Als im Jahr 1821 in Paris bekannt wurde, daß Napoleon auf St. Helena gestorben war, soll Talleyrand gesagt haben: „Das ist kein Ereignis; das hat kaum noch den Wert einer Nachricht.“ Man könnte versucht sein, in ähnlicher Weise auf die Meldung zu reagieren, daß der Alliierte Kontrollrat durch Gesetz Nr. 46 den Staat Preußen für aufgelöst erklärt hat. Denn auch in diesem Fall wird ein Schlußstrich nach dem politischen Tod gezogen, nach einer „Verbannung“ aus der Geschichte. Preußen als Staat war schon vorher aus der deutschen Politik gestrichen, nicht erst seit 1945, sondern im Grunde schon in den Jahren, in denen sich der totalitäre Machtwahn in Deutschland austobte und jede Eigenart, auch die preußische, „gleichschaltete“

Aber aus der deutschen Geschichte kann Preußen nicht gestrichen werden, und deshalb wäre es unziemlich, mit einem boshaften Wort im Stil Talleyrands von ihm Abschied zu nehmen. Immerhin ist Preußen mehr gewesen als das Werk eines einzelnen Mannes, zu dem man allenfalls noch ganz Ja oder ganz Nein sagen könnte. Der preußische Staat war ein Gebilde von solcher Dauer und solcher Wirkungskraft, daß er sich nicht einfach in einem extremen moralischen Werturteil, noch weniger in einem Mythos einfangen läßt. Der Erkenntnis, wird weit besser gedient, wenn man nach der historischen Funktion fragt, die Preußen innerhalb der gesamtdeutschen Geschichte zukommt. Und da läßt sich gar nicht verkennen, daß der preußische Staat der Weg zum deutschen Staat gewesen ist. Wer nicht nachzuweisen vermag, daß die Deutschen, zum Unterschied von den anderen Völkern Europas, eines Nationalstaates überhaupt niemals bedurften, wer nicht zeigen kann, daß es, einen brauchbareren als den preußischen Weg zum deutschen Staat gegeben hat, der ficht mit seinen grundsätzlich antipreußischen Argumenten an der Geschichte Vorbei.

Es läßt sich nicht leugnen, daß eilt wirklich deutscher Staat nur gegen Habsburg zu begründen war. Das setzte den Aufstieg eines deutschen Partikularstaates zur „zweiten deutschen Großmacht“ voraus, und ein solcher Aufstieg war nur möglich, wenn alles andere dem politischen und dem militärischen Aspekt untergeordnet wurde. Ohne einen Staat der Beamten und Soldaten in einem Teil Deutschlands, ohne „zuviel Staat“ an einer Stelle wäre kaum jemals „genug Staat“ für ganz Deutschland zustandegekommen. Die schädliche Entwicklung begann mit der außerdeutschen habsburgischen Hausmachtpolitik. Preußen mag wegen seiner Einseitigkeit als ein Gegenübel gewertet werden, aber, alles in allem genommen, als das kleinere und deshalb ab ein notwendiges Übel. Die ersten Hohenzollernkönige haben die Szene vom 18. Januar 1871 im Spiegelsaal von Versailles nicht visionär vorausgesehen und nicht bewußt für sie vorgearbeitet. Und diese Szene selbst hat gewiß den Nachteil, daß sie zu viele Fürsten zeigt und zu viele Uniformen. Aber die historische Logik des Weges von 1701 bis 1871 ist unverkennbar. Und jedenfalls ist es nicht nur ein Weg „von Blut und Eisen“ gewesen. Auf ihm liegt die Schaffung eines Staates, der mehr war als .fürstliche Privatsache, einer Verwaltung mit fachlich geschulten, unbedingt zuverlässigen Beamten. Auf ihm liegt nicht weniges an kultureller und sozialer Leistung. Und von dem vielverschrienen „preußischen Militarismus“ kann in dem ganzen Jahrhundert zwischen 1763 und 1864 nicht die Rede sein. Selbst Friedrich der Große und Bismarck hatten begrenzte – vorwiegend innerdeutsche und durchaus nicht „europäische“ – politische Ziele. Beide verstanden es, Ihre Laufbahn mit Friedensjahrzehnten zu beschließen. Das „Dynamische“, der Aufbruch ins Grenzenlose und Maßlose sind so unpreußisch wie nur möglich, und deshalb ist Hitler so unpreußisch wie nur möglich. Das altpreußische „Mehr-Sein-als-Scheinen“, die ganze nüchterne und wortkarge Atmosphäre um den preußischen Staat hat mit dem Nationalsozialismus keinerlei Ähnlichkeit. Und jedenfalls gehören die Jahre unserer neueren Geschichte, deren wir uns am ungetrübtesten freuen können – die Jahre zwischen 1807 und 1813 – zunächst einmal zur preußischen Geschichte. – –

Preußen hat es versäumt, zur rechten Zeit „in Deutschland aufzugehen“. Aus diesem Versäumnis ist das zwei Drittel von-Deutschland verschlingende, ganz Deutschland überwuchernde Groß und Neupreußen entstanden, und mit ihm der unselige Dualismus Reich –Preußen im Bundesstaat von 1871. Es folgte der pseudopreußische neudeutsche Stil der wilhelminischen Epoche mit seinen verhängnisvollen Auswirkungen für Deutschland. Und erst nach der Zäsur von 1890 in der preußisch-deutschen Geschichte erlebte der von deutschen Gewaltideologen geschaffene Mythos vom „Preußentum“ seine eigentliche Blüte. Dieses mythische Preußen wird auch dann nicht zur historischen Figur, wenn man die Vorzeichen ändert und den Götzen mit dem Dämon vertauscht, wie das heute zur billigen Mode wird. –

Jetzt, nachdem Preußen – sehr anders allerdings als es die Liberalen von 1848 erhofften – „in Deutschland aufgegangen ist“, wird die Zeit dafür reif, daß eine preußische Geschichte „ohne Zorn und Eifer“ geschrieben wird: Die pathetischen Töne Treitschkes gehören da nicht hinein und ebenso wenig die geschichtsphilosophischen Machtphantasien Spenglers. Aber wir wollen darin auch nicht lesen, daß man auf ostelbischen Gütern niemals anderes zu tun hatte, als Weltkriege auszubrüten, wie das Tagespolitikern von heute in ihre klassenkämpferischen und bodenreformerischen Taktiken passen mag. Das Ende des preußischen Staates sollte uns Anlaß sein, die preußische Geschichte wirklich zu erlernen, um verstehend aus ihr lernen zu können. – Fr.