In Eisenach hat der Intendant des Stadttheaters einen ihm nicht genehmen Kritiker, dem es zwar gelungen war, eigene Eintrittskarten zu kaufen, dem aber es nicht gelang, incognito zu bleiben, durch kräftige Bühnenarbeiter aus dem Hause vertreiben lassen, nachdem die Polizei sich geweigerthatte einzugreifen. Das war bisher das tollste Stück, das Theatermächtige sich in Nachfolgeschaft der Goebbelschen "Kunstpolitik" leisteten. Aber Berlin, Stuttgart und Zwickau hatten schon ähnliche Fälle aufzuweisen. Und hier soll von Hannover berichtet werden, wo es einem dreiundzwanzigjährigen Musickritiker, der noch nichts für die Unsterblichkeit getan hatte, gelang, die Städtischen Bühnen und zwei Tageszeitungen zu lebhaften Äußerungen anzuregen, einen gekränkten Dirigenten in die Flucht zu schlagen und den Oberstadtdirektor (beziehungsweise seine Amtsstelle) ganz ohne maschinelle Vorrichtungen eine kurze Reise rückwärts in die Vergangenheit antreten zu lassen. Sechste mit einem Schlag, heißt’s im Märchen.

Es begann mit einer ablehnenden Kritik; darauf folgte von Seiten des Theaters ein Handzettel, der den Programmen beigelegt wurde und den erstaunten Theaterbesuchern mitteilte, daß der Kritiker Klaus Wagner im Jahre 1923 geboren worden sei und es an dem nötigen Respekt älteren Herren gegenüber habe fehlen lassen. Und das war zuviel, denn – so teilt der Zettel mit – "der Gastdirigent des Städtischen Opernorchesters. Herr Professor Rudolf Krasselt, hat diese Veröffentlichung zum Anlaß für die Erklärung genommen, er werde in Hannover nicht mehr dirigieren." Weiterhin habe der Opernregisseur. Professor Max Hofmüller, bereits "aus ähnlichem Anlaß der Stadt Hannover den Rücken gekehrt". Die Herren Professoren, die unsere guten Wünsche bei der Rückkehr in das Land der superlativistischen Kunstbetrachtungen mitnehmen mögen, haben uns nicht sonderlich überrascht: wir kennen die launischen Entschlüsse mancher Virtuosen und die mimosenhafte Empfindlichkeit. das – häßlicheHauptübel derZukurzgekommenen, ist eine Erbkrankheit aus den Jahren, da alle nur eine Meinung hatten und der Befehl dieQualität der Kunst festsetzte.

Daß man aber das erfreuliche Geburtsdatum des Musikkritikers mit einigem Verschleiß von Panier und Druckerschwärze der Öffentlichkeit verkündete, das erscheint uns, mit dem nötigen Respekt vor; einem hohen Magistrat ausgedrückt: ziemlich bedenklich. Und noch bedenklicher ist, daß den junge Kritiker gleich nach seitlein Fehltritt "für die Dauer einer Arbeitswoche zum Notdienst" mit Hacke und Spaten eingestellt wurde. Jawohl, Herr Hauptfeldwebel! "Die Nichtbefolgung dieser Beorderung wird mit Gefängnis oder Geldstrafe bestraft" Schön klingt’s nicht, aber deutlich. In Hannovers Kunstleben herrscht Ordnung, das verbürgen der Vertreter des Hauptarbeitsamtes und der Beauftragte des Oberstadtdirektors, die das prähistorische Dokument unterzeichnet haben. Daß mir das nächste Mal alle mit einer anständigen Gesinnung und dem vorschriftsmäßigen Kunstbetrachteralter ins Theater kommen!

Da der Oberstadtdirektor energisch zurückgewiesen hat, an der Maßregelung durch Ehrendienst mit dem Spaten beteiligt zu sein, war es der Zufall, der Herrn Wagner geschwinde in die Marschkolonne eingereiht hat. Darum ist es gut, daß die Stadtverwaltung sofort protestiert und die Zeitmaschine abgeschaltet hat und hübsch in der Gegenwart geblieben, ist.

Mit einiger Nachsicht, die wir gerne gegen unsere würdigen Oberen aufbringen wollen, lassen sich die seltsamen folgen des kritischen Wortes als Verkehrsunglück ansehen (das reparabel ist), aber die Sache hat einen Haken, der, so krumm er ist, niemandem aufgefallen zu sein scheint. Nämlich: "Städtische Bühnen Hannover", so stand unter der Publikation über die Personalien und Meinungen des Herrn Klaus. Wagner, aber der in Verdacht geratene Opernintendant erklärte, nicht er, sondern der Ratsausschuß für Kunst und Wissenschaft sei der Autor dieser erstaunlichen Mitteilungen. Wie, hören wir recht? Der Ratsausschuß zeichnet im Namen derStädtischen Bühnen? Da stimmt etwas nicht; sind die Behörden schon wieder dabei, die Kunst kommandieren und dem Künstler ins Handwerk pfuschen zu wollen? Der Ratsausschuß hat schlechtes Theater inszeniert, wie es immer entsteht, wenn über die Kunst abgestimmt werdensoll. Die Bühne leite ein Künstler; die Ratsherren mögen in der Gemeinde reden und im Theater schweigen. Auf unbekanntem Terrain gerät "an leicht ins Stolpern und sei’s auch nur über einen Geburtsschein. O Schilda, mein Vaterland...

Wolfgang Drews