Argentinien soll Mexico, Nicaragua und Haiti Anleihen angeboten haben, damit diese Staaten „sich vom Druck des Dollarimperialismus frei machen können“. Eine solche Nachricht ist schwer nachzuprüfen; sie wird im allgemeinen weder bestätigt noch dementiert, hat aber viel Wahrscheinlichkeit für sich. Selbst, wenn sie nicht zutreffen sollte, läßt sie zumindest erkennen, was man heute Argentinien als Kapitalmacht zutraut.

Argentinien hat diese Kapitalmacht kürzlich dokumentiert, als es 150 Mill. Pfund Sterling als Barzahlung für die im britischen Besitz befindlichen argentinischen Eisenbahnen angeboten hat. Das sind in alte Parität umgerechnet 3 Milliarden-RM. 126 Mill. Pfund werden dabei aus dem Londoner Pfund-Guthaben beglichen, die während des Krieges angelaufen sind. Auch andere. Auslandsschulden hat Argentinien systematisch abgetragen. So wurden Dollarbonds im Wert von 150 Mill. Dollar vor Fälligkeit zurückgezahlt; von der International Telephone and Telegraph Company wurden für 96 Mill. Dollar Telephonanlagen übernommen; auch wurden im französischen Besitz befindliche Eisenbahnen zurückgekauft. Argentiniens Schulden gehören der Vergangenheit an. Die noch verbliebenen Auslandsanlagen sind als die üblichen eines normalen internationalen Geschäftsverkehrs anzusehen.

Die Notenbank weist außerdem Gold- und Devisenreserven von 5,6 Milliarden Pesos, etwa 350 Mill. Pfund, aus. Es ist also für Argentinien eine Kleinigkeit, den noch offenen Restbetrag von 24 Mill. Pfund für die Eisenbahnen an Großbritannien zu zahlen und durch Kredite sein Ausfuhrgeschäft zu erleichtern. Aber es ist anderseits zu beachten, daß sich diese 5,6 Milliarden Pesos wie auch die argentinischen Guthaben in London von 126 Mill. Pfund vorwiegend nur deshalb angesammelt haben, weil Argentinien während des Krieges infolge des Warenmangels viele Erzeugnisse am Weltmarkt nicht kaufen konnte und somit die Einfuhr hinter dem Notwendigen zurückblieb. Diese unterlassene Einfuhr an Rohstoffen und Maschinen muß jetzt nachgeholt werden, was nach einer britischen Schätzung 5 Milliarden Pesos erfordert. Auch muß Argentinien als Agrarstaat mit erheblichen zahlungsbilanzmäßigen Schwankungen rechnen. Schlechte Ernten oder ungünstige Absatzmöglichkeiten können das heute noch vorteilhafte Bild der Zahlungsbilanz plötzlich ändern,

Die Zentralnotenbank denn auch neuerdings die Devisenkontrolle eingeführt, während bisher die Devisengenehmigung automatisch erfolgte: Für den Peso bleiben vier verschiedene Kurse: ein Vorzugskurs, ein Normalkurs, ein Zwischenkurs und ein Lizitationskurs, um die Einfuhr unterschiedlich zu belasten und somit zu lenken. Die Ausfuhr wird entsprechend begünstigt oder erschwert. Diese Devisenbewirtschaftung erklärt sich weniger daraus, daß sich Argentinien noch nicht stark genug fühlt, um die völlige Freiheit im Verkehr mit dem Ausland wiederherzustellen, sondern eher daraus daß der Aufbau der argentinischen Wirtschaft so planmäßig wie möglich erfolgen soll; aber immerhin wird eine Devisenkontrolle trotz der hohen Gold- und Devisenreserven noch für notwendig gehalten,

Hinter dieser Schutzmauer der Devisenkontrolle kann Argentinien seine Devisenreserve und seinen Kapitalreichtum zur Förderung seiner Ausfuhr einsetzen. Der erste große Nutznießer war Spanien im Dezember vorigen Jahres mit einer Anleihe von 400 Mill. Pesos, die bei. einer Laufzeit von 25 Jahren 3 3/4 v. H. kostet. Einige Tage, später, erhielt die Tschechoslowakei eine Anleihe von 50 Mill. Pesos zugesprochen. Weitere Anleihen werden erwartet. Unter den vielen Ankündigungen... und Gerüchten ist die einleitend wiedergegebene Meldung am interessantesten; denn sie läßt die Tendenz erkennen, daß Argentinien die Waffe des Kapitals und des Goldes für politische Zwecke einsetzen und so seine Stellung in Lateinamerika ausbauen und festigen will; drgr.