Von Erwin Topf

Weshalb eigentlich Kohlenkrise? Immer noch gibt es trotz der Aufklärungsarbeit Presse und des Rundfunks, viele Menschen, die nicht begriffen haben, daß nicht etwa geringe Förderleistungen oder gar verstärkte Exporte die Schuld an dem akuten Kohlenmangel tragen, sondern daß die Kohlenfrage heute ein Transportproblem ist. Im privaten Gespräch und in Zuschriften an die Redaktionen wird immer wieder die Frage aufgeworfen, wie es denn zu der katastrophalen Versorgungslage habe kommen können, während gleichzeitig von immer steigenden Förderleistungen berichtet wird, die einen seit Anfang 1945 nicht mehr erreichten Höchststand aufweisen. Aber die Sachlage ist eben ganz einfach die, daß ein erheblicher Teil der geförderten Kohle "auf Halde" gekippt werden muß, weil die Möglichkeiten des Abtransportes über die Binnenschiffahrt seit Mitte Dezember ganz fehlen. Und der Schienenweg kann die Ausfälle im Kahn-Versand nicht ersetzen.

Daß dies so ist, beruht auf dem Zusammentreffen verschiedener Ursachen. Mit einer ungenügenden Kohlenversorgung der Eisenbahnen in beiden westlichen Besatzungszonen zu Beginn des Winters, fing es an. Der Bestand an Bunkerkohle, der normalerweise für ebenso viele Wochen reichen soll, ging damals auf einen Vorratsstand für drei bis fünf Tage herunter. Dann begann der Frost, mit zunehmendem Ausfall an Lokomotiven, die nun auch nicht repariert werden können, da es an allem Nötigen hierfür fehlt: an Material, an Kraftstrom wie vor allem auch an hinreichend geschützten, überdachten, heizbaren Arbeitsstätten. Ein großer Teil der Lokomotivschuppen und der Werkstätten ist zerstört; von den verbleibenden Anlagen sind nur wenige "wintersicher". Aber, auch diese sind mit schon früher zur Reparatur gestellten Maschinen überfüllt.

"Planung" und "Lenkung" sind heute, im Bereich der Wirtschaft die meistgebrauchten Wörter. Was jedoch die Energieversorgung angeht, so hat offenbar die Planung und Lenkung in diesem Winter versagt – oder, um es noch schärfer zu formulieren: es hat in der Kohlenversorgung überhaupt keine Planung und Lenkung stattgefunden, es ist keine Vorratswirtschaft betrieben worden. Die verantwortlichen Stellen haben sich allem Anschein nach darauf verlassen, daß der Winter diesmal wieder so mild ausfallen werde, wie im letzten Jahre, und daß die Binnenschiffahrt im vollen Umfange leistungsfähig bleiben werde. So ist die Bevorratung der Großverbraucher, der Industrie und der Kraftwerke, ebenso vernachlässigt worden, wie diejenige des Hausbrandes. Aus den bitteren Erfahrungen dieses Winters wird man die Lehre zu ziehen haben, daß noch im Sommer, ehe die bekannte "Verkehrsspitze" des Herbstes einsetzt, erst einmal Kohlen und nochmals Kohlen gefahren werden müssen: zuerst die Bunkerkohle für die Bahnen selber, dann die Industrie- und Hausbrandkohle. Ohne ein ausreichendes Vorratspolster bei allen Großverbrauchern und auf allen großen Lagerstätten sollte man nicht in den Winter 1947/48 hineingehen.

Eine Verkehrsplanung dieser Art ist freilich nicht Sache der ehemaligen Reichsbahn, also des heute in Bielefeld sitzenden Zweizonenamtes, der "Hauptverwaltung der Eisenbahnen". Die Dispositionen für eine rechtzeitige und ausreichende Bevorratung müssen vielmehr von denjenigen Stellen getroffen werden, die für die Kohlen- und Energiewirtschaft zuständig sind. Daß dabei die Hausbrandversorgung nicht vernachlässigt werden darf, hat dieser Winter eindringlich genug bewiesen. Es ist keine humanitäre Angelegenheit, die Menschen vor der ärgsten Winterkälte zu bewahren und den Hausfrauen das Kochen zu ermöglichen, sondern, da es sich um die Aufrechterhaltung der Arbeitsfähigkeit handelt, ein eminent wirtschaftliches Problem – und ein moralisches dazu. Heute erleben wir, angesichts der von Polizei und Behörden weitgehend tolerierten, von der Bevölkerung als "Selbsthilfe" entschuldigten Beraubung von Kohlenzügen und -lagern, eine Zersetzung der einfachsten Moralbegriffe die allzu gefährlich ist, als daß sie ein Dauerzustand werden dürfte.

Nach einer Meldung der Münchener "Neuen Zeitung" soll der Alliierte Kontrollrat eine "Verlautbarung" des Inhalts herausgegeben haben, daß für den kommenden Winter "wahrscheinlich" keine Hausbrandkohle verfüglich sein werde; in diesem Zusammenhang ist von einem vermehrten Brennholzeinschlag die Rede gewesen. Diese Nachricht erscheint so grotesk, daß ihre Richtigkeit ernstlich bezweifelt werden muß. Wenn die geplante Erhöhung der täglichen Förderleistung auf 300 000 t erreicht wird, was nicht unmöglich erscheint, unter der Voraussetzung, daß sich die Zechen ausreichende Mengen an brauchbarem Fördergerät – denn da liegt heute bereits der "Engpaß" – beschaffen können, dann ist nicht einzusehen, warum an Stelle von Kohle das so viel wertvollere und knappere Nutzholz in Öfen und Herde wandern soll. Die Lage unserer Holzversorgung und die Gefährdung unserer Waldwirtschaft durch zu starkes Abholzen sind bekannt. Wer will es da verantworten, daß die Waldverwüstung fortgeführt wird, so daß Schäden entstehen, die vielleicht erst in Jahrzehnten, vielleicht überhaupt nicht ausgeglichen werden können?