Von Egon Viella

Für die Osterwoche ist in Rom, und zwar bei der philosophischen Akademie der katholischen Kirche, eine öffentliche Aussprache über den Existentialismus angesagt. Die Kirche, die keineswegs alle Formen des modernen existentiellen Denkens im Prinzip ablehnt, bezeichnet jene Richtung, die Jean Paul Sartre, anknüpfend an Husserl und vor allem an Heidegger, entwickelt hat; als eine ernste Gefahr.

Seit einiger Zeit beschäftigt sich die Weltpresse so gut wie die französische – sei es die „Time“ in Amerika oder das „Times Supplementary“ in London, sei es „Life“ oder „Illustration“ in Paris – mit einem Denker, der durch die Widerstandsbewegung, die „Résistance“, emporgetragen wurde. Die „Résistance“ behandelt auch sein jüngstes kurzes Theaterstück „Morts sans sépulture“ („Tote ohne Friedhof“). Dieser Dichter und Denker – Jean Paul Sartre – ist Existentialist. Sein philosophisches Hauptwerk, das „Sein und das Nichts“, ist; nicht weniger erfolgreich gewesen als Schopenhauers „Die Welt als Wille und Vorstellung“. Wer gallischen Witz kennt, kann sich leicht das, Amüsement der Pariser über eine Philosophie vorstellen, die von jedermann im Munde geführt und von niemandem verstanden wird. „Comment va l’existence?“ – „Comme ci, comme Sartre!“: ein unübersetzbares Wortspiel, da „Sartre“ anstelle, von „comme ci, comme ca“ gesetzt ist („Wie geht es Euer Gnaden? – So so lala – à la Sartre“). Aber Sartre ist nicht nur Philosoph. Er beherrscht, wie man weiß, das Theater. Er schreibt Romane. Er hält Vorträge, zu denen Hunderte nicht Einlaß finden. Er greift die Auseinandersetzung mit dem Marxismus auf: Revolution der Dinge oder der Menschen? Sollen wir die Welt der Dinge verändern, die von Menschen gemacht ist, oder den Menschen selbst? Ein der gleichen Frage gewidmetes geistiges Duell ist übrigens jüngst zwischen dem kommunistischen Theoretiker Lukacz, Berlin, und dem Existentialisten Jaspers, Heidelberg, auf einem Lausanner Studentenkongreß ausgefochten worden. Sartres Ruhm im sorgenvollen Europa ist groß. Vorträge an der Yale-, Harvard- und Princeton-Universität haben ihn aber auch mit der geistigen Elite der großen amerikanischen Demokratie konfrontiert. Das hat dann die Reporter auf den Plan gerufen, weil sich – die Öffentlichkeit offenbar für sein bescheidenes Hotel so gut wie für die Toilette der interessanten – Simone de Beauvoir, seine Begleiterin und selbst eine bedeutende Romanschriftstellerin, interessierte. ‚Ähnlich so ist zuvor nur des deutschen Philosophen Keyserling Amerikareise zur Sensation geworden. Eins ist gewiß: Sartre versteht es, seiner neuen, tief in europäischer Denkungsweise wurzelnden geistigen Haltung Gehör zu verschaffen.

Diese Haltung ist nicht so neu wie es vielleicht scheint. In Deutschland ist es Max Scheler gelungen, nach dem ersten Weltkrieg das geistige Gespräch in glitzernden Synthesen auf eine neue Anthropologie hinzusteuern. Scheler war Schüler Edmund Husserls, des Begründers der Phänomenologie. Husserl wiederum hatte in jahrzehntelanger Arbeit, von der Welt unbeachtet, den philosophischen Durchbruch erzwungen, auf dem der Existentialismus basiert. In der Stille seiner Gelehrtenstube in Freiburg war der Kathederspuk der spätkantianischen Philosophie zerstreut worden: eine Entwicklung, die der erste Weltkriegäußerlich beschleunigt hatte. Durch die Erscheinung Heideggers aber, dessen Lehrtätigkeit etwa 1919 in Freiburg begann und vor kurzem durch ein Verbot der französischen Militärregierung beendet wurde, wuchs in die ungeheure, immer dringlichere Diskussion um die Grundlagen des Abendlandes ein völlig neuer Gesichtspunkt. Der Tatsache zum Trotz, daß das existentielle Philosophieren zunächst von der Kathederphilosophie überhaupt nicht ernst genommen wurde, gruppierte sich rasch eine kleine, ausgewählte Denkerschar um den Freiburger philosophischen Lehrstuhl. Die politische Tragödie Deutschlands 1933 unterbrach die sprungartig angewachsene Entwicklung. Aber denkerische Ereignisse sind nicht an äußeren Erfolg gebunden. Sie treten plötzlich ins Licht der Öffentlichkeit, nachdem sie lange in der Klausur der Studierstuben vorbereitet wurden. Bald wurde – ein ausgewählter Teil der Heideggerschen Schriften von Corbin uns Französische übertragen. Der Prozeß nahm seinen Fortgang – auch nach dem zweiten Weltkrieg.

Und heute? Sartres „l’etre et le néaut“ ist durchsetzt mit Heideggerschef Terminologie. Heute widmet die literarische Beilage der „Times“ mehrere Seiten dem Verhältnis Sartres zu Heidegger unter dem Titel: „Der Tod der Tragödie“. Fest steht jedoch, daß diese Entwicklung von Martin Heidegger nicht gesucht wurde. Er ist, wie Husserl es war, ein Mann der Stille. Seit seinem grundlegenden philosophischen Werk „Sein und Zeit“ (1929), dessen zweiter Teil nicht mehr erschienen ist, hat er neben der Untersuchung über „Kanf und das Wesen der Metaphysik“ nur noch Bruchstücke und kleinere Arbeiten veröffentlicht, zuletzt – die Hölderlin-Interpretationen. Sein ungeheures Lebenswerk, ist eigentlich nur den Hörern und Seminarteilnehmern zugänglich geworden. Er selbst hat sich mehr und mehr zurückgehalten. Dies ist aber das Werk, worauf, nach den methodischen Vorarbeiten Sören Kierkegaards, – das existentielle Philosophieren bezogen bleibt.

So viel ist gewiß, daß noch einmal in der Mitte von Europa eine Fülle von Denkern aufgestanden ist, an denen sich die philosophische Entwicklung der letzten Jahrhunderte, bricht. Sie selbst haben sich nicht „Existentialisten“ genannt. Der Name ist ihnen angedichtet worden, und das Wort „existentiell“ ist schnell in Mode gekommen. Als ob damit etwas gewonnen wäre! Es ist gar nicht möglich, den Existentialismus auf einen Nenner zu bringen. Immerhin: er vertritt ein Denken, das mit derselben unerbittlichen Konkretion geladen ist, mit der schon Nietzsche in einem Feuerwerk von Aphorismen das Illusionstheater der europäischen Traum- und Denkgebäude zerschlug. Seit Nietzsche weiß man, daß die besten Ideologien Täuschungsmanöver sind. André Gide, gelehriger Schüler Nietzsches, hat das Fiasko der Ideologien in einer der geistvollsten Erfindungen französischen Esprits seit Voltaires „Candide“, nämlich in dem „Schlecht gefesselten Prometheus“; persifliert. Das denkerische Gerüst Europas baut sich aber auf Ideologien und nicht auf Realitäten auf: das unterscheidet unser kontinentales Denken von Rußland Und Amerika.

Die fast mystische Hintergründigkeit des russischen Realitätsbewußtseins hat vornehmlich in der russischen Literatur ihren Niederschlag gefunden. Der amerikanische Roman hat heute die Welt erobert als ein Meisterwerk treffsicherer Realistik. Während über dem europäischen Kontinent die Vergangenheit wie ein barocker Prospekt lastet, ist der Osten von dieser Vergangenheit frei. Auch in Amerika gibt es weder. Renaissance noch Mittelalter. Der einzige Kontinent, der eine begrifflich exakte, philosophische Tradition hat, ist Europa. Und aus dieser Tradition heraus ist im existentiellen Philosophieren noch einmal der leidenschaftliche Wille zur letzten – Realität, auf der dieses zerbröckelnde Europa gründet, ausgebrochen. Allein in dieser, unausweichlichen, Realität – so fühlen diese Denker – kann die europäische Einheit verwirklicht werden: es muß eine geistige Realität sein, denn die Erfahrung hat gezeigt, daß Technik und Verkehr, die wirtschaftlichen Realitäten also, gar nicht imstande sind, die längst fällige Einheit des Abendlandes zu schaffen, was doch der mittelalterlichen Kirche als geistiger Realität mühelos, gelungen war. Die Technik ist politsch unschöpferisch. Die Technik, ist ein Mittel. Sie ist selbst menschliche Erfindung und keine Erfinderin. Sie kann die Entscheidung erleichtern, aber ebensogut alles zerstören. Ist das existentielle Philosophieren in der Lage, dies Werl- und Rüstzeug durch den entscheidenden Denkakt zu unterbauen, dem sich die Menschheit beugen muß, weil darin die geistige Notwendigkeit unausweichlich enthalten ist? Wird die Menschheit überhaupt noch einmal eine fundamentale geistige Basis finden? Kann diese Basis nach dem Fiasko aller denkerischen Bemühungen anders als religiös sein? Ist aber die Weltreligion mit einer Flucht ins Vergangene, mit einem Rückgriff auf unendlich oft diskutierte und von der Geschichte schon widerlegte Fragen zu erzwingen?