Anläßlich eines deutsch-schweizerischen Zivilprozesses, der soeben die Schweizer Gerichte beschäftigte, mußte aus verfahrenstechnischen Gründen über die Frage entschieden werden, ob die Haager Landkriegsordnung für Deutschland noch Gültigkeit besitze oder nicht. Das eidgenössische Justiz- und Polizei – Department hat als höchste schweizerische Instanz dahin erkannt, daß Deutschland als Staat nicht untergegangen sei und die Bestimmungen der sogenannten Haager Konvention auch in bezug auf das besetzte Deutschland Anwendung finden müssen. Zum erstenmal ist vor einem neutralen Forum dieses Urteil gesprochen, das deshalb bedeutungsvoll ist, weil es feststellt, daß Eingriffe der Besatzungsmächte in die inneren Angelegenheiten Deutschlands unzulässig sind.

Um so problematischer erscheint es im Hinblick hierauf, daß zur Zeit in England wieder ein Gesetz Aber die Bodenreform in der britischen Zone diskutiert wird. Mit Recht weist der Abgeordnete Vane (Westmoreland) in der Unterhausdebatte darauf hin, daß es im höchsten Grade unklug sei, ohne der Zustimmung der deutschen Majorität, gewiß zu sein das gesamte agrarische Wirtschaftssystem der Zone umzustoßen, zumal die Erfahrungen der Ostzone gezeigt hätten, wie fragwürdig der wirtschaftliche Erfolg solcher Maßnahmen sei,

Es mag unter politischem Aspekt ein begreiflicher englischer Wunsch sein, im Hinblick auf die Moskauer Konferenz durch ein solches radikales Gesetz die russischen Vorwürfe gegen die angeblich kapitalistische und reaktionäre Wirtschaftsweise in den Westzonen zu entkräften. Eine solche Geste berührt die Interessen der Besatzungsmacht die vorwiegend auf industriellem Gebiet liegen, wenig und stärkt zweifellos das Ansehen der Engländer bei ihren östlichen Alliierten. Nun kann es nicht die Aufgabe des Treuhänders sein – und dies etwa ist laut Haager Konvention die Funktion der Besatzungsmacht Deutschland gegenüber –, seine Machtstellung dazu auszunutzen, auf Kosten des "geschäftsunfähigen Mündels" politische Vorteile einzuhandeln, oder die Verwirklichung seiner politischen Ideologien an diesem Objekt auszuprobieren. Es ist schon deshalb kurzsichtig, weil die wirtschaftliche Rechnung für dieses politische Experiment nur allzu rasch präsentiert werden wird. – Die 80 Millionen mit denen der englische Steuerzahler bisher belastet wurde, werden sich in Zukunft verdoppeln und verdreifachen.

Der Deutschland verbliebene Grund und Bodenist das einzige Aktivum das einigermaßen unzerstört aus der Katastrophe, hervorgegangen ist. Auf diesem Kapital muß wieder aufgebaut werden, und die Frage, wie es zur höchsten Leistungsfähigkeit gesteigert werden kann, ist eine innerdeutsche Angelegenheit die nur unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten entschieden werden, kann. Es geht nicht an: daß eine Maßnahme, die auf Generationen hinaus die Struktur der deutschen Wirtschaft bestimmt, aus dem flüchtigen Augenblick einer politischen Konstellation entschieden und Von einer Besatzungsmacht oktroyiert wird. Das Gespenst des Kriegspotentials, das noch immer die Demontage der deutschen Industrie überschattet und den Wiederaufbau in immer weitere Ferne rückt, steht auch bei dem englischen Plan der Bodenreform Pate: Das "Nährpotential" soll einer gewissen Kontrolle unterstehen und Deutschland darum in ein Land bäuerlicher Veredelungswirtschaften verwandelt werden, die den notwendigen Grundstoff, das Futtergetreide, aus überseeischen Produktionsgebieten beziehen.

Zweifellos wird, auf lange Sicht gesehen, das Schwergewicht der deutschen Landwirtschaft auf der Veredelungswittschaft liegen, und ein friedliches, Deutschland, das den Irrsinn hitlerscher Autarkiebestrebungen hinter sich hat, wird sehr bereitwillig eine Verflechtung mit dem Weltmarkt anstreben. Aber es wird noch lange dauern, bis die Grundfragen der deutschen Zukunft so weit geklärt sind, daß eine konstruktive Agrarpolitik überhaupt möglich ist. Einstweilen leben wir in einem absoluten Provisorium und können nur ein Ziel vor Augen haben: soviel wie möglich zu produzieren.

Wie aber steht es damit, wenn heute, so wie es das englische Gesetz vorsieht, alle Betriebe über 150 Hektar enteignet und parzelliert werden? Die – Stärke des Kleinbetriebes sind Gartenbau, Viehzucht und vor allem Schweinemast. Der Gartenbau erzeugt aber verhältnismäßig wenig Nährwerte auf der Flächeneinheit. Man rechnet im Durchschnitt mit 4,5 Millionen Kalorien – oder, wie man es auch der Einfachheit halber gesagt hat, mit 4,5 Jahres-Nahrungen, (2750 Kalorien täglich = 1. Million, Kalorien im Jahr). Während also mit Gemüse nur 4,5 In je Hektar erzeugt werden, liefert Getreide vergleichsweise In Kartoffeln, 13 In und Zuckerrüben 19 In. je Hektar Bei einer Ausdehnung des Gartenbaues auf Kosten der bisher im Großbetrieb erzeugten Hackfrüchte würde also die Gesamt-, produktion zurückgehen. Wie soll ferner der Kleinbetrieb seine Leistungsfähigkeit auf dem Gebiet der Veredelungswirtschaft dokumentieren können, wenn fast alle Schweine abgeschlachtet und auch die Viehbestände stark reduziert worden sind? Diese Abschlachtungen sind ja gerade vorgenommen worden, well es zur Zeit nicht möglich ist, das notwendige Futter zur Verfügung zu stellen. Wenn allein zur Sicherstellung der Brotration in den beiden westlichen Zonen monatlich 300 000 Tonnen Getreide über den Ozean geschafft werden Tonnen ist es leicht ersichtlich, daß nicht auch noch zusätzlich Futtergetreide aus Übersee eingeführt werden kann.

Die derzeitige Ernährungssituation in Deutschland zeichnet den agrarpolitischen Weg, der zwangsweise eingeschlagen werden muß. sehr deutlich vor: Wir werden, es uns auf Jahre hinaus nicht leisten können, viel Fleisch, Eier und Feingemüse essen zu können, sondern wir werden uns im wesentlichen auf einer? hohen Anteil pflanzlicher Kost und Massengüter Brot, Kartoffeln und Feldgemüse beschränken, und auf den teuer herzustellenden Speck zugunsten pflanzlicher Fette verzichten müssen. Wir werden alles unterlassen müssen, was die Produktion stört oder gar verringert. Abgesehen davon, daß jede Schematisierung und jeder gewalt-, same Eingriff zunächst einen Produktionsausfall herbeiführt, wird der Anteil, der zur Ablieferung gelangt, durch eine Vermehrung der Selbstversorger nicht nur proportional, sondern unverhältnismäßig stark verkleinert. Es ist selbstverständlich, daß ein Großbetrieb von 400 Hektar – gleiche Produktion vorausgesetzt – mehr an den Markt abliefert als 40 Betriebe von je 10 Hektar, die nicht nur als Selbstversorger eine höhere, Quote für den zulässigen Eigenverbrauch einbehalten, sondern von denen auch jeder einzelne seinen Dangerlieferanten, die Reparaturwerkstatt, den Maschinenhändler und die zahlreiche Verwandtschaft in der Stadt mit bedenken muß.