Auf der Buchausstellung in Bielefeld waren die Auslagetische der deutschen Buchproduktion aller vier Zonen seit der Kapitulation gewiß nicht überladen. Aber es wimmelte von schmalen, bescheidenen Heftchen, die mit Lyrik aller Sorten gefüllt sind. Wir wissen; darunter ist so Bedeutendes wie Bergengruens „Dies irae“ verborgen, aber auch Kränze, nein, Girlanden erstaunlicher Gänseblümchen, die den ersten Friedensfront benutzten, um in den knapp bemessenen Papiervorräten zu wuchern. Rudolf Treichler ist einer der Namen, wert vergessen zu werden, und man sieht nicht ein, warum der Stahlberg-Verlag in Karlsruhe die so versgeschichtlich bewährte Schmiedekunst dem Hammer der Kritik ausliefert. So dichtet Herr Treichler über den Krieg: „Hast du nicht Frieden in dir, alles erschreckt dich...“Anneliese Redlich wiederum läßt ihre ausgewählten Gedichts im Aegis-Verlag in Ulm erscheinen und widmet sie, mit einem zwanglosen Kopfbild, Lindau und dem Bodensee. Diese Idylle am Bodensee weidet sich in ertragreichen Gemeinplätzen, allwelche „mit herbstlich reifen Händen“ gepflückt werden:

Nichts gegen die Dichter! Aber diesmal gegen die Verleger. Quousque tandem, fragt der Papierverantwortliche. Wilhelm Tidemans „Sonette eines Deutschen“, werden vom Walter Dom-Verlag und bei Ellermann (Hamburg) gedruckt: Ellermann drückt nobel und satztechnisch überzeugend, der Dom-Verlag entzaubert die Verse in einer Broschüre, die ebensogut für ein Steuergesetz bestimmt sein könnte: Nichts gegen die Dichter – zumal Tideman ein Dichter von hohen Graden ist. Aber über den Geschmack wäre manches zu sagen. Johannes Büchners „Gesänge des Menschen“ (Schwann-Verlag) erreichen nicht die lyrische Feinheit der Hoyerschen Gedichte in dem gleichen Verlag. sind aber sprachlich kultiviert. Doch fehlt die gehaltliche Tiefe. Es ist der Geist, der sich den Körper baut. Am überzeugendsten bleibt Martha Saalfeld, die in bildhaft erlebten Versen „Deutsche Landschaft“ besingt (Drei Eulen-Verlag, Düsseldorf). „Gelinde – beginnt die Nacht, versammelnd das Gesinde“.

Der Verlag Marion von Schröder in Hamburg legt Johannes Pfeiffers „Anfechtung und Trost im deutschen Gedicht“ wieder auf, und Gedicht für Gedicht, Anordnung und Nachwort des wesentlichen, gründlichen und lauteren Kenners unserer Poesie bleiben nur mit einem vorbehaltlosen „Placet“ gegenzuzeichnen. Denn das Buch handelt, allein vom Fug und irdisch rechten Maß der Dichtung. Egon Vietta