Drinnen in der Stadt hat eine wohlbekannte Firma leere, verwahrloste Baulichkeiten in Laboratorien und Werkräume verwandelt, die wahrscheinlich mustergültig sind. „Brunnengräber“ steht am Eingang, und von dieser Firma wissen Leute tief in der russischen Zone, die nachts bei Schlutup über die Grüne Grenze kommen und weinend am Fabriktor stehen. Insulin! Einst hat diese chemische Fabrik von einer Stadt aus, die heute in der russischen Zone liegt, den Markt in Ungarn, Italien, Rumänien und Griechenland versorgt. Diesmal ist nicht, genug Material vorhanden, den deutschen Bedarf zu decken. So kommen die Angehörigen, die einen Zuckerkranken daheim zwischen Leben und Tod pflegen, und bitten und Sehen im Kontor. Insulin, das einzige Heilmittel, ist Ware für den Schwarzmarkt geworden, wo eine einzige Ampulle mit einem Inhalt von 400 Einheiten 1000, ja 1500 Mark kostet. „60 Millionen Einheiten sind 1946 in der britischen Zone eingeführt worden, 67 Millionen Einheiten wurden in der Zone hergestellt“, erklärt der Chefchemiker. „Englische Stellen, die uns beim Aufbau großzügig halfen, wünschten damals, daß wir bald in die Lage kämen, monatlich etwa 20 Millionen Einheiten herzustellen. Von uns aus – wir sind soweit, wir wären in der Lage dazu, wir haben uns alle Mühe gegeben. Und jetzt ist unsere Kapazität bei weitem nicht ausgenutzt. Finanziell setzen wir zu. Und woher auch den Rohstoff nehmen? Sie wissen: Bauchspeicheldrüsen sind unser Rohstoff. Auf dem Hamburger Schlachtviehhof, wo früher, täglich 3000 Rinder geschlachtet wurden, kommen heute 30 Rinder zur Schlachtung. Und wissen Sie auch, daß die Fälle der Zuckererkrankung sich erschreckend häufen? Einst die sprichwörtliche Krankheit der älteren .besseren Herrschaften“, und oft vermutlich eine Folge üppigen Lebens, fällt sie als Resultat allzu größer Entbehrungen jetzt häufig auch junge Menschen an, die allesamt voll arbeitsfähig wären, hätten sie Insulin.“

Eine Fabrik zu sehen, die nach unendlichen Mühen aller Beteiligten – ob Arbeiter, Techniker, Laboranten, Chemiker, Kaufleute – aus Schutt, Schmutz und Verwahrlosung aufgebaut wurde, eine solche in hohem Maße leistungsfähige Fabrik zu sehen, von deren Erzeugnis das Leben unzähliger Patienten abhängt, und zugleich zu wissen, hier könnte mehr geschehen, als geschieht, dies zu sehen und zu wissen ist unsagbar traurig.

Später sagte auch Dr. Dräger ein Wort über den Facharbeiter: „Ingenieure“, sagte er, „gute Ingenieure kann man immer noch bekommen; es sind die Facharbeiter, auf denen der Wert eines – Werkes in dieser Zeit ‚beruht: Deshalb ist man im Dräger-Werk so weit gegangen, jedem einzelnen unter den Fachkräften einer spezialisierten Abteilung einen Lehrling oder einen Arbeiter an die Hand zu geben, den er anlernt.

Das Dräger-Werk in Lübeck braucht nicht erst vorgestellt zu werden; diese Fabrik ist – weitbekannt, und es ist h übsch, vom Fenster des höchsten Baues auf das Fabrikgelände hinabzusehen, wobei man dann mühelos aus den Formen der Dächer und Wände der Werkstatt- und Bürohäuser ablesen kann, wie das Werk wuchs und gedieh. Da ist ein Stück bescheidenes Biedermeier: das war, als der Großvater des heutigen Besitzers, arm, doch ideenreich, mit Sauerstoffanlagen für die Bierwirtschaften beschäftigt war, und seither ist Sauerstoff der nervus rerum dieser Fabrik geblieben. Da ist der Stil der brustgeschwellten Gründerjahre, jener Zeit der großen Exportgeschäfte, da man unter anderem entdeckte, daß Sauerstoff nicht nur gut fürs Bier sei, sondern daß man mit Sauerstoff die dicksten Stahlbalken zerschneiden könne. Da ist dann auch die neue Sachlichkeit, die weite Fenster und glatte, helle Wände liebte. Wie werden die nächsten Anbauten aussehen? Werden es, wie heute üblich, auch zukünftig noch Baracken Sein? Noch immer steht das Sauerstoffgerät im Mittel-

punkt der Produktion, das in den Bergwerken Hilfe bei Unglücksfällen überhaupt erst ermöglicht. „In unserer. Produktion ist dieses Gerät sozusagen der ruhende Pol in der Erscheinungen Flucht“, hat einer der Ingenieure gesagt. Aber schon jene Abteilung, in der Taucherhelme und Taucheranzüge hergestellt werden (wofür, die nötige Gummimenge heranzuschaffen fast unmöglich ist), ist eine Sache der Konjunktur, wenn auch, da so viele Schiffe mit ihren Kostbarkeiten auf dem Grund liegen, wohl noch lange eine aussichtsreiche Sache. Ferner hat das Dräger-Werk, das in der Herstellung medizinischer Instrumente – besonders jener-Geräte, wie sie der Zahnarzt braucht – ein weites Feld neu gewann, einen Apparat zur Narkose durch Lachg l entwickelt, wohl eine ähnliche Vorrichtung wie sie in England, zumal, in den Entbindungsheimen, üblich ist. „Man müßte Dinge produzieren“, erklärte Dr. Dräger, „die wenig Rohstoff und ein Höchstmaß: an Präzision der Fertigung verlangen. Denn Rohstoff haben wir nicht. Aber wir verfügen in Deutschland noch immer über ein hohes Maß handwerklichen Könnens.“ Diesem Gedanken kommt offenbar die Fabrikation medizinischer Instrumente entgegen. Und ein anderes Mal erklärte Dr. Dräger, es komme darauf an, die Fabrikationsmöglichkeit sozusagen geschmeidig zu halten. Nicht unbeholfen, nicht entmutigt zu sein, und bei aller Spezialisierung im einzelnen doch wendig genug zu bleiben, die Produktion umzustellen, sofern eine Chance darin liegt, gleichgültig, wie lange sie dauert. „Unsere Väter hätte das nervös gemacht; wir müssen uns daran gewöhnen, ob wir wollen oder nicht.“

So kommt es, daß das Dräger-Werk, das eigene Druckmesser für seine Sauerstoffapparate entwickelte, heute längst in der Lage ist, Druckmesser aller Art für andere Produktionen zu liefern. (Die einzige Druckmesserfabrik wahrscheinlich, die es in der britischen Zone gibt.) So kommt es, daß Dräger heute sogar – Schuhe fabriziert. Eine Art strapazierfähigen Stoffes war vorhanden. Damit dieses Material nicht nutzlos verkäme, hatte man begonnen, eine leichte Fußbekleidung für den Sommer zu machen, und so ist dann eine reguläre Schuhfabrikation zustande gekommen. Durch gewisse Patronen, die zu dem Drägerschen Sauerstoffgerät gehören, auf chemisches Gebiet gewiesen, gehen ferner heute allerlei Versuche in einer Richtung, die es morgen vielleicht möglich machen, daß dieses Werk auch Nährmittel, wie Nudeln, fabriziert.

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