Von Alfred Joachim Fischer, London

EnglandsHeizungskrise verursacht Katastrophen. In Paris bringt die Presse Bilder heroischer Mütter, die Möbel verbrennen; damit ihre Kinder nicht frieren müssen. Hamburg und Berlin melden steigende Todeszahlen von Erfrorenen

In Reykjavik öffnen vorsorgliche Hausfrauen die Fenster, damit es nicht allzu heiß wird, in einer Stadt, die nicht weit vom Polarkreis liegt. Bei vorherrschendem Seeklima sind die Sommer ziemlich kühl, kühler als in Norwegen, und die Winter relativ mild. Dennoch würde auch der Reykjaviker – 50 000 Isländer oder fast die Hälfte der Gesamtbevölkerung leben dort – frieren, wäre er nicht durchwohlausgenutzte Naturkräfte begünstigt.

JedeReykjaviker Wohnung besitzt Zentralheizung, eine zu jeder Tages- und Nachrzeit arbeitende, und der Staat ist der geschulte Hausmeister. Die Quellen dieses Heizreichtums liegen 16Kilometer von Reykjavik entfernt. Wie man ohne besonderes Nachdenken erraten kann, sind es heiße Quellen. Ihr immer kochendes Wasser wird durch Stahlrohren den 3000 Häusern der Hauptstadt zugeleitet. Um dieses-segenbringende heiße Wasser auszunutzen, schaffen sich mehr und mehr Reykjaviker Familien eigene Gewächshäuser an. Es ist sogar – geplant, daß mit der Zeit zu jederWohnung ein Gewächshaus gehören soll. Schon verkauft man in Island – selbstgezüchtete Reykjaviker Melonen und Bananen. Heute noch Raritäten, können sie morgen – so behaupten optimistische Isländer – Exportgut werden und dem sonnigen Süden Konkurrenz machen.

Der allgemeine Lebensstandard im kleinen Island, das erst 1944 die Union vonDänemark löste und 98 v. H. Ja-Stimmen für eine selbständige Republik abgab, ist sehr hoch. Wem auch die Preise, verglich mit 1939, um 210 v. H. angestiegen sind. Island gehört zum Sterlingblock. Seine, regsten Wirtschaftsbeziehungen unterhält es mit Großbritannien, dann folgt Amerika (etwas gehemmtdurch isländischen Mangel an Dollars). Neuere, aber nicht unwesentliche Handelspartner sind die Tschechoslowakei und Sowjetrußland Zu isländischen Exportgütern gehören vor allem Fische, Heringsöl (Beiprodukt für Margarine), Wolle. Island gehört zu den ganz wenigen Ländern ohne Eisenbahn. Die Küstenschiffahrt braucht dringend-, schon bestellte neue Darunter und Motorboote, Hingegen funktioniert der Binnenflugverkehr hervorragend und erreicht jede größere Siedlung. Ihm. kommt heute auch der große von den Amerikanern im Krieg erbaute Keflavik-Flughafen zugute. Luftverkehr und Schiffahrt befinden sich in Privathänden. –

Vorbildlich ist der isländische Gesundheitsdienst. Jeder Isländer muß sich gegen Krankheit zwangsversichern lassen. Für einen Monatsbeitrag von 10 Schilling stehen ihm bei freier Ärztewahl ein praktischer. Arzt, ein Augen- und Ohrenspezialist zur Verfügung. In Island war die Tuberkulose weit Verbreitet. Seit ein besonderes Gesetz jeden isländischen Bürger verpflichtet, sich röntgen zu lassen, und seit jeder Fall von Tbc sofort in von der Außenwelt streng separierte Spitäler gebracht wird, ist diese Krankheit sehr eingedämmt worden. Allgemein fügten sich die Isländer dem Antituberkulosegesetz gern. Einige Ausnahmen, zumeist Mitglieder-religiöser Sekten, wurden zwangsweise geröntgt und, wenn nötig, behandelt,

Das Althing, das isländische Parlament, besteht aus 20 Unabhängigen (Konservativen), 13 Fortschrittlichen (Bauern), 9 Mitgliedern der Arbeiterpartei und 10 Vereinigten Sozialisten (Kommunisten). Seit Begründung der Republik hatte sie zwei Koalitionsregierungen. Dem ersten Kabinett gehörten die Bauern nicht an, dem zweiten fehlen die Kommunisten.Island ist eine Demokratie im wahrsten Sinne des Wortes, Gute Verdienstmöglichkeiten für alle und höchste, soziale Sicherheit haben dafür gesorgt,daß es nirgends in der Welt so geringe Klassenunterschiede gibt wie auf dieser glücklichen Insel.