Die Verhandlungen über Atomkontrolle und allgemeine Abrüstung im Weltsicherheitsrat haben erneut gezeigt, daß die oft beklagte und für den Frieden, so bedrohliche Spaltung der Welt in zwei Lager in grundsätzlichen Fragen immer noch weiter besteht. Die Debatten waren endlos und für den Außenstehenden oft unerträglich monoton. Das Ergebnis der langen Verhandlungen ist mager, und die Kommentare, insbesondere in der amerikanischen und der russischen Presse, sind alles andere als optimistisch und, entsprechend der heutigen Form der diplomatischen Sprache, ätzend scharf in der Unterstellung selbstsüchtiger Motive und böswilliger Angriffsabsichten.

Zwei Pläne lagen für die Atomkontrolle vor. Der amerikanische, allgemein als Baruch-Plan bekannt, sieht die Einsetzung einer internationalen Behörde vor, die außerordentliche Vollmachten haben soll, die weit in die Souveränen Rechte der Staaten eingreifen. Diese Behörde soll nach genau ausgearbeiteten Bestimmungen die Atom-Rohstoffe der Welt kontrollieren, alle Unternehmen für. Atomenergie lizenzieren, als Eigentum übernehmen und überwachen. Sie soll auch selber: Forschungen betreiben, um imstande zu sein, jeden Mißbrauch aufzudecken und zu verhindern. In dem Übereinkommen sollen. ferner harte Strafen vorgesehen werden, die unmittelbar und zuverlässig in Kraft treten für den Fall, daß ein Staat in unrechtmäßigem Besitz von Atombomben Oder Rohstoffen ist, diesich für die Herstellung einer Atombombe eignen, daß er ferner sich in die Befugnisse der Weltbehörde einmischt oder die internationale Inspektion verhindert. Für die Anwendung dieser Strafen soll das Vetorecht der fünf Großmächte aufgehoben werden. Sobald dieser Plan durch Unterzeichnung aller UNO-Mächte in Kraft getreten ist, sollen die vorhandenen Atombomben vernichtet und das Herstellungsverfahren preisgegeben werden.

Der russische Plan sieht demgegenüber vor, daß zunächst innerhalb von drei Monaten alle vorhandenen Atombomben zu zerstören-sind, weil sie eine akute Gefahr für den Weltfrieden bedeuten, und daß alle Mächte sich verpflichten müssen, auf die Herstellung von Atomwaffen zu verzichten. Gleichzeitig soll das Geheimnis der Atombombe gelüftet und ein Komitee eingesetzt werden, um ein Verfahren für die Kontrolle der Atomenergie und von Sanktionen auszuarbeiten für den Fall, daß das. Abkommen verletzt wird.

In dem Atomausschuß des Sicherheitsrates wurde schließlich nach langen. Diskussionen der amerikanische Plan als Grundlage für die weiteren Verhandlungen angenommen. Bei der Abstimmung enthielten sich Rußland und Polen der Stimme mit der Begründung, die Aufhebung des Vetorechts bei Strafmaßnahmen widerspreche dem Grundstatut der UNO. Rußland behielt sich vor hieraufbei den weiteren Verhandlungen erneut zurückzukommen.

Nunmehr aber drängte der russische Vertreter darauf, allgemeine Abrüstung voranzutreiben; er Schlug die Einsetzung eines Abrüstungsausschusses im Weltsicherheitsrat vor. Der amerikanische Bevollmächtigte protestierte zunächst und verlangte, daß erst das Atomabkommen fertiggestellt werden müsse, gab aber später nach, unter der Bedingung, daß alle Atomfragen nicht unter den Geschäftsbereich des Abrüstungsausschusses fallen dürften. Hiergegen besteht Widerspruch von Russischer Seite, so daß alle Fragen erneut in der Schwebe sind. Offenbar fürchten die Amerikaner, daß Rußland die Preisgabe des Herstellungsverfahrens für Atombomben zu einem Handelsobjekt in der allgemeinen Abrüstung machen könnte.

Die russische Presse wirft den Amerikanern das Streben nach Weltherrschaft vor. Die amerikanischen Zeitungen werfen den Russen vor, sie wollten nicht mit Hilfe der Atomkontrolle den anderen Mächten einen Einblick hinter den Eisernen Vorhang gestatten. Der tiefer liegende Grund dürfte sein, daß eben, dieser Eiserne Vorhang geistiger Natur ist; er hindert nicht nur die Westmächte, sondern von der anderen Seite her auch Rußland, hinter den Vorhang zu sehen. Solange er besteht, wird Rußland sich isoliert fühlen und niemals auf sein-Veto verzichten können. Es dürfte daher realer Einsicht entsprechen: wenn in Amerika jetzt immer häufiger vorgeschlagen wird, alle Abrüstungs- und Atomverhandlungen so lange zu verschieben, bis alle großen Streitfragen in der Welt bereinigt, zumindest also, bis die Friedensverträge mit Deutschland und Japan abgeschlossen sind, Auch "bei diesen Friedensverhandlungen geht es ja letzten Endes darum, den Eisernen Vorhang aus der Welt zu schaffen. –el