Von Karl N. Nicolaus

Es gab eine Zeit, da war im Bewußtsein des Städters das Dorf eine Ortschaft am Ende der Welt, ein paar Hütten dort, "wodie Füchse sich gute Nacht sagen", der Inbegriff eines belächelten Verlorenseins.

Das war, als die Städte nachts sich mit bunten Lichtreklamen gürteten, als die Filme der "Traumfabriken" – wie ein Dichter die neue Industrie nannte – die Menschen ansogen in die Kinos, um sie, geschwängert mit den Illusionen fremden Lebensglanzes, in eine dürftige Nacht- zu entlassen. Es war die Zeit; da die großen Städte groß waren nicht nur durch ihr räumliches Maß, sondern auch durch die riesigen Lebensversprechungen, die sie ihren Gläubigen machten.

Was blieb von diesem Leben, was blieb von den Versprechungen?Der Krieg löschte die Lichter aus, und der Tod schwang gespenstische Fackeln durch die Schächte der Nacht, die über den verdunkelten Städten in den Himmel ragten. Da geschah es, daß – das Dorf zum erstenmalseinen Glanz bekam in der Vorstellungswelt des Städters. Dort wohnte plötzlich eine Verheißung, von der vorher kaum noch jemand etwas gewußt hatte: dort konnte man ruhig schlafen. So wurde das Dorf im Bewußtsein, des Städters der Ort, wo keine Sirenen gingen. Es war dies die erste Etappe in der Karriere des Dorfes. –

Dann kam der Hunger. Alles wurde rar. Auch die Menschen in den Städten fingen an, den Früchten des Feldes entgegenzugehen. So kamen sie ganz von selbst auf die Dörfer.

Es traf sich auch, daß die Evakuierten, die Frauen und Kinder, an. die Verbleibenden in den Städten schrieben? "Wenn ihr mal ausschlafen wollt für ein paar Tage-Urlaub oder für ein mühsam erschlichenes Wochenende, kommt her! Wir rücken zusammen, es wird schon gehen!"

So kam das Dorf zu einem abermaligen Glanz – in der Gedankenwelt des Städters: es,wurde die Ersafzheimat, der Ort, an dem knappe Urlaubstage verbracht wurden, der Hort, der Frauen und Kinder, umschloß. Über den Dörfern stand die Stille der Nacht, als die Städte in Trümmer sanken; sie wurden die Zuflucht des Lebens. Die unbestimmte Ahnung des Menschen von einem besseren Irgendwo – jene Ahnung, die sonst je nach Begabung und Bildung in mehr oder minder üppige, elysäische Gefilde sich verloren hatte – verdichtete sich zu der Vision eines simplen Dorfes., Und dem Menschen, der gelernt hatte, sein Gehör im Kampf um sein Leben zu schärfen, begegnete solcherart am Rande der Dörfer, auf die er geflüchtet war, eins der großen Phänomene des Lebens schlechthin: die Stille. Nie hatte er gewußt, daß es so etwas gibt. Das Dorf lehrte ihn die Stille. Und solcherart be- – gann nun auch die Karriere, des Dorfes in der Seele des Städters.