Shakespeares Sonette sind kein Zusatz, kein Nebenher zum dramatischen Lebenswerk. Sie sind auch nicht eine Kollektion, sondern ein aus der nachhaltigen Kraft und Einheit des Gedankens gestaltetes Werk. Als solches, stehen diese 152 Sonette auch innerhalb der Weltliteratur an erhabener Stelle. Was sie mit anderer Liebeslyrik teilen, das sind die im Licht der Stimmung, der Freude und des Schmerzes sich wandelnden und doch immer gleichen -Landschaften des Herzens, wie sie von der Feder des Liebenden, der ein Dichter ist. zur Lebendigkeit, erweckt werden. Die. sogeartete Vollkommenheit der Shakespeareschen Gebilde, auch ihre Eigenart (etwa im 91. Sonett) rückt sie über den Abgrund der Jahrtausende hin-, weg in die Nähe der "ältesten Sappho" und ihrer das Herz noch heute erschütternden. Gedichtfragmente, die auf uns gekommen sind.

Dennoch beruht der hohe Rang dieser Sonette in dem, was sie von Liebeslyrik unterscheidet. Denn sie schenken noch anderes als Schönheitsfreuden und sprechen die Seele unmittelbar an. nicht nur im Hauch und Duft aus den Blüteagärten der Liebe. Den Eros als solchen moralisieren zu wollen, ist ein fruchtloses, besonders künstlerisch fruchtloses Unternehmen. Shakespeare ist auch-kein Stoiker, noch weniger etwa ein vorweggenommener Puritaner. Wohl aber vollzieht er in den entscheidenden Sonetten der langen Reihe die Wendung zur Weisheit und zur Güte. Fast unmerklich führt der Pfad in die reine Höhe der Agapä hinauf. "Fare well, thou art too sweet for my possessing" kündet von einer Hochherzigkeit des Liebenden, auf Grund deren er, aller Regel der Erfahrung zuwider, den Besitzinstinkt überwindet. Wir fühlen, uns vom Geist dieses Sonetts wie von dem Rilkewert berührt, welches besagt, daß der Dichter an Stelle des Besitzes den Bezug erlernt habe, Und dann jenes 116. Sonett, in dem der unwandelbare Ehebund der Seelen gerühmt wird, für den es kein irdisches Hindernis, keine Veränderung gibt.

Wo Klang, Bild und Gedanke einen so hohen Grad der Übereinstimmung und damit der Vollkommenheit im Ausdruck gewinnen wie in diesen Sonetten, da gewahren wir von neuem – hier wie bei der wohllautenden Sappho –, daß dieSpracheinsamkeit zum Schicksal solcher Werke, gehört. Sie nahen nicht auf schwingen der Musik, die wortlos und für alle Völker vernehmbar kündet, sondem machen halt vor den Mauern der fremden Sprache. Das Unangleichbare kann durch die Übersetzung verringert oder verschleiert; nie aber aufgelöst werden. Gerade die guten Übertragungen, beweisen, es, und die Übersetzenden wissen es selbst. Nicht weniger als vierzig Übersetzungen der Sonette, sind seit 1804 in deutscher Sprache unternommen worden. Wir kennen diejenige unseres Zeitgenossen Gustav Wolf. Englisch und deutsch in der Übertragung von Gottlob Regis hat der Marion-von-Schröder Verlag, Hamburg, Shakespeares Sonette neu herausgegeben. Das Problem, den Jambenrhythmus des Blankverses und seiner vorwiegend einsilbigen englischen Worte mir dem Sprachmaterial der Mehrsilbigkeit im Deutschen zu wiederholen, wird in diesen aus dem Jahre 1836 stammenden Übertragungen mit Meisterschaft gelöst,

Dienender Vermittler an fremdem Werk zu sein,, gehört zu den unverlierbaren Vorrechten des deutschen Geistes, der derin seine Würde beweist. Das gilt auch von Regis. Die Kenntnis der englischen Sprache ist allgemein so gut in Deutschland, daß der Bilde von der rechten Buchseite mit der deutschen Übersetzung auf die linke zum Original hinüberwandernd ohne Schwierigkeit zum vollen Verständnis von Sinn, und Schönheit der Sonette gelangt: dank der Worttreue des Übersetzers..

deinen? Graf Podewils