Es gibt in diesem Ostsee Winkel einen Ort mit Namen Schlutup. Und sähe man ihn nicht daliegen mit seinen altväterlich behaglichen Häusern und Gassen, man könnte ihn erschnuppern. Von hier aus ist einmal gut drei Viertel des einstigen Deutschen Reiches mit Brathermgen und Fischkonserven beliefert worden. Und man riecht es noch. Doch da – man weiß, daß es keine Fische gibt, muß es sich wohl um Halluzinationen, um Erinnerungsdüfte handeln,

„.Warum gibt es keine Fische?“

„Es gibt Fische“, antwortet der Fabrikant, der am Eingang von Schlutup wohnt, an einer Stelle, die einen anmutigen Blick auf den russischen Schlagbaum eröffnet. Dieser Fabrikant ist zugleich der Sprecher für die vierzig anderen Schlutuper Konservenfabrikanten, und er sagt: „Unsere Fabriken sind zur Hälfte ausgelastet.“ Na ja, immerhin ... Fischkonserven werden allerdings nicht mehr hergestellt. In kalten, feuchten Fabrikräumen rosten die Maschinen, die – eine Lübecker Industriespezialität – in der Hansestadt an der Trave hergestellt wurden. Und jene automatischen Bratvorrichtungen. die in nichts mehr an die Bratpfannen der Hausfrauen, sondern eher an überdimensionelle Bettmatratzen erinnern, glühen und rüttein und schütteln sich nicht mehr. Nur eine Abteilung ist noch in Betrieb: da hängen, an Spießen aufgereiht, die Heringe im Rauchfang, und besinnlich-pfiffige Männer, die an Illustrationen zu Fritz Reuters behäbigen Geschichten gemahnen, halten ein Feuer, aus Buchenholz am Schwelen, träufeln immerfort Wasser darüber, damit sich der Rauch entwickelt, und fügen zuletzt Späne von Eichenholz hinzu. Denn; der Rauch von Eichenspänen gibt den Bücklingen drinnen im Rauchfang hinter den eisernen Ofentüren die goldgelbe Farbe.

Bei so erfreulichem Anblick sollte man annehmen, daß die Schlutuper Fabrikanten heiter wären. Aber sie sind es nicht. Im Gegenteil, ihr Sprecher erzählt von ernsten Sorgen: „Gut, wir liefern Bücklinge. Aber wir liefern bei weitem nichts genug, weil wir nicht genug Heringe bekommen. Augenblicklich kommen auf englische Rechnung Fänge aus Norwegen an. Dies hat den Fehler, daß uns die Ware nicht via Ostsee direkt vors Haus gebracht werden kann. Ganz abgesehen bei solchem lmweg – wie könnte es auch geschehen bei dem aus! Was aber, wenn die Heringe etwa in Bremerhaven eintreffen? Sollten die Leute dort nicht auf Idee kommen, den Fisch am besten gleich dazubehalten? Sie werden zugeben: diese Idee ist haheliegend. Sie sagen einfach, der Fisch sei nicht mehr frisch genug, weitertransportiert zu werden. Erklärungen sind ja immer rasch zur Stelle. of dem Kriege gelangten 67 v. H. der ankommenden Heringe nach Hamburg: das war das übliche. Heute laufen die Heringsdampfer alle möglichen anderen Häfen an. Und überhaupt: früher hatten wir dreimal soviel Heringsdampfer als heute. Wir sitzen schön in der Klemme, und statt darauflos. zu arbeiten, daß alle unsere Schornsteine rauchen, überlegen wir uns heute, welche neuen Fabrikationstricks uns helfen können, die Fischabfälle weiterhin zu nutzen. Sie kennen doch die Fischpaste?“ – „Leider, leider!“ – „Na ja, und so...“ Und der Fabrikant von Schlutup macht eine resignierte Handbewegung.

Nun trifft es sich, daß in Travemünde der Vorsitzende des Zentralverbandes der Fischerei in der britischen Zone wohnt, der Fischer Johannsen. Der hat an diesem Tage schon ein paar Stunden mit Erfolg den Aalen aufgelauert, und dies hat auf sein verwittertes Gesicht ein freundliches Lächeln gezaubert. Er zeigt seinen neuen Kutter im Travemünder Hafen, 24 Meter lang und 6 Meter breit, mit einem Deutz-Motor, den es für viel Geld und viele gute Worte gab. Er zeigt gleich nebenan einen „KFK“; das ist einer von den ehemaligen „Kriegsfischkuttern“, die von der Militärregierung den Fischern zur Verfügung gestellt wurden, sie müssen zunächst für den Umbau Sorge tragen. Aber wie sollen sie das tun? „Es ist entsetzlich teuer“, sagt Herr Johannsen. „Und nicht bloß dies: das Netzwerk, die Geräte, der Fischereibedarf, das alles kostet heute ein Geld, das in gar keinem Verhältnis mehr zu den behördlich überwachten Eisenpreisen steht. Dem Fischer geht es wie dem Bauern, der Anschaffungen machen muß: er wird glatt auf den Schwarzen Markt getrieben, ob er will oder nicht, denn normal kann er es nicht bezahlen ... Und was, wenn dem Fischer – was Gott verhüten möge! – etwas zustößt?“ Er erzählt von einem armen Mann, der im Eis steckenblieb, draußen in der Ostsee, und daß es nicht wahrscheinlich sei, daß jener den Kutter wieder heil herauskriegte. Schon haben englische Flugzeuge, dem Mann im Eis Lebensmittel herunterwerfen müssen, denn von Fischen allein: konnte er wohl nicht leben. Just heute wollte Herr Johannsen eine Schlittenexpedition ausrüsten, damit die 150 Zentner Heringe, die an Bord waren, an Land geholt würden, 22 Kilometer hin und zurück. Aber da ist die Meldung gekommen, daß kein Schwanz mehr an Bord sei. Verdorben bei so tiefgekühlter Temperatur? Wahrscheinlicher, daß andere, von der mecklenburgischen Küste aus, schon auf den Einfall kamen, eine Schlittenexpedition durch das Packeis zu wagen. Man bedenke doch: Heringe! Und Fischer Johannsen zeigt auch die Werft drüben auf der Halbinsel von Priwall, wo sie dabei sind, einen ebensolchen Kutter wie den seinigen zu zimmern.

Draußen liegt die Ostsee in Eis gepanzert, unterm Sonnenlicht bunt kristallen aufleuchtend, vom beißenden Wind überfaucht, ein Anblick von peinigender. Trostlosigkeit, als sollte es niemals wärmer werden, und zunächst ist der Wunsch der Travemünder nicht vorstellbar, daß sie im Sommer den bislang ruhenden Badebetrieb wiederum eröffnen möchten. Drinnen, in der Halle der Werft, glätten-sie mit Meißeln und Hämmern das gelb leuchtende, duftende Holzskelett des neuen Kutters. Es ist eine edle Arbeit, schön wie in klassischen Zeiten. Daß die jungen Männer die unter den Augen eines älteren Meisters arbeiten, nach so viel Krieg noch nicht verlernt haben, solche Kunstfertigkeit zu leisten!

„Ach was“, sagten sie, „dürften wir bloß bauen, soviel wir bauen könnten, und hätten wir bloß Holz genug! Aber wir dürfen ja nicht. Die Bestimmungen, die Beschränkungen...“