Zum Problem der Mikrophotographie

Von Karl Georg Heise

Wenn im Zentrum schwere Störungen entstanden sind, blüht es an den Randgebieten; Wir müssen unser Auge beweglich halten und es nicht beharrlich nur dorthin richten, wo früher die großen Meisterwerke entstanden sind; aus unerwarteten Regionen kommt helfende und beglückende Einsicht. So sind wir betroffen von der zeitnahen Bedeutsamkeit der technisch hervorragend gemeisterten Mikro-Aufnahmen des Gebrauchsgraphikers Carl Strüwe aus Bielefeld, die zur Zeit in der Kunsthandlung Hauswedell in Hamburg -ausgestellt sind. Hat der Potograph dies Wunder bewirkt? Sind wir selber aufnahmebereiter geworden für diese dem menschlichen Auge sonst verborgenen Formenwelten? Und warum sind wir es? Probleme der Grenzgebiete drängen beunruhigend auf uns ein. Sind dies nicht künstlerische Leistungen hohen Ranges? Aber kann denn durch Handhabung eines technischen Apparates Kunst entstehen? Und dann die andere, fast noch bedrängendere Frage: können Naturformen als solche ohne die umprägende Kraft – eines menschlichen Bildners, Rang und Charakter eines Kunstwerkes haben? Wir müssen behutsam vorgehen bei der Beantwortung, denn es handelt sich um wesentliche Einsichten.

Um das Grundsätzliche gleich unmißverständlich vorauszunehmen: Photographie ist nicht Kunst, ist es niemals, unter gar keinen Umständen. Und: die Werke des allmächtigen Schöpfers, die Werke der Natur, lassen sich niemals gleichsetzen mit den Werken des schöpferischen Menschengeistes. Sie sind mehr und sie sind weniger, vor allem aber: sie sind etwas grundsätzlich Verschiedenes. Erstnachdem wir dies festgestellt haben, dürfen wir von neuem zu fragen versuchen, wo Photographie an die Bereiche des Künstlerischen anzugrenzen vermag und was Naturbild und Kunstform bei aller Gegensätzlichkeit dennoch Gemeinsames haben können, wie sie sichzueinander verhalten.

Warum die Photographie, auch von einem künstlerischen Menschen gehandhabt, niemals den Rang der frei schöpferischen Künste erreichen kann, das ist einfach zu begründen: eben deswegen nicht, weil Lessings berühmtes Beispiel daß Raffael, wäre er ohne Hände geboren, auch dann einer der größten Maler gewesen wäre – weil dieses Beispieleinfach falsch ist. Bei aller echten Kunstübung ist das tatsächliche Machen, die durchaus individuelle Ausführung, ebenso wichtig wie die Konzeption, beides zusammen erst, Erfindung und Ausführung, ergibt die Vollwertige künstlerische Leistung. Von einer der beiden Komponenten allein können wir wohl künstlerische Anlagen ablesen, niemals aber von ihr ein vollkommenes Kunstwerk erwarten. Der nur Ausführende, derjenige also, der nach fremdem Vorbild noch so einfühlend und vortrefflich zu arbeiten versteht, ist auch dann, wenn er ein künstlerisch empfindender Mensch ist, in diesem Falle kein Künstler im eigentlichen Sinne, ebenso wenig wie der Mensch mit künstlerischer Phantasie, ohne daß er das Erfinden auch konkret zu realisieren versteht. Auge und Hand machen den Künstler, nicht eines allein.

Die Ausführung beim Kamerabild aber ist ein technischer Vorgang. Strüwe, der Photograph, ist ein Meister dieser Technik, aber das ist und bleibt auch darin eine handwerkliche Leistung, wenn der künstlerisch begabte Maler und Graphiker Strüwe. sie hervorbringt. Damit allerdings ist die Gesamtleistung noch nicht vollständig beurteilt. Es kommt noch eine wichtige Erkenntnis hinzu: für das Gesamtphänomen einer guten Photographie ist es nicht gleichgültig, ob ein künstlerisch Empfindender oder ein Amusischer sie handhabt. Er braucht nicht malen und zeichnen zu können, aber wenn die vorbereitende Arbeit einen mit künstlerischer Konzeption begnadeten Menschen verrät, so vermag das durchaus das handwerklich ausgelöste Ergebnis beträchtlich in seinem Werte zu steigern. Dafür sind die hier gezeigten Arbeiten von geradezu beispielhafter Bedeutung. Es steckt in diesen photographischen Aufnahmen mikroskopisch gesehener Teilstücke der Natur eine künstlerisch vorbereitende Arbeit, die das so ungemein fesselnde Resultat wesentlich beeinflußt und wertmäßig erhält. Vergleichen wir ähnliche Aufnahmen, die unter rein naturwissenschaftlichen Gesichtspunkten gemacht worden sind, so wird das ohne weiteres deutlich. Strüwe hat unter Zehntausenden von Objekten, die ihm das Mikroskop zugänglich machte, gewählt und wieder gewählt, hat gelegentlich sogar die Präparate selbst hergestellt. „Manche Objekte“, so schreibt er, „sind nur durch Bastelarbeit mit winzigen Reflektoren oder Scheinwerfern zu bewältigen; aus der ungeheuren Menge von Formen in einem Präparat die bildhafteste und die ganze Quintessenz gebende Form oder Formgruppe zu finden, fordert oft große undmühsame Hingabe“ – eine Hingabe und Einfühlung, dürfen wir hinzufügen, deren ein unkünstlerischer Mensch schlechterdings unfähig ist. Vor den Objekten selbst können diese Andeutungen von dem Anschauenden beliebig erweitert werden und das erst bringt uns zur rechten Bewertung dieses glänzenden Zusammenspiels von künstlerischer Anschauung und handwerklicher Leistung.

Ein Randgebiet der Kunst also, aber von diesem äußersten Rande her wächst uns entscheidende Erneuerung zu. Überraschendund, wie zugegeben werden soll, zunächst geradezu verwirrend ist der Eindruck, wie sehr diese mikrophotographischen Meisterwerke den Versuchen unserer abstrakten Maler und Zeichner nahezukommen scheinen. Damit sind wir beim zweiten Problem: Kunst und Natur. Naturform ist an sich noch keine. Kunstform, daran müssen wir festhalten. Aber auch etwas anderes müssen wir uns wieder stärker als bisher ins Bewußtsein rufen: ohne Verbindung mit der anschaubaren Natur ist kein echtes Kunstwerk möglich; immer und unter allen Umständen ist Kunst Spannung zwischen Natur und formendem Menschengeist. Gerade das ist es ja; was die Gegner der abstrakten Malerei uns so gern als letzten Trumpf ihrer Ablehnung entgegenzusehendem belieben: hier, so sagen sie, hat der Intellekt sich selbständig gemacht und hat den Boden, unter den Füßen verloren. Wäre es wirklich so, sie hätten mit ihrer Verurteilung recht. Es ist indessen das Geheimnis des schöpferischen Genius, daß er diese Verbindung mit dem Naturvorbild gleichsam auch auf unirdischem Wege, das Auge nach innen gewendet, mit dem ahnenden Sinn für die wesentlichen konstruktiven Zusammenhänge der Naturformen, zu gewinnen versteht. Beim Anblick dieser Photographien wird man bestürzt der Vielfalt der Möglichkeiten inne werden, die die Natur selber an rhythmischer und konstruktiver dynamischer und lösender, frei schwingender und dicht verwebender Formkraft; bereit hält. Der Künstler unserer Tage also, der Ähnliches nicht nachahmt, sondern frei erfindet, ist dem schöpferischen Geiste der Natur, von dem er sich ungestraft niemals lösen darf, viel näher verwandt, als der oberflächliche Beurteiler das nachzuempfinden vermag. Freilich, das über den Umweg dieser Mikrophotos zu begreifen bedeutet den Weg über eine Notbrücke. Der freier und rief er empfindende moderne Kunstbetrachter wird ohne sie herausfühlen, wann ein abstraktes Kunstwerk nur intellektuelle Spielerei ist (unddergleichen gibt es übergenug), wann es zur magischen Tiefe der Urphänomene herabreicht, also von den verborgenen Kräften der Natur selbst seine schöpferischen Antriebe erhält.

Was wir in Strüwes Aufnahmen vor uns sehen, ist nur Rohmaterial, genau so wie eine mit dem natürlichen Auge wahrgenommene Landschaft nie an sich schon Kunst ist, sondern Rohmaterial für die künstlerische Gestaltungskraft des Malers. Aber es ist für uns alle in hohem Maße nicht nur reizvoll, sondern erzieherisch, diesen Anschanungsunterricht durchzuexerzieren. Der Photograph selbst hat das so empfunden, als er in einem Brief die schönen Sätze niederschrieb: „Indem sichtbar würde, wie und mit welcher Selbstverständlichkeit die entschleierte Natur durch und durch konstruktiv, abstrakt und absolut ist; in wie große Verfeinerungen man auch vordringen möge, müßten die angegriffenen Kunstwerke in sinnvollerem Licht erscheinen, müßte mehr als durch Worte erkennbar sein, daß sie nicht anarchisch im luftleeren Raum, sondern mit echter Witterung für Untergründiges geschaffen sind. Den Blick für organische Zusammenhänge schärfen und das Lärmen befangener Formen verstummen machen, dazu könnten meine Aufnahmen vielleicht mithelfen.“ Sie werden es vermögen, davon sind wir überzeugt.