Von Hermann Hesse

In einer Zeit und Zivilisation, welche zwar für jede medizinische, psychologische oder soziologische Sondererscheinung eine spezielle. Wissenschaft, Sprache und Literatur ausgebildet hat, eine Anthropologie aber, eine Kunde vom Menschen überhaupt nicht mehr besitzt, können einem gelegentlich alle menschlichen Erlebnisse, und Fähigkeiten zu unlösbaren Problemen und erstaunlichen Merkwürdigkeiten werden, manchmal zu faszinierenden, entzückenden, begeisternden, manchmal zu erschreckenden, bedrohenden und düsteren. Das zersplitterte, nicht mehr ganze und heile, sondern in tausend Spezialitäten und Willkürlich gewonnene Ausschnitte verlegte Menschenwesen kann uns dann, wie mikrotomische Präparate im Mikroskop, in eine Welt von-Bildern zerfallen, deren viele an Menschliches, Tierisches, Pflanzliches, Mineralogisches erinnern, deren Formen- und Farbensprache scheinbar unbegrenzt über alle Elemente und Möglichkeiten verfügt, welchen ein gemeinsamer, zusammenhaltender Sinn fehlt, deren einzelne Bildsplitterchen aber absichtslose, zauberhafte, urweltlich schöpferische Schönheit haben können. Es ist ja auch diese Schönheit, dieser Zauber des Zerstückelten und aus dem Ganzen und Wirklichen Erlösten, welche die Maler seit einigen Jahrzehnten, so heftig anzieht und vielen ihrer des Sinnes entbehrenden Bildern eine so reizvolle Traurigkeit des Nichtseienden, eine so flüchtige und seelenbetörende Schönheit verleihen kann, daß man zuweilen in ihnen wieder ein Ganzes und Echtes dargestellt zu finden meint: nicht mehr die Einheit und Beständigkeit der Welt nämlich, sondern die Einheit und Ewigkeit des Todes, des Hinwelkens, der Vergänglichkeit.

So wie diese Maler arbeiten, die das Ganze zerstückeln; das Feste auflösen, die Formelemente durcheinanderschütteln und zu neuen verantwortungslosen, aber oft wunderbar reizvollen Kombinationen umbauen, so arbeitet unsre Seele im Traum, und es ist kein Zufall, daß zu den neuen Menschentypen unserer Zeit, die es vordem nicht gab, auch der Typus des Menschen hinzugekommen ist, der nicht mehr lebt, nicht mehr tut, nicht mehr verantwortet, handelt und verfügte sondern träumt. Er träumt des Nachts, und oft auch bei Tage, und hat Sich angewöhnt, seine Träume aufzuschreiben, und da das Aufschreiben eines Traumes das Vielfache an Zeit erfordert als das Träumen selbst, sind diese Traumliteraten, nun ihr ganzes Leben lang überbeschäftigt; niemals kommen, sie zu Rande, niemals können sie auch nur halb so viel aufschreiben als sie träumen, und wie sie zwischen Träumen und Aufschreiben doch immer einmal wieder dazu kommen, eine Mahlzeit einzunehmen oder sich einen Knopf anzunähen, ist beinah ein Wunder: Diese Traumliteraten oder Berufsträumer haben einen Teil, einen in gesunden Zeiten kleinen Teil des Lebens, eine Nebenfunktion des Schlafens, zur Hauptsache, zum Mittelpunkt und Beruf ihres Lebens gemacht. Wir wollen sie darin weder stören noch verlachen, obwohl wir gelegentlich lächeln oder die Achseln zucken, wir finden war das Tun dieser Menschen unfruchtbar, aber wir finden es auch harmlos und unschuldig, egoistisch zwar, aber auf eine kindliche Art, ein klein wenig Verrückt zwar, so wie auch jene wirklichkeitslosen Maler, so wie auch wir selber und die gesamte heutige Welt ein wenig verrückt sind, aber nicht auf böse und gefährliche Art. Der Mann, der einmal entdeckt hat, wie gut ein Glas Wein schmeckt, kann unter Umständen zum Trinker werden, indem er das Glas Wein zum Sinn und Mittelpunkt seines Lebens macht, oder der Mann, der einmal entdeckt hat, wie gesund und erfrischend rohe Gemüse schmecken können, kann unter Umständen darüber zum Berufs-Rohkostler und Gesundheitsfanatiker werden; auch dies sind verhältnismäßig harmlose Spezialitäten der Verrücktheit, und sie beweisen nichts gegen die Güte des Weines und gegen die Bekömmlichkeit der Salate. Das Richtige, so scheint uns, wäre, sowohl dem Glase Wein wie dem rohen Gemüse je und je seine Anerkennung darzubringen, sie aber nicht zur Achse werden zu lassen, um die sich unser Leben drehte.

So ist es auch mit dem Träumen und Traumbetrachten. Wir glauben nicht, daß es sich nach Gottes Willen wirklich zum Beruf und zur beherrschenden Hauptsache im Menschenleben eigne, aber wir konnten des öfteren entdecken, daß ein Zuwenig an Träumen und an Aufmerksamkeit für unsre Träume auch nicht das Richtige sei. Nein, je und je müssen und wollen wir uns über diesen holden Abgrund beugen und ein wenig in seine Geheinnisse staunen, in seinen zerstückten Bilderfolgen Hinweise auf das Ganze und Wirkliche entdecken und uns beschenken lassen von den oft unsäglichen Schönheiten seiner Phantome.

Dieser Tage war ich im Traum in Tessin, in einem etwas fremden, überhöhten, übersteigerten Tessin, und ich ging mit einem Begleiter durch eine unbekannte Vorstadt, wo zwischen Mauern, Zäuner und Neubauten die Berge hereinsahen. Unter den Gebäuden war eines, das "Neue Mühle" hieß, es war sehr viele Stockwerke hoch und hellrot bemalt und hatte trotz dem Unproportionierten und allzu Kolossalischen einen eigentümlichen Reiz, ich mußte es immer wieder ansehen. Doch waren wir nicht müßig, sondern gingen recht eifrig, ich glaube, wir mußten auf einen Zug, trugen Gepäck und waren, des Weges unkundig, in einer gewissen Hast und Unruhe, Wer mein Begleiter war, ist ungewiß, aber auf jeden Fall war es ein sehr naher Freund und Vertrauter, einer, der zu mir und meinem Leben gehörte. Wir kamen an ein Mäuerchen, hinter dem in kleinem Abstände alte verwahrloste Häuser standen, und ich verließ die Straße, stieg über das ganze niedrige Mäuerchen mit einem großen Schritt hinweg und ging dort weiter, obwohl ich genau zu wissen glaubte, daß hier kein Weg sei, daß, wir hier sehr bald in Höfen, Gärtchen und andern privaten Räumen steckenbleiben und als Eindringlinge Verdruß haben würden. Es kam indessen nichts dergleichen, wir kamen ungehemmt vorwärts, immer in dieser etwas gehetzten Unruhe, neben und hinter uns gingen auch andre Leute, und von ferne sah ich auf dieser Straße, die keine war, unter andern Gestalten auch einen alten Freund von mir kommen, er war ganz unverändert und in den vielen Jahren, die wir uns nicht mehr gesehen hatten, scheinbar um nichts älter geworden. Es war mir aber, weil wir Eile hätten und auch aus anderen, unklaren Gründen, nicht lieb, ihn zu begrüßen, ich blickte beiseite und tat fremd, und siehe, er ging an uns vorbei, oder vielmehr er verschwand schon, ehe er uns erreicht hatte, als eratre er meinen Wunsch und komme ihm entgegen.

Nun tat sich zwischen den Häusern zu unsrer. Rechten ein Ausblick auf, und seinetwegen habe ich diesen Traum nicht vergessen und Lust bekommen, eine Erinnerung an ihn aufzuzeichnen. Es öffnete sich ein Ausblick auf eine weite, von uns weg sachte bis zu großer Höhe ansteigende Landschaft. "Siehst du’s denn nicht?" rief ich meinem Kameraden zu, ohne aber stehenzubleiben, "so sieh doch, sieh, das ist ja unerhört schön!" Der Freund blickte hinüber, blieb aber gelassen und gab keine Antwort. Mir jedoch sprach diese Landschaft zu allen Sinnen und zur, ganzen Seele, sie drang in mich ein, ich trank sie und nahm sie mit mir wie ein großes Geschenk, eine seltsame. Wunscherfüllung, Und zwar war es das Eigentümliche dieser schönen Landschaft, daß sie zugleich Wirklichkeit und Kunst, zugleich Landschaft und gemaltes Bild War. Sie stieg bergan, in ihrer Mitte auf einem Vorberg stand eine Kirche, Dörfer hier und dort, hinten rosig leuchtende Berggrate, am Hang unterhalb der Kirche, zwei kleine Kornfelder, und diese Kornfelder vor allem waren, es, an denen ich das Ganze als nicht nur schön, sondern auch als gemalt und gewollt empfand und erkannte, sie waren teils mit Neapelgelb, teils mit einer Mischung von Englischrot und viel Weiß gemalt. Es fehlten alle kalten und kühlen Farben, alles blieb innerhalb der Skala von Rot und Gelb.

Neben uns auf der Straße ging ein junger Mann, ein Franzose oder Welschschweizer, mit seiner Frau. Als ich meinen Begleiter so entzückt und eifrig auf den Durchblick aufmerksam machte, lächelte der Welsche mir freundlich-listig zu und sagte: "Ja, nicht wahr, nichts Kühles, lauter warme Farben; so etwa würde Cézanne sagen. Ich nickte ihm glücklich zu, und es lag mir schon auf der Zunge, ihm die Farben des Bildes wie! einem Kollegen aufzuzählen: Ocker, Neapelgelb, Englischrot, Weiß, ganz heller Krapplack, und doch schien mir das dann wohl allzu intim oder kollegial, und ich unterließ es, aber ich lachte ihn an und freute mich, daß da noch einer war, der genau das gleiche sehe und das gleiche dabei empfinde und denke wie ich.