Warum ist die Unterrichtung der Öffentlichkeit über die Vorgänge auf ernährungswirtschaftlichem Gebiet, speziell über die Lebensmittelzuteilungen, so widerspruchsvoll und unpräzise? Offenbar liegt das an den durchaus verworrenen Verantwortlichkeitsverhältnissen. Den deutschen Verwaltungsstellen ist, für die wirtschaftlich vereinigten Westzonen, zwar die sogenannte Exekutive eierlich übertragen worden, Aber die Besatzungmächte haben sich die Bemessung der Rationssätze vorbehalten. Sie ordnen also an, was verteilt werden soll; sie liefern Getreide, soweit die deutsche Eigenproduktion nicht ausreicht, und sie überlassen es der Verwaltungskunst der deutschen Dienststellen, die verlangten Mengen an anderen Erzeugnissen (insbesondere also an Fleisch und Fett) aufzubringen und zu verteilen. Auslandszuschüsse gibt es für diese Produkte, nicht.

Das Zweizonenamt für Ernährung und Landwirtschaft in Stuttgart hat somit praktisch keinen Einfluß auf die Dispositionen, die für die Versorgung mit Getreide und Nährmitteln von britischer und amerikanischer Seite getroffen werden, sobald die aus eigener Produktion stammenden Vorräte (wie das jetzt bereits der Fall ist) knapp werden, und ein wesentlicher Teil der Rationen aus überseeischen Zufuhren entnommen werden muß. Für die Versorgung mit allen übrigen Lebensmitteln ist das Amt an die Weisungen der Besatzungsbehörden gebunden, die es zu erfüllen hat, soweit es eben praktisch geht. Hier ergibt sich nun die weitere Schwierigkeit, daß die Versammlung der acht Landwirtschaftsminister der vereinigten Zonen, die als „Ernahrungs- und Landwirtschaftsrat“ die oberste Instanz für beide Zonen abgibt, zwar beschließen kann, daß sie aber danach auf den guten Willen der einzelnen Länder angewiesen ist, also die Durchführung ihrer Beschlüsse gegenüber einem Landes-Ernährungsminister nicht erzwingen kann, der sich säumig zeigt und die von seinem Lande verlangten Mengen nicht herausgibt.

Als „ausführendes Organ“ hat das Stuttgarter Amt, das, wie bekannt; unter Leitung des früheren Reichsministers Dr. Dietrich (Stellvertreter: Dr. h. c. Schlange-Schöningen) steht, laut Satzung die alleinige Befugnis, die auszugebenden Lebensmittelsätze über Presse und Rundfunk zu verkünden. Aber das beschließende Gremium, der Rat der acht Landwirtschaftsminister, hat – um das Zweizonenamt nicht „zu stark“ werden zu lassen – den unerhört weisen Beschluß gefaßt, daß Dr. Dietrich in seinem Amte keine Pressestelle und keinen Pressereferenten haben darf... So ist dies Amt in seinen Publizitätsaufgaben schwer gehandikapt. Und praktisch kommt es darauf hinaus, daß Tagespresse und Rundfunk nicht einheitlich von Stuttgart als mit den Nachrichten über die beabsichtigten Rationssätze versorgt werden, sondern von den einseinen Landesministerien und Landeswirtschaftsämtern, und auch von britischen und amerikanischen Dienststellen. Daß deren Pressepolitik nicht immer ganz glücklich ist, zeigt die Tatsache, daß mehrfach von Äußerungen alliierter Offiziere berichtet wurde, die – in klarem Widerspruch zu den längst allgemein geläufigen Erkenntnissen der Ernährungsphysiologie – die Versorgung mit Fett als nicht lebenswichtig bezeichneten und die Beigabe von Fett zur täglichen Kost nur aus Gründen des Wohlgeschmacks gelten lassen. wollten,

Als recht wenig, glücklich ist es auch außerhalb Bayerns empfunden worden, daß der zuständige Münchner Minister, Herr Baumgartner, gemeinsam mit dem aus früheren Zeiten hinlänglich bekannten Bauernführer Horlacher, gegen die „britische“ Ernährungs-Zonenpolitik polemisiert hat Tatsache ist ja doch wohl, daß Bayern die sehr weitgehende Beschäftigung seiner Industrie den seit Mitte 1945 regelmäßig laufenden Lieferungen an Ruhrkohle verdankt; Tatsache ist, daß Bayern, seine Zuckerrationen aus der britischen Zone erhält; Tatsache ist auch, daß die Lebensmittelerfassung in Bayern vielfach nicht mehr funktioniert, was insbesondere daraus, ersichtlich ist, daß man in den ländlichen Bezirken (zumal Niederbayerns) fast alle Lebensmittel „markenfrei“ (und zu verhältnismäßig niedrigen Preisen) kaufen kann. Und Tatsache ist schließlich, daß Herr Baumgartner an dem in Stuttgart gefaßten Beschluß mit beteiligt war. daß Bayern, im Austausch gegen Zucker, nach der britischen, Zone jetzt Fleisch und Fett liefern soll. Es mag den Bedürfnissen einer demagogisch gefärbten Parteipolitik entsprechen, wenn sich Baumgartner und Horlacher bei ihren Wählern und Anhängern auf billige Weise mit der Formulierung populär machen, daß man es ablehne, sich von den Norddeutschen als „doofe Bauern“ ansprechen und behandeln zu lassen. Einer Verantwortungsbewußten Zusammenarbeit der deutschen Gebiete aber dienen solche Äußerungen, die vom wahren Geist der Demokratie noch unendlich weit entfernt sind, freilich nicht. So wird nur Mißstimmung und-allgemeines Mißtrauen geschaffen.

Um allmählich zu einem Abbau dieser stimmungsmäßigen Momente zu kommen, die alle menschlichen und politischen Beziehungen in unserm Lande so ungemein belasten und die eine seit Jahr und Tag andauernde Hungerkrise noch weiter erschweren, ist unendlich viel zu tun. Zunächst wird es notwendig sein, mit allem Nachdruck dafür zu sorgen, daß die rückständigen Lieferungen auf „alte“ Lebensmittelkarten nun endlich erfolgen. Getreide ist in den Lagern der Häfen genügend vorhanden, und von der Eisenbahn Verwaltung wissen wir, daß nicht etwa Transportschwierigkeiten als Ursache für die mangelnde Belieferung von Rheinland und Ruhrgebiet verantwortlich gemacht werden können. Also können nur verfehlte Dispositionen (und Kohlenmangel bei den Nährmittelfabriken und Mühlen) schuld an dem Auflaufen der Fehlmengen sein. – Der zweite Punkt ist, daß die Besatzungsmächte mit allem Nachdruck auf die einzelnen Länder einwirken, damit gemeinsam gefaßte Beschlüsse über die gleichmäßige Verteilung der vorhandenen Vorräte auch ordnungsgemäß durchgeführt werden, und das Gebiet der zwei. Zonen eine wirkliche Notgemeinschaft bildet.

Ebenso wichtig ist. daß nun die Rationssätze einheitlich für längere Zeit festgesetzt werden, und das in einer Höhe, die auch durchgehalten und voll erfüllt werden kann. Zusagen, die nicht eingehalten werden, wirken verbitternd, und Ankündigungen von verbesserter Versorgung, die groß plakatiert werden, während gleichzeitig erfolgte Abstriche. – wie etwa in den Milch- und Fettrationen für Kinder – nicht entsprechend – angekündigt worden sind, werden von den Betroffenen als eine Art Verhöhnung empfunden. Vor allem sollten, die Besatzungsbehörden das Zweizonenamt nicht dazu zwingen, daß es, damit nur „auf dem Papier“ die zugesagte Kalorienmenge erhalten bleibt, Lieferungen an Fett, Fleisch, Zucker usw. ankündigen muß, die bei der jetzigen Vorrats- und Erfassungslage gar nicht beigebracht werden können –

Für die weitere Zukunft ist eine Reform der Erfassung nötig, für die bereits seit langem brauchbare Vorschläge vorliegen. Danach soll der Bauer bestimmte Mengen an Getreide, Milch und Fleisch liefern; es soll ihm aber, darüberhinaus, überlassen bleiben, wie er seine in „Getreidewerteinheiten“ bemessene Gesamtverpflichtung nun im einzelnen ausführt, ob er mehr Milch, mehr Ölfrüchte, mehr Gemüse abgibt. Eine gewisse Freiheit in seinen Wirtschaftsdispositionen muß ihm zugebilligt werden, und ebenso eine gewisse Freiheit in der Verwendung der über das Ablieferungs-Gesamtkontingent hinausgehenden Erzeugung.

Endlich wird ja nun auch, wie eine Anweisung der Besatzungsmächte an das Stuttgarter Zweizonenamt besagt, die Frage eines Produktionsprogramms akut. Daß ein solches Programm bisher noch nicht existiert, erscheint uns als ein schweres Versäumnis. Entschuldbar ist allenfalls, vom Standpunkt der Herren Dietrich und Schlange-Schöningen, daß bisher so stark ins einzelne gehende Anweisungen der Besatzungsmächte für die Gestaltung der Produktion vorgelegen haben, daß kein Bewegungsspielraum für ein eigenes Programmm blieb. Auch jetzt noch Wird von alliierter Seite eine gebundene Marschroute aufgestellt. Wieder handelt es sich um Grünlandumbruch, Rinderabschlachtungen, Verringerung des Schweinebestandes. Das ist alles sehr einfach gesehen – zu fragen wäre nur, ob es den Auffassungen unserer Betriebswirtschaftler entspricht; und den deutschen Möglichkeiten gerecht wird. Nach unseren Informationen scheint das nicht der Fall zu sein vielleicht ist auch das letzte Wort hierüber noch nicht gesprochen. Denn die Landwirtschaftsfachleute der Besatzungsmächte werden ja wohl nicht die Absicht haben, die deutsche Erzeugung in einer Über-Zwangswirtschaft verkümmern zu lassen, wenn bei einer etwas freiheitlicheren Planung und Lenkung ein Mehr an Produktion zu erzielen wäre dank einer Aktivierung, von Selbstverantwortung und eigener Initiative, in der Verwaltung sowohl wie im einzelnen landwirtschaftlichen Betrieb. Um das allgemeine Mißtrauen abzubauen, wird man auch hier weniger reglementieren als diskutieren müssen. Georg Kessel.