Er wartet.

Da weht eine Schwarze Robe wie die dunklen, aber belebenden. Schwingen eines mythischen. Riesenvogels durch den Flur und durch den Saal; Der Staatsanwalt nimmt Platz, der Herr Vertreter der Frau Nemesis. Der Vorsitzende ruft, der Justizwachtmeister erhebt sich von seinem Stuhl am Eingang und ruft beiderseits auf den Flur, er ruft die erste "Sache" auf. Justitia hat sich die Augen verbunden und hält die Waage vor sich hin, auf daß Staatsanwalt und Verteidiger die Schalen füllen. Der Trenchcoatmann wendet den Blick von der Dackeldame und kramt nach seinem Bleistift.

Drei Männer mit hohen Stiefeln und schweren Schritten kommen herein, drei Männer mit verwitterten undurchdringlichen Gesichtern und eine große knochige Frau. Das sind die Angeklagten, Und ein älterer Mann im abgeschabten Manchesteranzug und eine Frau in einem ländlich feschen Mantel, jung, so jung, daß sie beinah schon darum ein wenig hübsch ist. Das sind die Zeugen. Rhönbauern und bäuerinnen aus einem dieser Orte, die so unfreundliche Namen haben wie Kaltennordheim, Kaltensundheim. Auch die Zuschauerbank füllt sich mit Landleuten aus jenem Bezirk. –

Alle Staatsanwälte haben Stimmen; in denen etwas Von der Schärfe des Schwertes ist. "Ich klage sie an", liest die scharfe Stimme vor, "in der Nacht vom...zum..." und setzt sich dann wieder. Sie ist nicht modulationsfähig oder nur willig, diese Stimme, sie ist scharf und aus. Die Zeugen warten draußen.

Dagegen ist die Stimme des Richters eine Orgel. Der Richter braucht eine ganze Skala von Tönen, er braucht – das Bild scheint klarer – eine ganze Palette von Farben. Für den Staatsanwalt ist diese Welt eine Welt von Schurken; wenn er malt, kommt er mit Schwarz aus: Schuldig, sagt er. Punkt. Für den Verteidiger ist diers eine Welt von Engeln, denen höchstens mal ein Schmutzfleck auf das helle Gewand kommt. Wenn er malt, braucht er nur Weiß und etwas lichtes Grau für den Fleck. Unschuldig, sagt er, oder doch so gut wie unschuldig. Für den Richter ist das Leben eine komplizierte Sache, so kompliziert, daß ihm bewußt ist, man kommt streckenweise sogar im Dienst nur mit der Leuchte Humor durch die dunklen Irrwege. Humor ist niemals schwarz oder weiß, Humor ist bunt.