Der Leser sei zunächst eingeladen, einen kurzen Blick in ein utopisches deutsches Land zu tun: Irgendwo zwischen Emden – und Passau gelegen und somit dem Gebiet der wirtschaftlich vereinigten. westlichen Besatzungszonen zugehörend, hat das am Februar 1946 geschaffene Land Schwäbisch-Lippe lange Zeit hindurch nicht recht die ihm gebührende Beachtung gefunden. Erst in jüngster Zeit ist das anders geworden, seitdem der bekannte Ernährungsfachmann E. R. Kannes von dem in der Landeshauptstadt, in Permanenz, tagenden Landtag, zur Übernahme des Landwirtschaftsminis teriums bewogen werden. konnte. Minister Kannes hat die hohen Erwartungen, die man in seine Person, gesetzt hatte, erfüllt, ja sogar noch übertreffen. Durch den genialen verwaltungstechnischen Coup, auf dem seine „Verordnung über die Durchleuchtung landwirtschaftlicher Betriebe“ (vom 18. Februar 1947) beruht, ist es ihm gleichsam über Nacht gelungen, die Erfassung, der Lebensmittel beim Erzeugerhundertprozentig zu machen. Ein Schwarzer Markt besteht dort seitdem praktisch – nicht mehr; die benachbarten Länder haben -es auch verstanden, den Lebensmittelschmuggel aus ihrem Gebiet nach Schwäbisch-Lippe hinein fast völlig zu unterbinden. Auch alles Tauschen und Kungeln hat aufgehört, da ja die Bauern über ihre gerade äusreichenden Selbstversorgerrationen hinaus keinerlei. Lebensmittel mehr verfüglich haben.

Als Minister Kannes am 13. März in Stuttgart vor seinen acht Fachkollegen vom „Ernährungs- und Landwirtschaftsrat“ über das geglückte Experiment referierte, wurde er zunächst herzlich zu dem Erfolg beglückwünscht. Alsdann beschloß der Rat der Acht, daß Schwäbisch-Lippe als nunmehr aus eigenem Aufkommen hinreichend versorgtes Land keine Lieferungen an Getreide und Kartoffeln mehr erhalten solle, wie sie diesem notorischen Zuschußgebiet bisher zugebilligt worden waren. Anderseits wurde die Quote für die von Schwäbisch-Lippe abzugebenden Erzeugnisse – Vieh, Butter, Käse – wesentlich erhöht, „entsprechend der gestiegenen Leistungsfähigkeit des Landes“. Schließlich beschloß das Stuttgarter Gremium, einen Ausschuß einzusetzen, der die Frage prüfen soll, ob und unter welchen Modifikationen das von Minister Kannes eingeführte Erfassungssystem gegebenenfalls auch auf andere Länder der beiden Zonen zu übertragen sei.

Für die weitere Entwicklung der Dinge genügt eine Darstellung in wenigen Worten: Der nach Hause zurückgekehrte Minister wurde in Permanenz beschimpft: er habe das Land „der Ausplünderung durch die Nachbarn preisgegeben“. Die Bauernschaft warf ihm vor, daß seine Politik die letzten. Substanzreserven derBetriebe aufzehre und auch die letzten Möglichkeiten, die Produktion in Gang zu erhalten, unterbinde: „Ohne Hingabe von Tauschware erhalten wir keinen Nagel und keine Kuhkette mehr; der Schmied beschlägt kein Pferd; der Schlosser repariert keine Maschine; Industrie und Handel liefern uns keine Waren mehr.“ Als nun noch bekannt wurde, daß Mr. Hoover auf Grund der besseren Erfassungsergebnisse und der günstigeren Versorgungslage, wie sie Sich aus dem Kannes-Experiment für Schwäbisch-Lippe ergeben hätten, Präsident Truman eine Herabsetzung derfür die beiden Westzohlen vorgesehenen Lebens-Mittelzuschüsse anempfohlen habe, wurde der Minister durch ein Mißtrauensvotum des Landtags gestürzt und zugleich die verhängnisvolle Verordnung. vom 18. Februar aufgehoben.

Der Sinn dieses gedanklichen Experiments, das um der größeren Anschaulichkeit willen in das chimärische Land Schwäbisch-Lippe verlegt wurde, dürfte – klar sein. Es soll auf folgende Tatsachen hinweisen: Jeder einzelne der Ernährungsminister, die gemeinsam über die Landwirtschaftspolitik und Ernährungswirtschaft der beiden Zonen zu befinden haben, steht – mag er es nun vor;sich selber zugeben oder nicht – unter dem Druck der Vorstellung, daß er das Beste für „sein“ Land, „seine“ Bauern herausholen müsse. Dieser Interessenstandpunkt ist das Primäre, selbst dann, wenn der Träger des Ministeramtes zutiefst von dem Gefühl der Verantwortung gegenüber dem Zweizonenganzen erfüllt ist. Er wird immer so verfahren, daß er zunächst für das eigene Land sorgt, für dessen Lebensmittelreserven, für die Aufrechterhaltung der Substanz in den landwirtschaftlichen Betrieben dort; er wird versuchen, die außer Landes gehenden Lebensmittelmengen so niedrig wie möglich, die Zuschüsse an Auslandsware so hoch wie möglich zu halten. Entsprechend werden also die Beschlüsse dieses Gremiums ausfallen, in dem sich die Sonderinteressen von acht Ländern nicht etwa ausgleichen, sondern vielmehr kumulieren.

Kann nun Dr. Dietrich, der Leiter des Zweizonenamtes, demgegenüber den gesamtdeutschen Standpunkt durchsetzen? Leider nicht – denn er ist kein Minister, sondern nur ausführendes Organ für das, was die höchste Instanz, der Rat der acht Fachminister, beschlossen hat. Und wenn sich ein Mitglied dieses Gremiums nicht an die gemeinsam gefaßten Beschlüsse hält und bereit. Ausführung stillschweigend oder offen verweigert, so fehlt dem „Geschäftsführer“ Dr. Dietrich mangels exekutiver Befugnisse jede Möglichkeit, das Beschlossene durchzusetzen; Das ist, leider, nun keine theoretische Erwägung und keine aus dem Fiktiven gewonnene Überlegung mehr, sondern eine (durch die Haltung des bayrischen Landwirtschaftsministers demonstrierte) politische Tatsache.

Dabei ist die Ernährungswirtschaft heute, eine viel zu ernste Sache, als daß man sie den Zufälligkeiten der Beschlußfassung in einem Pseudoparlament von acht Fachministern überlassen könnte. Gewiß ist in Stuttgart keine Wiederholung der Mindener Vorgänge zu befürchten. Aber nachdem Aufzehren der letzten Reserven an Fettenund Fettrohstoffen geraten wir in Kürzein eine britische Phase der Fett- und gleichzeitig auch der Fleischversorgung. Denn zugleich der Punkt „reicht, wo weitere Abschlachtungen. wie sie notwendig wären, um die! ach so geringen Fleischrationen beizubehalten, immer schärfer in denViehstapel hineinschneiden und danlt – neben anderem– zugleich die Versorgung mit Milch und also auch mit Butterfett zunehmend gefährden. Noch wissen wir nicht, ob der neue Hoover-Plan s.überhaupt Lieferungen an Fett und Fleisch vorsieht und ob es möglich-sein wird (vorausgesetzt, daß die beteiligten Regierungen den Plan annehmen und sich über die Bereitstellung der erforderlichen Einfuhrkredite einigen!), diesen Plan kurzfristig in Gang zu; setzen. Aber wenn der Plan anläuft, und sollte wenigstens auf deutscher Seite, für das Gebiet dir beiden Zonen, ein Kontrahent vorhanden sein, der sich verantwortlich dazu äußern kann, Was vordringlich“ an Lebensmitteln gebraucht wird, was an Produktionsmitteln, und wie diese Dinge verteilt werden sollen.

Die für Wirtschaftsdinge maßgebenden Männerder Besatzungsmacht, die Generale Robertson und Clay, haben mit einer drastischen. Geste dargetan, daß sie ein besseres Funktionieren des Stuttgarter Zweizonenamtes wünschen, als sie Dr. Dietrich in einem Schreiben aufforderten, einen Produktionsplan vorzulegen. Daß, im Zeitalter der Planung und Lenkung, bisher kein solcher Gesamtplan für die landwirtschaftliche Erzeugung existiert, das ist ja wohl hinlänglich bezeichnend für das mangelnde Vertrauen, das Dr. Dietrich in seine eigenen Kompetenzen setzt. „Was hilft mir ein Plan“,, so könnte er antworten, „wenndie Ernährungsminister der Länder nicht an ihn gebunden sind – und nicht quasi auf seine Innehaltung vereidigt werden können!“ Aber offenbar ist doch ein solcher Plan notwendig (in wörtlichem Sinne: erforderlich zur Abwendung der Not), und ebenso notwendig ist es daß in allen Ländern nach den gleichen Richtlinien, nach dem gemeinsam beschlossenen Plan also, verfahren wird. Der Mann, der in Stuttgart an der Spitze des Zweizopenamter steht, mag es nun Dr. Dietrich sein oder ein anderer, braucht in außergewöhnlichen Zeiten auch außergewöhnliche Vollmachten. Er soll gewiß in erster Linie der Mann ihres Vertrauens sein – aber er braucht jetzt, für einige Zeit, gegenüber den Länderministern die Weisungsbfefugnis. Er muß Stellung und Machtbefugnisse eines Kommissars haben.