Von Werner Haftmann

In keinem Zusammenhang wird so häufig voneiner Krise geredet, so zäh am Glauben an diese Krise festgehaltenen, als wenn vom modernen Leben und seiner Kultur die Rede ist, Ist dies berechtigt? Oder ist es vielmehr nicht sehr beunruhigend, daß es der Kaste der Soziologen gelungen ist, diesen ihre Forschungsweise kennzeichnenden Begriff der "Krise" in die Geschichtsbetrachtung der Moderne hineinzufiltern?. Die Medizin kennt dieses Wort seit langem, als Zustandsbezeichnung im Krankheitsverlauf. Aber erst die moderne Soziologie hat in dieser unserer letzten Zeit den Begriff der Krise im Leben der Gesellschaft aufgestellt und – froh der Entdeckung – dafür gesorgt, daß er heute auf alle Gebiete des menschlichen Lebens angewandt wird. Sie hat damit – und hierin liegt das Beunruhigende – einen Hilfsbegriff der Gesellschaftslehre zu einem Deutungsbegriff für das Leben des menschlichen Geschlechts gemacht und damit einen neuen Platz am Tisch der modernen Falschmünzer geschaffen, die André Gide so gut beschrieben hat.

Kann man es überhaupt rechtfertigen, gegenüber derGeschichte des menschlichen Geistes von ,Krisen‘ zu reden? Das Wort ,Krise‘ soll in diesem Zusammenhang den Übergang von einem Zustand in einen anderen durch eine Gefahrenzone hindurch, die durch Überlagerung von Altem und Neuem als Kampfzone ausgewiesen wird, bedeuten. Aber was heißt denn das auf das menschliche Geschlecht und seine Geschichte bezogen! Das ist ja der Zustand, in dem sichder geistige Mensech in jeder Minute seines Lebens grundsätzlich befindet! jenes Durchschreiten einer Kampfzone ist also ein Dauerzustand. Das Wesen der "Krise" kann doch aber nur in der Bezeichnung einer Zeitlichkeit liegen. Von welcher Seite aus man das Ding betrachten mag: der aus dem ökonomischen Leben stammende Hilfsbegriff der Krise ist im Bereich der Geistesgeschichte nicht anwendbar.Die Willkürlichkeit; mit der dieser Hilfsbegriff heute gesetzt wird, wird auch.sofort klar, wenn wir die Akzentverschiebungen. der Wertsetzungen innerhalb der ,Entwicklungsgeschichten‘ kritisch betrachten. Unseren trefflichen Großvätern galten die ersten nachchristlichen Jahrhunderte als ,Verfall‘ der Antike, sie ereiferten sich über den Manierismus des 16, Jahrhunderts als ,Verfall‘ der Renaissance, sie machten sich ordnend Geschichtsabschnitte, die sie betrachtet vom Standpunkt der Wertsetzung – leben und wieder sterben ließen. Auch sie hätten sehr wohl dem Begriff ,Verfall‘ den anderen der ‚Krise‘ beiordnen können, wenn dies ihre allzu positive Geistigkeit zugelassen hätte. Es ist uns heute aber durchaus geläufig, daß die Leistung des 3. Jahrhunderts n. Chr. genau so da war und eigentümlich da war wie die der Zeit des Kaisers Augustus und auch in Verarbeitung und Schöpfung in gleicher Weise bemerkenswert ist. Und besonders unsere Generation hat erfahren, daß die Zeit des Manierismus gleich hohe und gleich intensiv erlebte Emotionen gehabt hat und weitergibt wie die Renaissance selbst. Und umgekehrt: uns sind heute auch nicht die ‚Krisenmomente‘ verborgen, die der augstäischen Zeit und der Hochrenaissance eigentümlichwaren, eigentümlich in diesem lebendigen Sinn, daß die gesamte Kontinuität des Lebensvollzuges selbst ,Krise‘ ist. Der Begriff als Aussage zu einer Zeit ist also bezeichnungslos, da er dem Lebensvorgang selbst immanent ist.

Die Frage nach der Wertsetzung alsozeigt uns die Willkürlichkeit deutlich, die jeder geschichtsordnenden Aussage innewohnt, wenn sie vom Standpunkt der gängigen ,Entwicklungsgeschichte‘ aus gemacht wird. Nur in Verbindung mit dieser veralteten Vorstellung von Geschichte ist der Begriff der Krise verwertbar. Sehen wir aber als Stoff und Wert der Geschichte das Leben selbst an, so gibt es in ihr keine Lage; die der soziologische oder medizinische Begriff der Krise kennzeichnen würde, weil Geschichte in jeder Minute Leben und Sterben ist, weil sie in jeder Minute ‚Krise‘ warf, weil selbst eine Periode, der Schaffensmüdigkeit immer wieder nur eine positive Aussage zurn Leben selbst sein kann.

Was aber soll das Wort ,Krise‘ in seiner heutigen Anwendung bedeuten? Ein Abgleiten als gesichert geltender Werte in eine Zone der Fraglichkeit, Mangel an Sicherheit, klaren Behauptungen an Zukunftsträchtigkeit und so weiter. Diese armselige Bedeutung des Wortes ‚Krise‘ auf die Gegenwart angewandt, kann der Historiker mit einer einzigen Beobachtung entwerten: es gehört nämlich ganz einfach zur Beschäftigung mit Fragen der Gegenwart in jeder Zeit die mangelnde Leistung der Gegenwart im Vergleich zur Vergangenheit zu beklagen. Das war zu jeder Zeit so und bedeutet schließlich nicht viel mehr, als daß die Kritik der eigenen Zeit stets durch Ressentiments gekennzeichnet ist. Betrachtet nämlichder heutige Gebildete in einer klaren und schönen Stunde unsere so harte und von allen denkbaren Seiten aus kritisierte Gegenwart, so wird ihm sehr bald scheinen, als stünde unsere Gegenwart gar nicht so sehr hinter anderen Zeiten zurück. Von den Naturwissenschaften will ich gar nicht reden. Vielleicht erkennt dieser Gebildete, wenn er ein Theologe ist, daß es seit Schleiermacher keinen Theologen. von ihn so angehendem Wert wie Barth oder Guardini gegeben hat. Ist er ein Philosoph, so wird es ihm in dieser schönen Stunde vielleichtscheinen, als kenne er seit Schopenhauer keinen Philosophen, der ihn so berühren würde, wie Heidegger, Jaspers oderHartmann. Ist er ein Schriftsteller, so wird seine Verehrung für Goethe oder Dostojewskij vielleicht in dieser Stunde überschattet werden durch sein Betroffensein vor Thomas Wolfe oder James Joyce. Ist ein Dichter, so wird ihn vielleicht Rilke oder Trakl ebenso anrühren wie Hölderlin. Würde man mich in meiner Liebe zur bildenden Kunst ansprechen und nur die Wahl stellen zwischen einer Madonna des florentinischen 15. Jahrhunderts oder einem Picasso, ich würde ohne allen Zweifel zumPicasso greifen. Dieses lehrreiche Experiment der schönen klaren Stunde wird jeder in seinem Fach vornehmen können, und das Ergebnis wird nicht ungünstig für unsere Gegenwart ausfallen. Die Entleertheit aller Werte von der man heute so gern in der allgemeinen ,Krisenfreudigkeit’ einer an ihren kleinen Beleidigungen schwer tragenden Kritik spricht, besteht meistens nur in der Leere des Herzens des Kritikers selbst. Aber wie alles im Leben gut und richtig ist, sofern man es vom rechten Standpunkt recht betrachtet, so gibt uns doch diese Kritik eineMöglichkeit einen tiefen Blick in die seltsamen undleidvollen Bedingungen unserer Existenz von einem unerwarteten Standpunkt aus zu werfen.

Denn die Erfolge des Lesens und Schreibens über die Krise weisen darauf hin. daß heute eine große Bereitschaft besteht,sich einer apokalyptischen Grundstimmung hinzugeben. Es ist so, daß sich das Denken und Fühlen des Menschen heute nah beim Tode angesiedelt hat, in jener Grenzzone des Lebens, wo das Sterben-Müssen leicht in das Sterben-Wollen umschlägt, wo das Leben zu einem Bewußtseinswert des Todes wird und der Trieb zum Leben nicht mehr die Furchtlosigkeit ist, sondern die Angst vor dem Nichts. Die Auflagenhöhe von Dostojewskij,Gogol, Gorki. zeigen dies schon an: es irrlichtert im ,Demian‘ von Hesse, in den Höhlenmenschen Barlachs, in James Joyce, in Moravia, in André Gide und – zuletzt und unerwartet – im Motiv des ‚You can’t go home again‘ der modernen amerikanischen Literatur. Hatte das Altertum sich sein Bildvom Tode gebildet im Jüngling, der die Fackel des Lebens löscht, hatte das Mittelalter das verwesende Bild des grauenhaften Sensenmannes sich seiner eigenen Furcht zum Bildsymbol gesetzt, war dann dieses Bild im neuen Humanismus der Renaissance ins Elegische oder Furchtlose umgedeutet worden, hatte gar in der Goethezeit der Tod etwas Tröstliches erhalten so ist das Todesbild der Gegenwart in der ihr eigenen Neigung zum Tode gekennzeichnet.

Wir Deutschen begreifen, dies leicht. Vielleicht tragen wir die Neigung zum Tode in unserer Konstitution. Jedenfalls hat der österreichische Philosoph Kassner Anfang 1946, über die Gründe der unverständlichen Standhaftigkeit, des deutschen Soldaten angesichts des sicheren Untergangs befragt, die Neigung zum Tode als einen typischen Zug im Charakter des Deutschen angegeben. Und auch Clemenceau. dessen bohrender Haß gegen alles Deutsche ihn zu bemerkenswerten Einsichtenbefähigte, sagte noch kurz vor seinem Tode zu seinen Sekretär: "Das Eigentliche des Menschen ist, das Leben zu lieben. Deutschland kennt diesen Kult nicht. Es gibt in der deutschen Seele eine Art von Verständnislosigkeit für das, was das Leben wirklich ist, was ihm Scharm und Größe gibt, eine krankhafte satanische Neigung zum Tode..."