Nach dem Wahlsieg der Republikanischen Partei der Vereinigten Staaten im Jahre 1918 hat es die Welt bitter erfahren müssen, was es besagt, daß die Unterzeichnung eines internationalen Vertrages vom Senat mit Zweidrittelmehrheit gebilligt werden muß Der Kurs der amerikanischen Außenpolitik wurle nämlich nicht mehr von Wilson bestimmt, sondern von dem jeweiligen Vorsitzenden des Auswärtigen Ausschusses.

Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses wurde nach dem neuen Wahlsieg der Republikaner an Stelle von Tom Connally der 64jährige Arthur H. Vandenberg Senator des Staates Michigan. Dieser Wechsel im Vorsitz wird aber nicht zu einer so radikalen Änderung des Kurses führen wie nach 1918. Roosevelt und Hull haben schon vor Jahren vorgesorgt und sich um die Mitarbeit von Vandenberg und anderen Republikanern bemüht. Diese Einschaltung der Republikaner führte seit dem Tode Roosevelts zu einem steigenden Einfluß Vandenbergs So wird der Kurswechsel gegenüber Rußland von entgegenkommender Haltung und Kompromißbereitschaft zu der heutigen Festigkeit vorwiegend auf Vandenberg zurückgeführt, der speziell deswegen in der Presse soga immer häufiger als der eigentliche Außenminister bezeichnet wurde, bis die Ernennung von Marshall ein neues Bild gab.

Arthur H. Vandenberg ist ein typischer Vertreter des mittleren Westens und des amerikanischen Großbürgertums. Sein Lebenslauf bietet nichts Besonderes. Zu Haus ist er in Grand Rapids, der nur 200 000 Einwohner zählenden zweitgrößten Stadt des Staates Michigan, wo er als Journalist begain. Die solide, nüchterne, realistische Art, mit der er Probleme anpackt und auf einen für den Man des mittleren Westens verständlichen Nenner bringt, die freundliche, entgegenkommende Haltung und das geschickte und zielbewußte Wahrnehmen von Interessen ebneten ihm schon 1928 den Weg in den Senat, wo er sich sehr bald in den Vordergrund spielen konnte. In außenpolitischen Fragen ist er seit langem im Senat und in der Republikanischen Partei unumstrittene Autorität, in der Rangordnung des Senats nimmt er neben Taft den zweiten Platz ein, formal sogar den ersten, denn er ist zeitweiliger Präsident. Dabei macht er nicht viel von sich reden. Ehrungen und Ernennungen geht er aus dem Wege, er ist in keiner bekannten Gesellschaft Vorstands- oder Aufsichtsratsmitglied. Auch fehlt ihm das Schillernde und Faszinierende, die Massen Packende, das etwa einen Briand auszeichnete und auch seinem Kollegen Tom Connally eigen ist. Uninteressant ist er für denjenigen, der Sensationen sucht. Seine Stellung schaffte er sich als stiller, ruhiger, aber unermüdlicher Arbeiter, der hinter den Kulissen die Fäden fest in der Hand hat und geisterhaft den Senat und auch den Parteiapparat beherrscht, so daß seine Wiederwahl nie gefährdet gewesen ist. Mit seinem Wahlbezirk und mit allen Kreisen Micht. gans, insbesondere mit der Industrie von Detroit ist er immer eng verbundengeblieben. Das Ausfuhrinteresse der amerikanischen Autonobil-Industrie und der starke . Anteil des polnischen Elementes in der Bevölkerung seines Wahloezirkes erklären mandies aus der Haltung Vandenbergs.

In seiner Außenpolitik ist Arthur, H. Vandenberg hundertprozentiger Amerikaner, weder pro- noch antibiotisch, weder für noch gegen Sowjetrußland. – Ursprünglich war er als Mann des mittleren Westens Isolationist und damit Gegner einer Intervention und der Rooseveltschen Außenpolitik. Diese Haltung klingt noch oft an wenn er als obersten Grundsatz betont, daß die USA in der Weltpolitik ihren eigenen Weg gehen sollen. Zwar verlangt er jetzt die Führung der Vereinigten Staaten, aber nur, um die Vormachtstellung einer anderen Nation zu verhindern. Wenn die USA, so sagte er einmal, die ökonomische und politische Führung nicht übernehmen, würde eine andere Macht aus diesem Fehler Vorteile ziehen.

Dieser Führungsanspruch erfordert eine aktive Einschaltung in die Weltpolitik, aber Vandenberg ist zu sehr Mann eines Binnenstaates und zu nüchtern eingestellt, als daß er dabei Parolen der internationalen Zusammenarbeit begeistert oder gar kritiklos folgen könnte. Man solle sich nie auf schönllingende Worte verlassen, solange es noch zu viele eiserne Vorhänge gebe, so führte er kürzlich in Cleveland aus. Zu viele Worte von Jalta- und lotsdam seien später verdreht worden. Die UNO bezeichnet er zwar gern als ‚,das Herz und den Kern einer internationalen Politik“, aber in internationalen Fragen, wie denen der kollektiven Sicherheit und Rüstungsbegrenzung, wird er die Verewigten Staaten erst festlegen, wenn alle anderen Länder – zu entsprechenden Konzessionen bereit sind. Bleiben diese aus, dann wird er hart sein.

Er wird zwar Möglichkeiten einer internationalen Zusammenarbeit suchen und nutzen, für einen Ausbau des Welthandels auf der Basis der Reziprozität ist er in letzter Zeit offen eingetreten, auch manchem Amerikaner unwichtig erscheinende Fragen, wie die Freiheit des Donauverkehrs, interessieren ihn ebenso stark wie die Absatzmöglichkeiten im pazifischen Raum und die industrielle Zukunft Westeuropas; aber er fühlt sich nicht als Fronttruppe, sondern mehr als eine Reserve. Entscheidungen sucht er nicht in der Atmosphäre internationaler Konferenzen, sondern im Rahmen der amerikanischen Gegebenheiten und Bindungen. Aus solchen Erwägungen will er – an internationalen Konferenzen nicht mehr teilnehmen; Damit kehrt er zur Tradition des amerikanischen Senats zurück.

Dieser vielbeachtete Verzicht erklärt sich wohl auch daraus, daß Vandenberg in Washington die von ihm aufgezeichnete Linie der amerikanischen Politik gegen die Kräfte der Internationalisten und Isolationisten eindeutig und für einen möglichst langen Zeitraum festlegen will, Die Internationalisten der Küstenstaaten melden sich wieder mit ihren Versuchen, Amerika stärker in Europa und im pazifischen Raum „zu engagieren, die Isolationisten mit ihrer Opposition gegen die geplante Genfer Zollabbaukonferenz Dieser Gegensatz spiegelt sich vor allem in der russischen Frage wider. Der Vorstoß von Wallace für eine rußlandfreundliche Politik hatte eine deutliche Spitze gegen Vandenberg. Zu der russischen Frage betont Vandenberg auffallend stark – und oft, daß eine Basis der Zusammenarbeit zwischen dem östlichen Kommunismus und der westlichen Demokratie möglich sein müßte. Wenn er dabei seine scharfe Ablehnung jeder Art von Diktatur nicht verbirgt und als die auch in dieser Hinsicht entscheidende Frage die des Rechts und der Gerechtigkeit in den Vordergrund stellt, dann zeigt sich Vandenberg ebenfalls als ein – hundertprozentiger Amerikaner.

W. G.