Von Fritz Krischen

Man darf, wohl sagen, daß der babylonische Turn noch immer das populärste, historische Bauwerk des Planeten ist. Es mag freilich sein, daß uns andere Fragen näher liegen als die nach dem Entwarf des biblischen Symbols der menschlichen Vermessenheit and Verwirrung. Aber nehmen wir dieses Symbol – dann ist der Babylonische Turm durchaus zeitnah. Aach ist die Arbeit des Auslandes auf dem Gebiet der archäologischen Forschung schon wieder im Anlaufen, und wenn wir allerdings nicht mehr in den Wettbewerb der internationalen Spatenforschung eintreten können, sowerden wir bei der Auswertung der Ergebnisse, immerhin noch nützliche Mitarbeit leisten können, – wie es in vorliegendem Falle versucht wird.

Nun handelt es sich bei unserem Entwurf zwar nicht um den Turm der biblischen Legende selber, sondern nur um seine späte und letzte Erneuerung aber doch an der altgeheiligten Stelle und wahrscheinlich auch in den alten Formen und Verhältnissen. Ein Menschenalter vor und eines nach dem Jahre 600 vor Christus haben die großen Herrscher des neu erstandenen Babylonischen Weltreiches, Nabupolassar und Nebukadneźar, daran gebaut. Es war ein Tempel für den Himmelsgott, also durchaus das Gegenteil von dem, was die Bibel darin sieht, nicht vermessener als unsere Dome mitihrem Höhendrang und, wie diese, ausreligiöser Wurzel hergekommen.

Über das historische Bauwerk und seine Beschaffenheit sagt die Bibel im einzelnen nichts aus. Dafür haben wir drei andere ergiebigere Quellen, um von allen weniger bedeutsamen Nachrichten hier zu schweigen. Jene drei sind: erstens die Ruine selber, die wir dem zähen Forscherwillen Robert Koldeweys verdanken, zweitens der Bericht Herodots, eines Augenzeugen alsovon höchstem geistigen Rang, der ihn etwa hundert Jahre nach der Erbauung sah, und drittens ein ausführliches Aktenstück, in dem ein babylonischer Priester hellenistischer Zeit, Anu-Bel-Schunu, am 26. Tage des Monats Kislimum im 83. Jahre des Königs Selenlos, das hieße am 12. Dezember 229 vor Christus, einen Bericht über den – damaligen Zustand des Turmes und eine große Anzahl der wichtigsten Maße gibt.

Wir sind damit über Etemenanki – so ist der Babylonische Name des Turmes – besser unterrichtet als über viele andere antike Bauwerke, und man hätte daraufhin vielleicht schon eher zu einem abschließenden Urteil gelangen können. Aber es ist in der Auswertung dieses Materials eine der allerwichtigsten Betrachtungen kaum beachtet worden, nämlich das grundlegende Verhältnis, in dem alle überlieferten Maße und Zahlen von Etemenauki zueinander stehen Und stehen müssen, wenn wir so viele Äußerungen der Alten über Maß und Zahl nicht geradezu in den Wind schlagen wollen. Dabei handelt es sich ganz und gar nicht um irgendeine Mystik der Zahlen, wie sie etwa Max Eyth zu Füßen der Cheopspyramide entwickelte, ’sondern um ein nüchtern handwerkliches Vorgehen, eine Musikalität der Verhältnisse zu erlangen, ein Verfahren, das auch einem heutigen Architekten noch von Nutzen sein könnte. Es gilt also, sämtliche Maße aus einem einzigen Grundrißzu entwickeln und damit eine ganz bestimmte mathematische Forderung zu erfüllen, die zu einer sinnvollen Beziehung aller Großen-des Bauwerks untereinander führt, zu eben dem, was; man im Griechischen unter Symmetrie – Zusammenstimmung – versteht.

Dieses Grundmaß, die Ausgangszahl, beträgt beim Turm! 30 babylonische Ruten, nach der Überlieferung das Maß der Gesamthöhe wie der Seite des größten Grundrißquadrats, ein Wert, der sich äußerst genau festlegen läßt, da die untersten Schichten des Bauwerks erhalten sind. Aus dem Quadrat von 30 mal 30 Ruten werden alle Punkte des Querschnitts durch den Winkel von 36 Grad, das heißt den Zehntelkreis, bestimmt, eine durchaus „babylonische“ Zahl, wie wir denn die Kreisteilung in 360 Teile von den Babyloniern geerbt haben. Dieser Winkel ist durch das Steigungsverhältnis einer großen Treppenanlage gegeben, die sich auf der Südseite des Turmquadrats befindet. Die Querschnittsfigur des Gebäudes stuft sich in acht nach oben kleiner werdenden Rechtecken ab, die alle durch den Zehneckswinkel bestimmt sind, nämlich durch das Verhältnis der kürzeren zur längeren Rechteckseite,das wir „tangens“ zu nennen pflegen. Der Zehntelkreiswinkel hängt jaauch mit dem Goldenen Schnitt zusammen – bekanntlich die Aufgabe, eine Strecke so zu teilen, daß der kleinere Abschnitt sich zum größeren wie der größere zur ganzen Strecke verhält. So verhalten sich auch die Höhen der beiden oberen Rechtecke, nämlich wie 2 : 3 = 3:5, die Höhe der beiden zusammen zu den vier darunter wie 5 : 8 = 8:13. Den Schlußpunkt des Beweises bildet die Stelle, auf die die lange Treppenschräge in ihrem oberen Ende trifft. Der Tangens von Höhe und Grundlinie – vom Fuß der Senkrechten bis zum Beginn des Schrägen – gibt genau den Winkel 36 Grad. Das heißt, während man sich im übrigen der angenäherten Werte bediente, die ja für ästhetische Zwecke völlig ausreichen, weil man schwierige Brüche grundsätzlich vermied – die Alten kannten den Dezimalbruch nicht! –, brauchte man für die Treppe einen genauen Winkel, da sie auch astronomischen Zwecken angehörte und ein riesiges Visierinstrument darstellte, wie sie sich an alten indischen Sternwarten in Gestalt von völlig isolierten langen Treppen erhalten haben. Die Treppe verrät aber auch eine religiöse Bedeutung. Sie ist zwar, der Natur der Dinge folgend, von unten nach oben gebaut, aber von oben nach unten gedacht, Im Grundriß nämlich zeigt die Treppenlänge keine faßliche Beziehung zum Gesamtgrundriß, im Querschnitt schneidet sie ganz zufallsgemäß an, sie ist eben von der Zinne des Tempels aus gezogen, auf die der Himmelsgott oder vielleicht auch seine geflügelten Boten sich niederlassen, um von da weiter auf die Erde hinabzusteigen, und ist somit eine wahre Jakobsleiter Da oben befindet sich auch das besondere Gemach mit dem Gottesbett, von dem Herodot berichtet und Anu-Bel-Schunu die Maße gibt, wie denn die beiden bestens übereinstimmen. So spricht Herodot zwar von acht Absätzen übereinander, Anu-Bel-Schunu nur von sechs massiven Klötzen, auf denen aber ein Tempel steht, ein Tempel mit Obergemach, das sich seiner Bedeutung nach offenbar merklich abhob und so die acht vollzählig machte.

Die Volksphantasie hat sich freilich, unabhängigvon archäologischen Voraussetzungen, den Turm gern als große Wendeltreppe vorgestellt – am reizendsten in Breughels bekanntem Bild –, und auch in der Archäologie hat man diesen Gedanken verfochten, aber die Spirale, die Schnecke als Bau-, werk wäre für Herodot eine so einzige, so höchst auffällige Form gewesen, daß er sie seiner Beschreibung gewiß zugrunde gelegt hätte.

Man hat oftgenug auf ganz andere Manier Architektur zu machen versucht als durch musikalische Auswahl der Abmessungen. Durch Überhäufung mit zahllosen Motiven glaubte man zu schöner Baukunst zu gelangen; ob dieser Überhäufung mit romanischen und gotischen Motiven oder in deutscher Renaissance und Wiener Barock geschah, es war immer schlimmstes 19. Jahrhundert. Daß man durch maßlose Anwendung kostbaren Materials weder Geistlosigkeit noch Brutalität verstecken kann, auch darin haben wir Anschauungsunterricht genug gehabt. Aber daß man die Harmonie der Verhältnisse übertreiben könne, ist schwer vorzustellen. Vielmehr wird die Musikalität. der Zahl sich auch im einfachsten Motiv, am bloßen Rechteck und dem bescheidensten Baustoff wirksam erweisen, in demjenigen also, was uns immer noch geblieben ist. Da möchte denn auch der Entwurf des babylonischen Turmes als ein Stück Harmonielehre nützlich sein.