Von Paul Fechter

So, nun bin ich ruiniert! Man mag ja meinen, das sei nichts Besonderes; ruiniert wären wir heute in schöner Schicksalsgemeinschaft alle, soweit wir die Ehre haben, der deutschen Nation anzugehören. Aber ich meine etwas anderes, einen höchst persönlichen Ruin, den ich noch dazu dem Beginn des Wiederaufbaus und mir selbst verdanke:

Eines Tages erschien ein guter Freund, den das. Geschick mit der Neugier belastet hat, festzustellen, was abseits der Jagd nach Eß- und Brennbarem, sei es Tabak oder Holz, im Lande vorgeht. Er möchte an dem inneren Wiederaufstieg teilnehmen und denkt, das am besten zu erreichen, wenn er möglichst alles liest, was in der Vierzonenwelt an Zeitschriften gedruckt wird. So hofft er, am schnellsten wieder ein guter Demokrat und Europäer zu werden.

Diesmal hatte er von einem Aufsatz Pascual. Jordans erfahren, den er unbedingt lesen müsse. Mein Mann hatte sich also auf die Suche gemacht Nur eine Frage war ungeklärt: in welcher Zeit- – schritt eigentlich die Ausführungen des Nachfolgers von Max Planck zu lesen waren. Was tun? So also kam er zu mir, und da sein Wunsch ansteckend wie ein Grippebazillus wirkte, wurde sein Ehrgeiz mein Ehrgeiz, seine Sehnsucht meine Sehnsucht. Ich nahm es mit Vergnügen auf mich, ihm suchen zu helfen, und eben das wurde mein Ruin.

Ich habe eine ebenso reizende wie tüchtige Buchhändlerin, habe sie, weil sie mein, wie Polonius – sagt. Ihr trug ich unser Anliegen vor, und sie erbleichte. Doch trat sie an ihre Regale, kam mit einem Stoß Hefte wieder und sagte tapfer: „Wollen mal sehen!“

„Der Aufbau“, „Frankfurter Hefte“, „Berliner Hefte“. „Athena“, „Deutsche Rundschau“, „Neue Welt’’, „Gegenwart“, „Weltbühne“, „Nordwest- – deutsche Hefte“, „Theater der Zeit“, „Neue Auslese“, „Der Ruf“, „Benjamin“ – das war der Anfang. Wir setzten; wir vertieften uns. Die Zeit-, Schriften, waren übrigens ausgezeichnet. Glänzend redigiert und aktuell. Doch da sie aktuell waren, hatten sie auch alle dieselbe Aktualität. Wie sollte es auch anders sein? Es war still um uns in dem kleinen Hinterzimmer. Zuweilen kam eines der helfenden Mädchen und brachte neue Hefte. Dann sahen wir auf, aus fernen Welten auftauchend, die von Australien und Neuseeland bis zum Expressionismus reichten. Als ich den vierundzwanzigsten Aufsatz über die Segnungen der Demokratie und den fünften über den Existentialismus, natürlich den französischen, begann, ließ meine Nachbarin ihr Heft sinken: „Meinen Sie, so geht es?“ Ich meinte es nicht aber ich zuckte die Achseln: „Wie soll man es anders machen?“

Sie nickte träumerisch: „Ich habe noch eine Menge Hefte, auch von anderen Revuen. Vielleicht ist er da drin.“ Sie zog die Lade einer Kommode heraus, und schüttete mir etwa zwanzig weitere Druck-Erzeugnisse in den Schoß. Ich hatte eigentlich genug; es mochten bereit? zwei Stunden vergangen sein, aber ich nahm die Gabe auf und vertiefte mich von neuem. Sie nahm einen ähnlichen Stoß und tat desgleichen. Es war insofern eine Abwechslung, als die Hefte andere Titel und Umschlage hatten. Einige sahen wie Otto von vorn und von hinten gleich aus; lesen konnte man es aber nur von einer Seite her. Auch hatten die Autoren geringere Namen, und ihr Stil war danach. Der Inhalt aber umfaßte bei allen die gleiche Weltweite: Von Madagaskar bis nach Rußland und von – den Staaten bis zum Expressionismus, von Thomas Mann bis zur Atombombe; nur von Pascual Jordan keine Spur. Ich las den dreißigsten Artikel über die Notwendigkeit der demokratischen Erziehung Deutschlands Wenigstens an, dann sah ich verstohlen zu meiner Nachbarin hinüber. Sie war leise eingenickt: aus dem aufgeschlagenen Heft, das ihrer Hand entglitten war, leuchtete die Überschrift: Existentialismus in der modernen Literatur. Ich zählte die Hefte in meinem Schoß, sortierte, notierte und summierte. Die Gesamtzahl der Organe betrug einundzwanzig: Und von Pascual Jordan noch immer keine Spur. – Als die Buchhändlerin erwachte, bat ich sie: „Besorgen Sie mir bitte von allen Zeitschriften, die Sie erreichen, können, die letzten beiden Nummern. Das hilft sicher.“ Sodann verabschiedete ich mich, nicht ohne ihr zum Dank ein paar Bücher nicht etwa abgekauft, sondern antiquarisch aus den Resten meiner einstigen Bibliothek zum Ankauf versprechen zu haben. Eine Liebe ist der anderen wert.