Von Jan Molitor

In Lübeck, beim Vorüberfahren, kann man gegenüber dem Rathaus die Reste vom Heim der Buddenbroks sehen eine Fassade, eine einzige Wand, dahinter nur Wind, sonst gar nichts mehr. Dies also ist alles, was vom Glanz der patrizischen Kaufmannsfamilie übrigblieb, deren Aufstieg und Niedergang Thomas. Mann mit der dem Thema und dieser lübischen Umwelt angemessenen behäbigen und minutiösen Sprachgewalt beschrieben hat. Die Fassade aber ist noch im Tode schön. Sie macht den Eindruck, als hätte man sie konserviert. macht auch der Platz, auf dem sich einst das Buddenbroksche Haus erhob, hat – ordentlich aufgeräumt, wie er daliegt – etwas Sauberes und Adrettes. Und man weiß nicht: ist dies, aus Pietät geschehen, aus Respekt für eine endgültig dahingegangene. Vergangenheit, eine ist es eine Vorbereitung, für die Zukunft, solchergestalt, daß etwa jeden Augenblick die Maurer kommen könnten, um der leeren, windumpfiffenen und doch so säuberlichen Fassade ein neues würdiges Haus zu schenken?

Jedenfalls jetzt, beim Vorüberfahren, erschien die Fassade wie ein Symbol. Auch sie verriet, daß die Bürger dieser Stadt es an sich, haben, voll Stolz und Wehmut der alten Vergangenheit zu gedenken. „Sie sind gewissermaßen konservativ“, sagte der Oberverwaltungsrat, der aus Berlin gekommen und dem die Leitung der Wirtschaftsamtes obliegt. Er fügte hinzu, daß er nicht ungern in Lübeck arbeite, ganz im Gegenteil, und daß das Wort „konservativ“ nicht etwa im engen politischen Sinne gemeint sei, sondern offenbar mit der vom hanseatischen Geist bestimmten Stadtgeschichte zusammenhinge. Und später sagte dann auch der Senator, dem die Sorge für das Wirtschaftsleben anvertraut ist, ein Mann aus. den Reihen der Sozialdemokraten, nichts, was dem widersprach. Er sagte, sie für ihren Teil hätten es bei dem noch so jungen neuen demokratischen Leben dieser Stadt schon erreicht, daß die Parteien in allen entscheidenden Dingen miteinander und nicht gegeneinander arbeiteten. Dies wäre freilich ein sicheres Kennzeichen dafür, daß bei allen schweren Mühen um das tägliche Brot die Verzweiflung doch nicht überwiegt gegenüber dem heißen Wunsch, wieder an die Zukunft glauben zu dürfen.

Dies ungefähr ist, die psychologische Situation, in jener Stadt, die aus traditionellem. Stolz nicht; verzweifeln will, obwohl sie durch die benachbarte Zonengrenze viel. Hinterland verloren hat. Obendrein scheint die Natur, die boshaft genug war, diesmal die Ostsee in dicke Panzer von Packeis zu hüllen, mit aller Deutlichkeit darlegen zu wollen, daß ebensowenig wie nach Osten auch nach Norden ein Weg mehr frei ist, auf dem sich hanseatische Initiative entfalten könnte. Auf dem Eis an der Küste bei Travemünde stehen die Fischer – dick vermummte Gestalten – und haben lange Stangen in den Händen: sie stechen Aale. Und manch anderer hat ebenfalls ein Loch ins Eis geschlagen und tut es den Fischern gleich obwohl es ihm verboten ist. Das wären dann also die Schwarzstecher. Und wenn man bedenkt, daß mancher heute veranlaßt ist, im trüben zu fischen, so scheint auch dieser Anblick irgendwie symbolisch.