Von Herbert Fritsche

Seit dem 6. vorchristlichen Jahrhundert, der Zeit des indischen Arztes Atreya, ist sich – kreuz- und quer durch Zeit und Raum – die Heilkunst im Methodischen uneinig. Nicht nur führt das Verschworensein der wissenschaftlichen Medizin auf den Fortschritt der Forschung immer wieder dazu, daß ihre gestern noch gesichert erscheinenden Ergebnisse durch eben diesen Fortschritt heute schon veralten oder bis zur Unkenntlichkeit ergänzungs- und reformbedürftig sind, sondern neben dieser offiziellen Heilkunde gedeihen zu allen Zeiten und in allen Zonen immer zugleich noch; außenseiterische Richtungen. Heute, wo die gesamte Menschheitsentwicklung gleichsam im Zeitraffertempo vonstatten geht,-kann man geradezu von „galoppierender“ Medizingeschichte“ sprechen, so schnell wird – oft schon über ein Jahrzehnt hinweg – dasjenige zur „Geschichte“, was soeben noch im Licht, modernster. Aktualität, erglänzte. Aber zugleich gedeihen neben dieser immerfort pionierhaft über sich selbst hinwegeilenden fort schrittsmedizin – der ärztliche Denker. Werner Leibbrand spricht sogar von Fortschrittsamokläufern – heilkundliche Sonderrichtungen, die sich auf ein überzeitliches Gesetz des ärtzlichen Handelns (wie die Homöopathie) oder auf ein der wissenschaftlichen Medizin unfreundlich gesinntes Vertrauen zu den Ordnungsgesetzen des Lebens und der Gesundheit (wie die Naturheilkunde) oder auf Sonderkenntnisse hinsichtlich der überbiologischen Faktoren im Menschenleben (wie die Psychotherapie, die anthroposophische Medizin) berufen. So herrscht ein buntes Vielerlei und nicht selten auch eine betonte Gegensätzlichkeit in der Heilkunst, wenn es sich um das Methodische und dessen Rechtfertigung handelt. Einig hingegen sind sich alle Richtungen, wenn vom Ziel die Rede ist. „Des Arztes höchster und einziger Beruf ist, kranke Menschen gesund. zu machen, was man heilen nennt“, sagt Samuel Hahnemann im ersten Paragraphen seines „Organon der Heilkunst“ – und kein Arzt auf Gottes Erde wird ihm darin widersprechen. –

Aber mutet es nicht unverständlich an, daß fast nie eine Uneinigkeit aufgekommen ist hinsichtlich der Gesundhet? Erst heute beginnt die gesamte Problematik dessen, was es mit – dem Gesundsein auf sich hat, ins Bewußtsein der Heilkunde und ins Gespräch ihrer Vertreter zu geraten. Als noch das naive naturwissenschaftliche Denken das Feld beherrschte, sprach man gern vom normalen Menschen. Als „krankhaft“ galt, was von der Norm abwich. Da aber der Naturwissenschaftler der Erfahrung verschworen ist, mußte sich ihm die Ermittlung des „Normalen“ aus dem Durchschnittsbefund ergeben: so, wie die meisten Exemplare beschaffen sind, ist die „Norm“ einer Art. Wie – bedenklich eine solche Sicht bewertet werden muß, ließ sich schon aus dem vulgären Sprachgebrauch ersehen, wenn über Menschen mit auffallenden WeSenszügen (zumeist in seelischer und geistiger Hinsicht) das gehässige Urteil gefällt, wurde: „Der ist ja nicht normal!“ Für alles Überdurchschnitt- – liche sollte, möglichst der Irrenarzt zuständig sein – das reicht, vom Entmündigungsantrag gegen den. Grafen Zeppelin bis zur Prägung des Schlagwortes „Entartete Kunst“.

Mit der Gleichsetzung von Norm, Durchschnitt und Gesundheit – einer im naiv naturwissenschaftlichen Sinne durchaus möglichen Gleichsetzung – mußte jedoch der nachdenkliche Arzt alsbald in Konflikt geraten. Der Durchschnitt der Dreißigährigen weist ein schadhaftes Gebiß auf. Ist das normal“?. Und wenn es – Norm gleich Durchschnitt gesetzt – wirklich als „normal“ zu gelten tat, ist es dann etwa „gesund“? Oder es kommt ein Fünfzigjähriger mit erhöhtem Blutdruck und mit leichten Anzeichen einer gestörten Herztätigkeit zum Arzt und empfängt von diesem die beuhigende Mitteilung: „Das ist in Ihren Jahren ganz normal!“ In Wirklichkeit wird damit ausgesagt, daß der Durchschnitt der Fünfzigjährigen heute leider Kreislaufstörungen aufweist. – aber der „normale!“ Fünfzigjährige, wenn wir darunter den Gesunden verstehen wollen, muß selbstverländlich frei davon sein.

Aus dem Durchschnittsbefund läßt sich zwar die iologische.– Fragwürdigkeit – des Gegenwartsmenschen anschaulich machen, niemals jedoch kann daraus eine Richtlinie für das „Normale“, nach dem sich die Beurteilung des Gesundseins auszurichten hat, ermittelt werden. Wenn nun derArzt als Ziel die Gesundheit im Blickfeld haben muß, woher nimmt er deren Bild, das ja das Leitbild seines Denkens und Handelns ist? Dem Laien mag eine solche Fragestellung überflüssig erscheinen. Ihn treiben Beschwerden zum Arzt,’ deren Beseitigung ihm zunächst mit der Wiederherstellung seiner Gesundheit gleichbedeutend erscheint. Der Arzt hingegen weiß, daß eine arzneiliche Unterdrückung quälender Symptome die schlimmste Kurpfuscherei darstellen kann: käme es nur darauf an, dasjenige rasch auszuschalten, was den Kranken plagt oder beirrt, so wären Betäubungs- und Aufpeitschmittel ausreichend, um jenes Zerrbild der Gesundheit zu erzielen, das sich aus der Gleichsetzung von Gesundheit und Beschwerdefreiheit herleitet. Hinzu kommt, daß gerade die schwersten Leiden oft lange Zeit hindurch vollkommen beschwerdefrei verlaufen: eine bösartige Geschwulst, kann schon unheilvoll im Organismus wuchern, ehe der Inhaber dieses Organismus – der in ihm wohnende Menschengeist – auch nur das Geringste davon spürt. Darf man den Träger einer solchen Geschwulst, nur weil sie keine Symptome hervorruft, als: gesund bewerten? Er ist schwer krank!

Nach den – sehr berechtigten – Anschauungen bestimmter Denkrichtungen der Heilkunde stellt das Manifestwerden einer Krankheit überhaupt nur einen Endprozeß dar, dem stets eine längere Zeit der unmerklichen Krankheitsvorbereitung voranging. Die biologische Medizin spricht in diesem Sinne von einer „prämorbiden Phase“ oder (nach, Bircher-Benner) von „trächtiger Gesundheit“. Selbstverständlich sind Menschen im Zustand der Prämorbidität bereits Kranke, auch wenn sie sich subjektiv gesund, fühlen und die klinische Diagnose noch nichts Faßbares ermitteln kann. Gemeint ist diejenige Lage des Organismus; die man volkstümlich als „allgemeine Säfteverderbnis“ bezeichnet. Der, Boden ist vorbereitet, auf dem alsdänn bakterielle Krankheitserreger Fuß fassen, die dem Funken im Pulverfaß Verglichen werden können.’

Die Psychotherapie hat heute eine Fülle gesicherter Ergebnisse zur Verfügung, um das Zutagetreten von organischen Störungen auf Grund seelischer Fehlhaltungen und Abirrungen zu beweisen. Auch daraus ergibt sich, daß ein Mensch zum Beispiel körperlich einwandfrei „gesund“ sein kann, im Bereich seines seelischen Organismus jedoch als kränk, ja unter Umständen sogar als schwer krank erachtet werden muß. So gibt es Fälle, bei deren Durchforschung der Chirurg und der Internist keinen Befund erheben können, aber konstitutionsbiologische Beobachtung – vielleicht trotzdem eine aus dem Gleichgewicht geratene Gegesundheit bemerken kann; geht auch solches Fahnden leer aus, so bleibt immer noch abzuwarten, was der Psychotherapeut ermittelt. Es ist gar nicht einfach – und auf keinen Fall etwa unproblematisch – die Gesundheit eines Menschen festzustellen. Erhebt man höchste Ansprüche – wie es zum Beispiel Paracelsus tat, der die Gesundheit des Menschen von dessen oberstem Wesensglied, vom. Geiste her zu beurteilen begann –, so kann sich ergeben, daß ganze Menschengruppen, etwa der in seiner Geistwesenheit dumpf und leer gewordene Spießbürger oder der’sein Menschentum ins Biologische verratende Kampf-ums-Dasein-Typus, für fleischgewordene Krankheitsprozesse gelten müssen. Und in der Tat: bei Schicksals; Belastungen fallen solche Abirrungen des wahren Menschenbildes allzu leicht in die Neurose, in die Selbstzerstörung oder in deren organische Äquivalente. Es ist sehr ungesund, Wenn der Mensch die Ähnlichkeit mit sich selber einbüßt.