Das letzte Kapitel der 350jährigen Herrschaft Englands über Indien hat in diesen Tagen seinen Anfang genommen. Am 20. Februar 1947 erklärte Premierminister Attlee vor dem Unterhaus, daß Großbritannien im Juni 1948 die politische Macht in Indien in indische Hände legen werde. Nicht nur die konservative Opposition, sondern die ganze Welt hielt bei der Verkündung dieses Entschlusses den Atem an. Jeder spürte mir mehr oder minder großer innerer Beteiligung oder Erregung die historische Größe des Moments, die ungeheure Dramatik des bevorstehenden Abschlusses einer wirklich welthistorischen Epoche, Das Schicksal von 350 Millionen Menschen ist kein örtliches Problem mehr, sondern wirkt sich bewegend auf das die Erde umspannende Netz weitpolitischer und weltwirtschaftlicher Beziehungen aus. So löst der Entschluß des englischen Kabinetts Gefühle und Reaktionen verschiedenster Art aus, nicht nur bei den englischen Parteien und den Mitgliedern des Commonwealth, sondern bei allen Volk erst, Regierungen und Interessengruppen der Welt

Die Entwicklung zur Selbstverwaltung ist in Indien schon während des ersten Weltkrieges in Gang gesetzt worden und ist zweifellos nicht mehr aufzuhalten. Nach dem Angebot, das Sir Stafford Cripps als Beauftragter der neuen Labourregierung im Jahr 1945 den indischen Parteien machte, war die Lawine endgültig ins Rollen gekommen, das Ende der englischen Herrschaft in Indien absehbar geworden. Es ist müßig, diese Tatsache – abzuleugnen, und soweit die konservative Opposition in England es so darstellt, als sei erst durch den Beschluß vom 20. Februar Indien aufgegeben worden, schießt sie weit am Ziel vorbei. Über die grundsätzlichen Notwendigkeiten bei der Lösung der indischen Frage sind sich die verantwortlichen Männer aller politischen Schattierungen in England und im Empire im Lauf der Entwicklung allgemein klar geworden: erstens, daß die politische Verantwortung so bald als möglich in indische Hände gelegt werden muß: zweitens, daß das Wohl und Wehe der Mehrheit in Indien nicht auf die Dauer von der Rücksichtnahme auf die Minderheit abhängig gemacht werden darf; drittens, daß eine einheitliche, allindische Verfassung, die von einer nicht sämtliche Teile der indischen, Völker vertretenden Versammlung beschlossen wird, den ablehnenden Teilen des Landes unmöglich gewaltsam aufgezwungen werden kann.

Über dieses Ziel bei der Handhabung des Problems herrscht im großen und ganzen bei den maßgeblichen Sachkennern in den englischen Parteien Einigkeit. Man streitet’sich nur über den Weg, über die Methoden und Modalitäten. Drei Möglichkeiten wären denkbar: England könnte sich jetzt schön einfach aus Indien zurückziehen, oder es könnte seine Herrschaft aufrechterhalten, bis die indischen Parteien und Gruppen sich endgültig geeinigt haben, oder es muß einen, festen Termin setzen, was es am 20. Februar getan hat. Die erste Möglichkeit, das Ziel zu erreichen, ist rein theoretisch und wird von niemandem ernsthaft vertreten. Die zweite ist der den konservativen Wünschen entsprechende Weg. Er scheint einem im heutigen Stadium der, indischen Entwicklung der logischste und gerechteste zu sein, ob er aber und bei der ungeheuren Anspannung der englischen Kräfte und Reserven auf dem ganzen Erdball noch gangbar ist, muß offen bleiben. Für den dritten Weg, die Festsetzung eines bedingungslosen und endgültigen Termins, hat sich die Regierung nun endgültig entschlossen. Die Dramatik des 20. Februar liegt also nicht in dem Entschluß, Indien aufzugeben, sondern darin, für diesen Machtübergang einen unwiderruflichen Zeitpunkt festzusetzen, gleichgültig, ob sich die indischen Parteien bis dahin geeinigt haben oder nicht, und gleichgültig, was sonst inzwischen alles in Indien und auf der Welt vor sich gehen mag.

Die Regierung führt starke Gründe für ihren radikalen Beschluß ins Feld: Durch die Festsetzung eines endgültigen Termins sei der das britischindische Verhältnis vergiftenden Agitation der Boden entzogen, die immer noch behauptet, England benutze die in Indien bestehenden Gegensätze zur Verlängerung seiner Herrschaft auf unbestimmte Zeit. Außerdem werde die Kürze, der Frist ihre Schockwirkung auf die indischen Parteiführer nicht verfehlen und ihnen die Dringlichkeit einer Einigung eindrucksvoll vor Augen, führen. Diese Wirkung werde noch erheblich verstärkt durch den Teil der Regierungserklärung, der feststellt, England werde sich je nach, dem Stand der indischen Verfassungsverhandlungen im Juni 1948 darüber klar werden; müssen, ob es ganz Indien einer gemeinschaftlichen Zentral Verwaltung übergeben könnte, oder ob; es in bestimmten Fällen unabhängige politische Gewalt auf Provinzialregierungen übertragen müsse. Als Drittes kömmt wohl noch – wenn auch unausgesprochen – hinzu, daß die militärische Beanspruchung Englands in Indien bei einer palästinamäßigen Entwicklung der dortigen Verhältnisse eine kaum tragbare Belastung ergeben würde.

Die Gründe jedoch, die gegen eine Terminfestsetzung im allgemeinen und eine so kurzfristige im besonderen sprechen, und die von der konservativen Opposition, in der Presse und im Ober- und Unterhaus: schärfstens vertreten werden, sind in ihrer überzeugenden. Stichhaltigkeit auch gar nicht zu übersehen. Anstatt die Einigung in Indien zu beschleunigen, wird die Festsetzung des so nahen Zeitpunktes genau das Gegenteil erreichen, sagt man hier. Der Termin stellt geradezu eine Prämie für die, Fortsetzung der Uneinigkeit dar; denn hat nicht, jede Gruppe auf, Grund der Attlee-Erklärung nun die -Möglichkeit, dadurch, daß sie eine allindische Einigung hintertreibt, ihre eigene selbständige Regierung zu erhalten; und werden unter diesem Gesichtspunkt nicht auch die Mohammedaner ihr Pakistan erst recht vorbereiten, anstatt sich mit der Kongreßpartei zu einigen? In jedem Fall aber sei es undenkbar, in fünfzehn Monaten das so ungeheuer komplexe Problem einer altindischen Verfassung zu lösen und aktionsfähige Regierungsmaschinerien zu bilden. Was geschieht, wenn dieses Stadium bis Juni 1948 nicht erreicht wird? Der Zeitpunkt liegt unwiderruflich fest, und die politische. Macht muß übergeben werden, selbst wenn man in fünfzehn Monaten noch keinen Schritt weiter ist als heute. Werden dann nicht vielleicht hoffnungsvolle Ansätze vorzeitig am Ausreifen verhindert und die vielen Millionen gerade; der Schwächsten und Ärnsten schutzlos der Willkür und einem grausigen Schicksal ausgeliefert? Glaubt man, daß bis zum Jun nächsten Jahres indische Armeen entstehen können, die in der Lage sind, Indien nach innen und außen zu schützen? Denn England kann doch unmöglich eigene Truppen zur Durchführng einer indischen Politik dort befassen, auf deren Konzeption das englische Parlament keinerlei Einfluß mehr besitzt.

Diese gegensätzlichen Auffassungen trafen in der Oberhausdebatte mit ungeheurer Wucht aufeinander und verliehen den Sitzungen eine wahrhaft dranatische historische Bedeutung. Es war außerdem ein wunderbares Beispiel höchster parlamentarischer Tradition, wie dieses das Empire und die ganze Welt tiefbewegende Problem von den fühganze Persönlichkeiten des Weltreiches den aller spürbaren, inneren Erregtheit mit tiefstem staatsspürbaren, Ernst, herrlicher Prägnanz der Rede, bewundernswertem politischem Fingerspitzengefühl und vorbildlicher Sachlichkeit behandelt wurde. So wurde denn schließlich auch aus reinem politischem Verantwortungsgefühl die Interpellation der Konservativen am Schluß, der zweitägigen Debatte zurückgezogen, obgleich die Abstimmung bei der Zusammensetzung des Oberhauses eine erdrückende Mehrheit für die Opposition ergeben hätte. Daß sich hierüber auf den Regierungsbänken erhebliche Erleichterung bemerkbar machte, ist sehr verständlich. So bleibtes also beim Juni 1948, und es wird sich dann herausstellen, ob der in Kalkutta als letzte, große englische Morgenzeitung erscheinende „Statesman“ mit seinem Pessimismus recht hat, wenn er über die Regierungserklärung vom 20. Februar schreibt: „Ehrliche Männer, aber Männer mit wenig Sinn für Geschichte und nur kurzen Erfahrungen in der Verwaltung der Nation und des Britischen Weltreiches haben mit ihrer Ungeduld den Sieg davongetragen.“

Marion Gräfin Dönhoff.