Von Hans Hajek

Ja, ich weiß es wohl: meine liebe zu Hamburg wirdniemals in den legitimen Stand der Ehe treten, sie wird in der unbeständigen und unzuverlässigen Verfassung häufig wiederkehrender Verliebtheit bleiben. In ihr zu wohnen, dafür liegt sie mir zu nördlich; die kühle Zurückhaltung ihrer Bewohner immer aufs neue zu überwinden und die harte Eisschale um die Herzen ihrer Eingeborenen bei jeder neuen Begegnung aufzutauen, dazu mangeln mir überschüssige Kraft und Wärme. Ich habe kein niedersächsisches – und kein hanseatisches Blut in den Adern, und daher kann ich Hamburg von innen her nicht verstehen wie einer, der einfach dazugehört, und ich bin leider auch nicht leichtlebig genug, um es von außen heiter und überlegen zu nehmen. Meine Liebe zu dieser Stadt und ihren Menschen kommt aus dem polaren Gegensatz des Andersartigen, aus einem aber in vollkommener Zustimmung sich verbeugenden Erkennen, daß man auch so leben könne und daß es schön sein müsse, so zu leben, wie die Hamburger es tun; wie vielleicht ein Hamburger seinerseits, in den Kulturkreis des alten Österreich eintretend, ganz ebendiese Empfindung in sich entdecken könnte, ohne auch nur mit einem Atemzuge wirklich so leben zu wollen und so denken zu wünschen, wie wir Menschen des Österreich von vor 1918 nun einmal lebten und dachten und immer leben und denken müssen nach unserm Daseinsgesetz.

Also möchte auch ich um keinen Preis der Welt etwas anderes sein, als ich nun einmal bin; aber wenn ich die große, schöne Stadt an der Niederelbe besuchte, war ich jedesmal neu begeistert: über den ersten Blick von der Lombardsbrücke herab; über die zarte Symphonie in Grau des Hafenbildes, das stündlich anders aussieht und am schönsten an einem Hamburger Sonnentag, den ich in seinem Seltenheitswert ganz mitzugenießen weiß. Wenn ich überhaupt zu ihnen vorgedrungen bin, war ich auch immer aufs neue überrascht, beeindruckt und angezogen von dem Hamburger Menschen, ziemlich gleichgültig, ob es Mann oder Frau, ob es Kaufmann oder Arbeiter, Chef oder Angestellter sein mochte. Ich spürte: hier ist wirkliche Demokratie ohne viele und große Worte; hier ist würdige und seiner selbst sichere Tradition, nicht nur in der imponierenden Gelassenheit, mit der die Hausfrau bei Tisch präsidiert; schweigsame, aber selbstverständliche Mitarbeit an dem Stadtstaat mit allen Kräften und mit aufrichtigem Dabeisein. Wer wollte leugnen, daß es auch hier Faulpelze gibt, Großsprecher, machtbetrunkene Bonzen, erschrecklich dumme Puten und andere lächerliche oder ärgerlichmachende Leute? Aber bestimmen sie denndas Antlitz dieser Stadt? –

Meine eigene Heimat ist nahe der Küste von Böhmen, wie Shakespeare sagen würde und der dafür viel Hohn von pedantischen Schulmeistern und Geographen hat hören müssen. Leider komme ich drei Jahrhunderte zu spät, um zu bezeugen, daß eine meiner liebsten Kindererinnerungen der Geruch von Teer ist und der Anblick von Schiffen. Ich hätte damals leicht die heimatliche Elbe hinabreisenkönnen, aber ich tat es nicht, und erst später, nach manchen Umwegen und mehreren Jahrzehnten, bin ich nach Hamburg zu Besuch gekommen. Und mein erstes Abenteuer war ein Hamburger Frühstück, das ja nicht wie anderwärts eine flüchtige Quantité négligeable, sondern ein solides und tüchtiges Stück Arbeit bedeutete. Erinnere ich mich doch aus meiner Berliner Studentenzeit, daß wir, mein Vetter und ich, einmal zwei Hamburger Kaufleuten beim Mittagessen zusahen, zweiein-– halb Stunden hindurch, und daß es uns, ferne allem Neid und aller Mißgunst, ein sehenswerter und erstaunlicher Anblick war.

Im Wiedernachdenken über den damaligen ersten Weg durch Hamburg finde ich es noch immer schön, daß die Fahrt bis vor dem Rödingsmarkt unter der Erde ging; nicht weil die innere Stadt nichts für mich Schauenswürdiges, Ergreifendes, Großartiges gehabt hätte, sondern Wegen der zielbewußten Hinlenkung auf den Kern, aus dessen Leben allein Hamburg begriffen werden kann: auf den Hafen. Dort lag an jenem Tage der Südamerikadampfer „Cap Norte“ am Pier, der nach Uruguay und Argentinien ausfahren sollte. Auf dem Wege vom Baumwall zum Anlegeplatz und wieder zurück über Vorsetzen zu den Landungsbrücken wurde mir, an Speditionskontoren, Läden für Seemannsausrüstung und Hafenkneipen vorbei, plötzlich ganz klar, daß es Amerika, Afrika und Australien, wirklich gibt. Bisher hatte – ich diese phantastischen Länder nur für eine böswillige Erfindung meines Geographielehrers und für tolle Ausgeburten einiger Romanschreiber gehalten.

Realistische Leser und welcher Hanseat wäre kein Realist – werden mich schon längst wehmütig unterbrechen wollen, um mir zu sagen, daß diesesHamburg heute nicht mehr da ist, daß die Stadt zerstört ist, der Häfen verödet, die Werften zerbombt und gesprengt, die großen stolzen Dampfer abgewrackt, dem siegreichen Gegner überliefert oder längst bei den Fischen. Ich weiß es wohl. Und ich bin -traurig darüber. Ich weiß noch mehr: daß in Hamburg der Hunger herrscht wie in ganz Deutschland, die große Müdigkeit und die Verzweiflung. Aber welcher Hamburger, der vom Blankeneser Süllberg die Flut auflaufen sieht, weiß nicht doch im Innersten, daß Hamburg wieder sein. wird, ob er, selbst es erlebt oder nicht? Die Elbe ist da und die Straße da hinaus ist da, die ganz eigentlich in Hamburg erst sich ihrer länder- und völkerverbindenden Bedeutung bewußt wird. Soll diese Stadt keine Aufgabe mehr haben? Es gibt wenige Städte in Deutschland, in denen der Nationalismus so flach nur, so unsicher Wurzel gefaßt hatte wie in den alten Hansestädten; man wußte dort immer zu gut; daß Handel und Wandel. Wirtschaft und wahrhaft große Politik ihr Leben zwischen den Völkern haben. Weder Wilhelm II. noch Hitler hat diese Städte geliebt; sie waren ein fremdes Element für die engstirnige Anmaßung einer Nation, die Totalität der Menschheit in sich allein zu verkörpern. Und Hamburg sollte jetzt, da allenthalben von Demokratie, von Völkerverständigung, von neuer Weltwirtschaft gesprochen wird, nicht mehr Hamburg sein dürfen?