Der wirtschaftliche Zusammenschluß der britischen und amerikanischen. Zone wirft u. a. die Frage auf, ob durch die Niederlegung der Zonengrenzen eine Besserung’ der Versorgung der Textilindustrie mit Kunstseide und Zellwolle zu erwarten steht. Ihre Beantwortung hängt nicht nur von der Gliederung, Leistungsfähigkeit und Erzeugungserlaubnis der synthetischen Faserwirtschaft ab, sondern auch von der Sicherheit der Kohlenversorgung und von den Leistungen der Textilmaschinenindustrie vor allem an Reparaturen. Abgesehen davon besteht kein Zweifel, daß sich der Süden und Westen des Reiches in mancher Hinsicht vortrefflich ergänzen.

Im Süden und Westen des Reiches sind vor allem folgende Betriebe ansässig:

Amerikanische Zone: Werke der Vereinigten Glanzstoff-Fabriken, Obernburg und Kelsterbach am Main; Spinnfaser AG, Kassel-Bettenhausen; Süddeutsche Zellwolle AG, Kelheim in Bayern.

Französische Zone: „Lonzona“ AG für Azetatprodukte, Säckingen in Baden; Deutsche Azetatkunstseiden AG „Rhodiaseta“ und Mez AG, beide Freiburg im Breisgau.

Britische Zone: Glanzstoff-Courtaulds G. m. b. H., Köln-Merheim; Werk der Vereinigten Glanzstoff-Fabriken, Oderbruch bei Aachen; I. P. Bemberg AG, Wuppertal-Barmen; I. G. Farbenindustrie, Dormagen; Rheinische Kunstseide AG, Krefeld; Rheinische Zellwolle. AG, Siegburg; Kampf & Spindler AG, Hilden (nur für Eigenbedarf); Veredelungswerke der Kunstseiden AG, Wuppertal-Barmen und Waldniel.

Die vorstehende Aufstellung versteht sich ohne Rücksicht auf die derzeitige Produktionserlaubnis. In den stilliegenden Werken (z. B. Oberbruch. und Bemberg) ist noch eine erhebliche Leistungsreserve enthalten, deren Ausnutzung eine steigende Versorgung der verarbeitenden Industrie gewährleisten könnte. Das gleiche gilt besonders von den nur teilweise beschäftigten Großunternehmen, wie der Spinnfaser AG, die ihre augenblickliche Zellwoll-Produktion (täglich 6 t) auf rund das Zehnfache zu steigern vermöchte. Abgesehen von den beiden Azetatbetrieben der französischen Zone und den Kupferammoniakwerken von Bemberg und Dormagen beruht die synthetische Faserstoffgewinnung auf dem dem Viskoseverfahren, das bekanntlich weitaus am gebräuchlichsten ist. Auf jeden Fall sind in der Kunstseiden- und Zellwollgewinnung der Westzonen sämtliche Herstellungsarten (das Nitratverfahren spielt keine Rolle mehr) neben zwei Kunstseidenveredelungsbetrieben vertreten. Westen und Süden verfügen also über Austausch- und Ergänzungsmöglichkeiten, die für eine vielseitige Weiterverarbeitung, wie sie sich in längerer Entwicklung eingespielt hat, unentbehrlich geworden sind. Darüber hinaus bieten sich für die Versorgung der Kunstseiden- und Zellwollindustrie mit Roh- und Hilfsstoffen Möglichkeiten des Ausgleichs. Dem Mangel. an Zellstoff, dem Ausgangsprodukt der synthetischen Fasern, in der britischen Zone steht eine Anzahl von Zellstofferzeugern der amerikanischen Zone gegenüber, deren Ausbringung für den „rohen“ Bedarf (nach Menge und Güte) ausreichen wird. Es ist wesentlich eine Frage der künftigenDevisenbilanz, ob man außerdem auf nordische Zellulose für Spitzenqualitäten zurückgreifen kann, die zur Ausfuhrförderung erstklassiger Textil- und Bekleidungswaren besonders geeignet sind. Ebenso können sich die Westzonen in Hilfsstoffen für die synthetische, Spinnstoffgewinnung ergänzen. Der schwer zu bewältigende Engpaß der britischen. – Zone beim Schwefelkohlenstoff läßt sich vorerst nur überwinden, wenn der Süden einen Ausgleich schafft. Das zur Zeit im Viskoseverfahren führende rheinische Unternehmen der Kunstseiden- und Zeitwollindustrie hat den genannten Hilfsstoff schon bislang vornehmlich aus Kreuznach (französische Zone) bezogen.

Noch bedeutsamer erscheint die Ergänzung der einzelnen Zonen in den Besonderheiten, die die Kunstseiden- und Zellwollindustrie hüben und drüben zu bieten hat. Infolge der Zonenabsperrung hatten sich in der Weiterverarbeitung Mißstände eingeschlichen, die den Ruf der synthetischen Fasern einer schweren Belastung aussetzten. Die Baumwollindustrie verlangt andere Zellwolltypen als die Wollindustrie, diese wieder andere als die Seidenindustrie. Für Bekleidungszwecke sind andere Arten am Platze als für den technischen Bedarf. Erst im großen Wirtschaftsgebiet, wo alle Typen und Spezialitäten vertreten sind, stehen einer zweckgerechten Verwendung keine äußeren Hindernisse entgegen. Die Kunstseide kann nicht dafür verantwortlich gemacht werden, wenn ein süddeutsches Unternehmen der Schwergewebeherstellung plötzlich aus ganz groben Kunstseidengarnen Futter- und Kleiderstoffe herstellt und naturgemäß dabei Schiffbruch erleidet. Mit der Wiederherstellung des natürlichen Warengefälles über die Zonengrenzenhinweg wird solchen Mißgriffen der Boden entzogen. Je höher der Verfeinerungsgrad, um so ausgeprägter und individueller in der Regel die Spezialität; um so mehr aber ist auch ein Austausch nötig. Nur ein paar Beispiele: Ein noch stilliegender rheinischer Kunstseidenbetrieb mit besonderen Spezialanlagen könnte sich der Befriedigung des überaus dringenden Bedarfs der Bürstenindustrie war künstlichem Roßhaar widmen, könnte die Hutgeflechtindustrie mit Visca versehen und einen Teil der Nachfrage nach Kunstseidenstrangware stillen. Ein Kunstseidenwerk der amerikanischen Zone wederum und andere Spezialbetriebe in Süddeutschland – stehen mit leistungsfähigen Kreppanlagen zur Verfügung, die einen wesentlichen Beitrag zur Kunstseidenveredelung vorzüglich für ausfuhrbestimmte hochwertige Gewebe zu leisten vermögen. Die Kunstseidenveredelungsbetriebe im Rheinland schließlich sind auf das Verzwirnen und Aufmachen der Kunstseidengarne in verschiedener Verspulung eingestellt. Bei all diesen Spezialfertigingen, denen, sich noch weitere Beispiele anreihen ließen, kann in der wirtschaftlichen Einheit der Westzonen wieder ein reger Austausch zwischen Nord und Süd einsetzen und die verarbeitenden Textil- und Bekleidungszweige für Binnenmarkt und Ausfuhr befruchten. H. A. N.