Von Franz Mühlen

Mittelpunkt und Herzstück des Prinzipalmarktes zu Münster ist das mächtige Rathaus, von dem nur noch die Mauern stehen, eines der bedeutendsten Zeugnisse der klassischen Gotik gewesen. Erst in großem zeitlichem Abstand folgten die Giebel der Patrizierbauten ringsum, die trotz der Mannigfaltigkeit der Formen und trotz der großen zeitlichen Verschiedenheit im Nebeneinander von Spätgotik, Renaissance und Barock bis zum Klassizismus eine seltene Einheitlichkeit wahrten, weil sie alle in den Proportionen aufeinander Rücksicht nahmen und einheitlich in heimischem Sandstein oder als verputzte Ziegelbauten errichtet worden waren. Zwar hatte jedes Jahrhundert in der Formensprache seiner Zeit, also durchaus „modern“, gebaut, und doch reihte sich jedes Haus harmonisch in das zeitlose Bild dieses Marktes, ein. Erst dem späten 19. Jahrhundert war es .vorbehalten geblieben, mit der Kopie älterer Fronten die Einheit zu sprengen, weil man nun. einen „Stil“ nachmachte, es aber nicht mehr für nötig hielt, sich den Proportionen und dem Material der Nachbarhäuser anzupassen. Was blieb von alledem übrig?

So wie der Dom des Bischofs, die Bürgerbauten und Pfarrkirchen, das Schloß und die Adelshöfe der Residenz des fürstbischöflichen Absolutismus vernichtet wurden, so wurden vom Luftkrieg auch der Prinzipalmarkt, Roggenmarkt und seine Fortsetzung. die Bogenstraße, schwer getroffen. Damals schon wurden die Schuttmassen der ineinander gesunkenen Bauten weggeräumt, ungeachtet des bedeutsamen Wertes ihrer steinernen Fronten. Als dann der Rathausgiebel und der prächtige Sentenzbogen des Stadtweinhauses, eine hervorragende Steinmetzarbeit des frühen 17. Jahrhunderts, auf der Straße lagen, da wurden diese wertvollen Sandsteine wahllos zur Seite geworfen. Später durchwühlten Bagger diesen einzigartigen Platz. Dies war das Ende. Nein, muß es wirklich das Ende sein?

Ein Gemenge skulptierter Fialen, Mauerblenden, Säulentrommeln, Kapitelle und Bogenstücke, durchsetzt mit Schuttmassen aller Art lag umher, und dieses räumt nun eine große Räumaktion auf. Große Greifbagger beseitigen nun auch dort die letzten Spuren der einstigen Bebauung. So sehr solche Arbeit die Voraussetzung für den Wiederaufbau bildet welche Gefahr für die Reste des alten Münster liegt in so schematisch durchgeführter Räumung! Denn nun ist das ganze Steinmaterial der verschiedenen Häuser zu langen Reihen aufgestapelt, deren äußere Ordnung nur das innere Durcheinander verbirgt. Können diese Steinreste jetzt noch nach ihrer einstigen Herkunft bestimmt werden? Die Steine haben aber nicht nur materiellen Trümmerwert. Sie sind die letzten Dokumente einer Jahrhunderte alten Kultur und Tradition Münsters, die in ihrem bisherigen Erhaltungszustand einmalig für Norddeutschland war. Und daher beanspruchen sie weit mehr als nur örtliche Aufmerksamkeit.

In Münster, und zwar hier, im Kern der alten Stadt, sind heute die ersten Anfänge des Wiederaufbaues schon erkennbar. Sie sind völlig uneinheitlich. Es wird dort gebaut, wo nichts mehr erhalten: blieb. Aber keinerlei Beginn ist dort zu verzeichnen, wo wertvolle Giebel der Häuser gerettet werden könnten. Und dann die Formen! Der eine Neubau präsentiert sich schräg gegenüber den Rathausmauern mit dünnen, roten, viereckigen Pfeilern aus hier völlig fremden Klinkern, darüber legt sich ein waagerechter Betonsturz unter Preisgabe des sonst am ganzen Markt angewandten Bogens, der die einzige in handwerklicher Mauertechnik mögliche Verbindung von Pfeiler zu Pfeiler dargestellt hätte. Durch eine Trümmerstätte getrennt, erhebt sich ein weiterer Neubau, der die Front vorläufig ganz fortläßt und, um Bogenbreite zurückgesetzt, einen provisorischen Abschluß zur Straße bringt.. Auf der Bogenstraße ersteht eine Front von noch nicht fünf Metern Breite über nur einem einzigen Bogen, weil das einstige Haus in der Längsrichtung unter zwei Besitzer geteilt ist, die nicht gemeinsam zum Wiederaufbau kommen. Diese drei Beispiele des blühenden Individualismus stehen im krassen Gegensatz, zur Gesamtanlage dieser Straßen als Gemeinschaftsleistung des mittelalterlichen Bürgertums. Wäre nicht zuerst der Wiederaufbau der noch in namhaften und für das einstige, mittelalterliche Stadtbild charakteristischen Resten erhaltenen Bauten anzustreben? Kann es, fast zwei Jahre nach Kriegsende, verantwortet werden, daß die weniger. erhalten gebliebenen Giebelfronten niedergerissen werden? Sollte man nicht neben den materiellen auch die kunstgeschichtlichen Weite berücksichtigen?

Diese für alle schwergetroffenen – Altstädte grundsätzlichen Fragen sind in Münster im Zeichen der Aufräumarbeiten und der ersten Ansätze eines beginnenden Wiederaufbaus in ein akutes Stadium getreten. Es gilt, von diesem Werk bürgerlicher Baukunst zu erhalten, was eben zu erhalten ist, damit die Schäden nach dem Kriege nicht ebenso schmerzlich werden wie die Vernichtung durch Bombengewalt. Was aus den Trümmern zu retten ist, muß sichergestellt und wieder verwandt werden. Es geht um den Schutz, der Ruinen, der noch vorhandenen Mauern des Rathauses und der Patrizierbauten! Gewiß wird ein baldiger Wiederaufbaubeginn in diesen Fällen nicht möglich sein, jedoch muß eine provisorische Sicherung weiterein Verfall Einhalt gebieten! In Münster wie in anderen Städten wären größere Teile der Innenstadt noch zu retten, träten an die Stelle von Kurzsichtigkeit vernünftige Planung, Aufmerksamkeit und Voraussicht.